Race Across America:Den Mythos zerstört?

Lesezeit: 4 min

Ein Deutscher verblüffte beim angeblich härtesten Radrennen der Welt - weil er schlief. Ein Gespräch mit Michael Nehls.

Birgit Lutz-Temsch

Michael Nehls, Arzt und Molekulargenetiker, ist leidenschaftlicher Rennradfahrer. 2008 nahm er am Race Across America teil, einem Radrennen, das über mehr als 4800 Kilometer quer durch die Vereinigten Staaten führt und als die härteste Ausdauerprüfung im Radsport gilt. Die Teilnehmer müssen die Strecke in zwölf Tagen schaffen. Dabei gehen sie an ihre Leistungsgrenzen und schlafen kaum. Michael Nehls verblüffte Organisatoren und Konkurrenten mit einer neuen Strategie, mit der er sich nicht nur Freunde machte. Seine Erfahrungen hat er nun in einem Buch veröffentlicht.

Race Across America: Der Deutsche Michael Nehls fuhr mit einer eigenen Strategie durch das härteste Rennen der Welt.

Der Deutsche Michael Nehls fuhr mit einer eigenen Strategie durch das härteste Rennen der Welt.

(Foto: Foto: Uwe Geißler)

sueddeutsche.de: Das Race Across America gilt als das härteste Rennen der Welt - warum?

Michael Nehls: Weil nur die Hälfte der Teilnehmer im Ziel ankommt - zum Vergleich: Sogar beim Ironman in Hawaii kommen 90 Prozent an. Der Witz ist aber, dass dieses Rennen gar nicht so anstrengend wäre, wenn die Rennfahrer mit meiner Strategie fahren würden ...

sueddeutsche.de: ... mit der Sie viel Aufsehen erregt haben. Was haben Sie anders gemacht?

Nehls: Ich habe geschlafen - relativ viel. Und das hat für Aufregung gesorgt. Aber ich war mir als übergewichtiger Manager durchaus im Klaren, dass ich nicht mit Profis mitfahren kann. Mir ging es also ums Durchkommen, nicht um den Sieg. Ich fand auch die Herangehensweise der Profis zu gefährlich.

sueddeutsche.de: Warum?

Nehls: Weil diejenigen, die gewinnen wollen, dieses Rennen praktisch ohne Schlaf fahren.

sueddeutsche.de: Ohne Schlaf?

Nehls: Ja. Das Rennen hat den Ruf, dass es eine Mischung ist aus Athletik und der Fähigkeit, das Rad mit möglichst wenig Schlaf zu manövrieren. Der zweite Aspekt liegt im Vordergrund.

sueddeutsche.de: Wie konnten Sie dann das Rennen schaffen und gleichzeitig ausreichend schlafen?

Nehls: Meine Kinder hatten Angst, dass ich mich in Gefahr bringe. Also habe ich mir folgendes ausgerechnet: Wenn man nur durchkommen, die Strecke also innerhalb von zwölf Tagen fahren will, dann muss man nicht mit maximalem Schlafverzicht fahren.

sueddeutsche.de: Das klingt logisch.

Nehls: Ist es auch. Aber die Profis setzen den Trend, wie gefahren wird. Und die normalen Fahrer ziehen dem hinterher. An der Westküste fahren sie also mit 35-40 Stundenkilometern los, und an der Ostküste strampeln sie dann gerade noch 10-15 Stundenkilometer schnell, weil sie völlig übermüdet sind. Da könnte jede Oma mithalten.

sueddeutsche.de: Aber anders schafft man die Strecke ja angeblich gar nicht ...

Nehls: Doch! Wenn man die 4800 Kilometer durch 12 teilt, sind das 400 Kilometer am Tag. Bei einem 30-km/h-Schnitt schaffe ich das in 13 Stunden. Es gibt also erst mal keinen Grund, warum ich dann nur eine Stunde schlafen sollte. Ich habe mir dann ausgerechnet, dass ich pro Tag 15 Stunden fahren werde. Und den Rest schlafe. Dadurch vermutete ich eine Regeneration, die es wettmachen würde, dass ich schlief, während die anderen weiterfuhren.

sueddeutsche.de: Und das hat funktioniert?

Nehls: Ja. Das hat funktioniert. Ich war auch der erste Fahrer, der relativ erholt im Ziel ankam, und nicht halbtot.

sueddeutsche.de: Das fanden aber gar nicht alle so toll ...

