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"Täuschung" bei prämierter Wurst:Schweine mit Flügeln

Foodwatch hat festgestellt: Sogenannte Putenwurst besteht zur Hälfte aus Schweinefleisch. Dumm nur, dass sie jüngst als "Genießerprodukt" ausgezeichnet wurde. Angeblich vom Verbraucherschutzministerium. Dort ist man nun ziemlich sauer.

Zugegeben, die Verpackung sieht recht ansprechend aus. Mit freundlichen Gelb- und Orangetönen, ein bisschen frischem Grün und einem krähenden Hahn wirbt die Geflügelmarke Gutfried für die "Puten Cervelatwurst". Studiert man jedoch die Zutatenliste mit den nicht einmal zwei Millimeter kleinen Buchstaben auf der Rückseite, ist festzustellen: Streng genommen handelt sich um "Schwute", denn fast die Hälfte der Wurst besteht aus Schweinefleisch. Genauer: 100 Gramm der Wurst werden aus 64 Gramm Puten- und 58 Gramm Schweinefleisch hergestellt, der Gewichtsverlust ist durch das Räuchern bedingt.

Lebensmittelkennzeichnung

Auf einen Blick

Als eine "dreiste Täuschung" und "Sauerei" bezeichnet das die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch im Gespräch mit sueddeutsche.de. "Die Menschen vertrauen dem, was sie auf der Vorderseite sehen", sagt Sprecherin Sarah Ruhland. Besonders für religiöse und gesundheitsbewusste Menschen sei es ein großes Problem, dass das Schweinefleisch auf der Vorderseite der Verpackung nicht ausdrücklich ausgewiesen ist. "Eigentlich müsste dort Puten-Schweine-Wurst stehen", sagt Ruhland.

Zwar würden auch andere Firmen Schweinefleisch für die Geflügelwurstproduktion einsetzen. Doch der Hersteller der Gutfried-Wurst, die Heinrich Nölke GmbH aus Versmold, habe als größter und erfolgreichster Produzent Deutschlands eine besondere Verantwortung, sagt Ruhland.

Der Geschäftsführer der Firma, Ralf Diesing, weist die Vorwürfe von sich. "Eine Cervelatwurst ohne Schweinefleisch schmeckt einfach nicht", sagte er auf Anfrage von sueddeutsche.de. Erst durch den Fettgehalt des Schweinefleischs könne sich der Geschmack der Wurst besser entfalten. Von einer Verbrauchertäuschung könne überhaupt keine Rede sein, sagte Diesing. "Schließlich ist nichts so öffentlich wie die Zutatenlisten von Gutfried."

Jedes Jahr führe das Unternehmen Umfragen durch - und diese Marktforschungen hätten ergeben, dass alle Gutfried-Verwender die Zutatenliste genau studieren würden. "Warum sollten wir etwas an der Verpackung ändern, wenn uns der Verbraucher sagt, dass sie so in Ordnung ist?" Zwar mache er sich nach der öffentlichen Kritik Sorgen um den Ruf der Marke Gutfried. Die von Foodwatch geforderte Deklarierung als "Puten-Schweine-Wurst" hält er jedoch für "sinnlos".

Verpackung und Siegel: Die doppelte Täuschung?

So viel Ärger um die Wurst. Dabei hatte Diesing noch vor kurzem Grund zur Freude: Mehrere Gutfried-Produkte wurden als "Genießerprodukt des Jahres 2010" ausgezeichnet, darunter auch die "Puten Cervelatwurst". Und zwar für "Geschmack, Aktualität und Inhaltsstoffe". Laut offizieller Urkunde wurde der Titel "verliehen unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz".

Beim Ministerium weiß man davon jedoch nichts. "Wir haben weder eine Schirmherrschaft für einzelne Produkte, noch für die Auszeichnung zum Genießerprodukt des Jahres übernommen", sagt ein Ministeriumssprecher. Eine derartige Anfrage liege auch nicht vor.

Unterzeichnet ist die Urkunde von Harald Schultes, Initiator des Genießerpreises und Gründer der Beratungsfirma Foodvision. Schultes behauptet: "Diese Schirmherrschaft gibt es." Ihm liege eindeutiger Schriftverkehr vor, aus dem dies hervorgehe, vorzeigen könne er ihn jedoch nicht. Doch ganz sicher habe der Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium, Gerd Müller (CSU), 2008 die Schirmherrschaft übernommen. Behauptet Schultes.

Der Ministeriumssprecher hingegen spricht von einem "Grußwort", das der Staatssekretär 2008 gehalten habe. Derzeit bestünde jedenfalls keine Schirmherrschaft, sagt der Sprecher und kündigte an: "Wir werden gegen diese Behauptungen vorgehen".

Ob man im Falle der Gutfried-Verpackung von einer Täuschung sprechen kann, ist dem Sprecher zufolge unklar. "Der Hinweis auf das Schweinefleisch muss nicht zwangsweise vorne stehen", sagt er. Den Vorwurf der Verbraucherschützer, das Ministerium sei "Dienstleister der Industrie", will er nicht gelten lassen. "Das ist eine Formulierung, die Foodwatch gerne mal verwendet."

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