Tiernamen:Putin hat ausgedient

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Tiernamen: Der Keiler Eberhofer im Wildpark Mehlmeisel.

Der Keiler Eberhofer im Wildpark Mehlmeisel.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Ein Keiler in einem oberfränkischen Wildpark heißt jetzt nicht mehr wie der russische Präsident, sondern Eberhofer. Über den Sinn und Unsinn, Tieren prominente Namen zu geben.

Von Hilmar Klute

Man fragt sich ja oft, nicht nur bei Tieren, warum der oder die so heißt, wie sie heißt. Aber der Keiler Putin, der seit einigen Jahren im Wildpark Waldhaus Mehlmeisel in Oberfranken lebt, hätte mal nachfragen können, warum ihm sein Vorgesetzter diesen schon seit der Krim-Annexion schwer belasteten Namen verpasst hatte. Putins Vorgesetzter ist Eckard Mickisch, der Betreiber des Wildparks. Mickisch sagte kürzlich der Presse dem Sinn nach, den Namen "Putin" könne man keiner Sau zumuten. Man sieht schon: Es ist trotz aller Grausamkeiten im Augenblick noch eine stattliche Menge Humor in Deutschland unterwegs; ein Humor, der aus einer besseren Zeit stammt, als das Böse noch fern war, als es nicht als das Böse erkannt wurde, diesen oder jenen Namen trug und man nicht viel falsch machen konnte, wenn man einem grunzenden Tier einen indiskutablen Namen gab.

Die Sache mit dem Wildschwein, das bis eben noch Putin hieß und jetzt Eberhofer heißen soll, ist die vielleicht letzte Aufwallung einer bestimmten Spielart des deutschen Humors. Dieser sieht vor, schlimme geschichtliche Gestalten etwas menschlicher aussehen zu lassen, indem man Tiere nach ihnen benennt. Manchmal mussten Tiere auch als Stellvertreter-Fetische für irgendwelche Narren herhalten, zum Beispiel für den Käfer- und Hitlernarren Oskar Scheibel, der einen blöden Höhlenkäfer Anophthalmus hitleri genannt hat, grob übersetzt also: Hitlerkäfer. Es handelt sich um ein eher versteckt lebendes Tier, was den Eigenarten seines Namensvorbildes nicht zur Gänze entspricht. Lustigerweise soll der Käfer einen eigentümlich geformten Penis besitzen, aber man muss schon einen sehr strapazierbaren Sinn für Humor haben, wenn man mit dieser Information seinen Schabernack treiben möchte.

Zum Glück gibt es auch Tiere, deren Namen sich nach erfreulichen Zeitgenossen richten, Litarachna lopezae zum Beispiel, eine nach Jennifer Lopez benannte Wasserspinne, oder Jotus karllagerfeldi - jeder kann sich ausmalen, wer das Vorbild für diese australische Springspinne ist. Das Prinzip jedenfalls ist immer dasselbe, es soll den Zeitgenossen ehren, ob es damit im Gegenzug das Tier beleidigt, interessiert keine Sau.

Wenn der Ruhm verblasst: Deutschland ist auch das Land der Namensänderungen

Deutschland ist nicht nur ein Namensgeber-Land, sondern auch ein Namensänderungsland. Nirgendwo auf der Welt werden so viele Straßen, Plätze und Orte, welche die Namen einst ruhmreicher, heute in ihrem Ruhm schwer besudelter Menschen tragen, umbenannt. Und wenn es aufgrund einer Abstimmungskatastrophe im Gemeinderat nicht zur Änderung gereicht hat, muss unter dem Namensschild eine kleine Tafel angebracht werden mit dem Hinweis, dass der Straßennamensgeber eine kolonialistische Vergangenheit hatte.

Der Keiler im Wildpark Waldhaus Mehlmeisel hatte keine kolonialistische Vergangenheit. Aber er besaß einen russischen Vater, dessen Vorname nicht bekannt ist. Und wer ein Bein in Russland hat, kann eben nur Putin heißen, weil ein Wildschwein nicht Dostojewski, ein Eber nicht Tolstoi, eine Bache nicht Marina Zwetajewa genannt werden darf, das ist einleuchtend. Da wir gerade bei der Literatur angekommen sind: In George Orwells berühmter Fabel "Farm der Tiere" kommt ein Berkshire-Eber vor, der Napoleon heißt. In Wahrheit aber ist Napoleon nur der Deckname für Stalin, der in Orwells Erzählung unschuldige Hundewelpen für den Sowjetstaat fit macht.

Wenn ein Tyrann seine scheinbare Harmlosigkeit eingebüßt hat, müssen die Devotionalien, auch die ironisch gemeinten, abgeräumt werden. Das war nach dem großen Parteitag 1956 so, als die Verbrechen Stalins auf den Tisch kamen und danach in der Sowjetunion klammheimlich die Stalinbüsten verschwanden. Und nun muss auch der Keiler Putin, der mit der elenden Debatte mutmaßlich nicht vertraut ist, umgetauft werden. Der Kabarettist Hannes Ringlstetter hatte erfolgreich vorgeschlagen, das Tier "Eberhofer" zu nennen, das ist der Name eines Dorfpolizisten aus einer bekannten, in dem fiktiven Dorf Niederkaltenkirchen spielenden Krimiserie.

Der unermüdliche Tierpark-Chef Eckard Mickisch ließ den Kabarettisten Ringlstetter nach Mehlmeisel kommen, um gemeinsam mit ihm die Neutaufe des Keilers vornehmen zu können. Aber das Tier ließ sich nicht anlocken, weder mit einer Torte noch mit einem Maggi-Wasser-Gemisch, das er angeblich schätzt. Tiere merken eben doch sehr rasch, wie blöd die Menschen sind. Übrigens heißt der Hitlerkäfer immer noch Anophthalmus hitleri. Das liegt am Prioritätsprinzip, nach der die Erstbenennung eines Insektes für alle Zeiten zu gelten hat. Man sieht hier im Kleinen: Die Geschichte ist nun einmal unumkehrbar.

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