Nehls: Nein, die Veranstalter fanden das nicht gut. Wahrscheinlich, weil ich den Mythos Race Across America ein bisschen kaputtmachte. Während des Rennens hatten die Reporter viel Interesse an mir, weil der Verdacht aufkam, dass ich gar nicht Rad fahre, sondern Auto. Weil ich eben relativ schnell fuhr. Deshalb fuhr ich immer viel früher an den nächsten Kontrollpunkten vorbei als die anderen. Denn die waren nach den ersten paar Tagen halt nur noch 20 km/h schnell. Dafür fuhren sie mehr Stunden pro Tag als ich - während ich mich am Abend in die Badewanne legte.

sueddeutsche.de: Und da waren Sie der Erste, der das so gemacht hat?

Nehls: Ja, erstaunlich, nicht? Das hatte sich vor mir scheinbar noch niemand ausgerechnet, dass es auch anders gehen kann. Ich habe am Ende dann auch einen Orden bekommen - als der Teilnehmer, der in der Geschichte des Rennens am meisten geschlafen hat. Ich hab sozusagen eine neue Kategorie geschaffen.

sueddeutsche.de: Wie haben die anderen Fahrer reagiert?

Nehls: Sehr überrascht - denn logischerweise habe ich jeden Tag immer wieder die gleichen Fahrer überholt. Die sind in der Nacht an mir vorbeigefahren, während ich schlief, und am nächsten Tag habe ich sie ausgeruht wieder überholt. Das war witzig, denn bei diesem Rennen fährt eigentlich jeder für sich, man sieht nie einen der anderen. Ich habe aber ungefähr 100 Überholmanöver gemacht.

sueddeutsche.de: Hat Sie auch mal einer überholt?

Nehls: Nein, nie.

sueddeutsche.de: Welchen Platz haben Sie denn schlussendlich erreicht?

Nehls: Den Siebten, aber wenn ich nicht eine halbe Stunde Zeitstrafe bekommen hätte, wäre ich sogar Sechster gewesen.

sueddeutsche.de: Das hört sich alles sehr entspannt an. Sind Sie mal an einen Punkt gekommen, an dem Sie nicht mehr wollten?

Nehls: Nein, nie. Nur am dritten Tag musste ich bis auf 3500 Meter hoch, dann weiter auf 2500 Meter, und es wurde ein bisschen kühl. Ich hatte in der Sauna trainiert, aber nicht im Kühlschrank - und das hat mich ganz schön geschlaucht, und ich hatte dann Angst, dass ich mir eine Lungenentzündung hole.

sueddeutsche.de: Was war der schönste Moment, den Sie in dieser Zeit erlebt haben?

Nehls: Vom Landschaftlichen her fand ich das Monument Valley phantastisch, es ging nur viel zu schnell vorbei. Emotional ist mir besonders ein Erlebnis in Erinnerung, als ich kurz vor den Appalachen auf einem einsamen, vierspurigen Highway dahinfuhr. Da kam uns auf der anderen Seite ein einsamer Radfahrer entgegen. Der fuhr dann zum Mittelstreifen, hat kein Wort gesagt, sich dort hingestellt und geklatscht. Das war irre - wie der Applaus eines ganzen Olympiastadions für mich. Da habe ich zwei Tage davon gezehrt.

sueddeutsche.de: Sind Sie im Ziel gefeiert worden?

Nehls: Nee. Weder von den Reportern noch vom Veranstalter. Wahrscheinlich, weil ich diesen Mythos vom härtesten Rennen nicht bedient habe. Das wäre es nämlich schlichtweg nicht, wenn alle nach meinem Schema fahren würden. Der Zweitplatzierte von 2007 hatte 2008 wegen Übermüdung einen schweren Unfall - der hat sich jetzt mein Buch gekauft. Und will mit meiner Strategie gewinnen. Und ich versuch's auch noch mal.

sueddeutsche.de: Warum?

Nehls: Weil meine Kinder auch mal gern dabei sein wollten.

Weitere Informationen: Michael Nehls / Uwe Geißler: Herausforderung Race Across America. 4800 Kilometer von Küste zu Küste. 192 Seiten, 170 Fotos, Delius Klasing Verlag. www.michael-nehls.de

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