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Psychotherapie:Erfolgsspuren im Hirn

Hirnforscher beobachten, was eine Psychotherapie im menschlichen Gehirn auslöst - und stoßen dabei auf Grenzen der Behandlung und der eigenen Erkenntnismöglichkeiten.

Christine Amrhein

Dass sich die Angst vor Spinnen durch Psychotherapie vermindern lässt, wissen nicht nur Therapeuten - auch Studien belegen dies. Zeigt man Patienten vor und nach der Behandlung Fotos von Spinnen, so bewerten sie die Tiere hinterher als weniger angsteinflößend, auch die körperliche Angstreaktion ist geringer.

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Der Erfolg einer Psychotherapie spiegelt sich im Gehirn wider.

(Foto: Foto: iStock)

Psychotherapie kann Gefühle und Verhalten beeinflussen - doch verändert sich dabei auch etwas im Gehirn? Wenn ja, was folgt daraus für die Arbeit von Therapeuten? Diese Fragen diskutierten Wissenschaftler und Ärzte am vergangenen Wochenende auf einer Tagung zur Neurobiologie der Psychotherapie in München.

Tatsächlich bildet sich die verminderte Angst vor Spinnen im Gehirn der Patienten ab, ergab eine Untersuchung von Anne Schienle und ihren Kollegen am Bender Institute of Neuroimaging in Gießen: Nicht nur blieben Hirnregionen, die vor der Therapie auf den Anblick von Spinnen reagiert hatten, bei den gleichen Bildern nach der Therapie "stumm".

Gleichzeitig zeigte sich bei therapierten Patienten auch eine erhöhte Aktivität in einem Areal, das Emotionen reguliert und überschießende Angstreaktionen dämpfen kann: dem orbitofrontalen Cortex. "Durch die Therapie ist also nicht nur eine Reaktion verringert worden, sondern etwas Neues entstanden", sagt Dieter Vaitl, Leiter des Gießener Instituts. Veränderungen in Hirnregionen, die bei der jeweiligen Erkrankung eine Rolle spielen, konnten auch bei Patienten mit Panikattacken oder schweren Traumata nachgewiesen werden.

Denken allein reicht nicht

Reaktionen des Gehirns, die sich im Verlauf einer Therapie abzeichnen, untersucht auch eine Arbeitsgruppe um Günther Schiepek von der Universität Klagenfurt. Ziel ist es, die Gehirnaktivität der Patienten in Therapiephasen zu erfassen, in denen sich in ihren Gefühlen und im Verhalten Veränderungen abzeichnen.

Diesen "instabilen Phasen" - in denen auch therapeutische Maßnahmen besonders wirksam sind - folgt oft ein Rückgang der Krankheitssymptome. Instabilitäten erfassen Forscher mit einem Fragebogen, den die Patienten täglich ausfüllen und in dem sie Stimmung, Symptome, Fortschritte in der Therapie und ihr Verhältnis zum Therapeuten beurteilen.

In der aktuellen Studie geht es um Reaktionen von Zwangspatienten. Diese leiden unter dem unwiderstehlichen Drang, bestimmte Handlungen auszuführen, wie sich zu waschen oder die Herdplatte zu kontrollieren. Im Laufe einer Therapie legten die Wissenschaftler ihre Patienten dann in einen Kernspintomographen, wenn sich eine instabile Phase abzeichnete.

Während sie den Patienten Bilder zeigten, die Symptome auslösten, zeichneten sie die Gehirnaktivität auf. "Erste Ergebnisse zeigen, dass vor der Therapie ein Netzwerk von Hirnregionen aktiv ist, das bei Zwangserkrankungen eine Rolle spielt", sagt Schiepek. "Nach instabilen Phasen nahm diese Aktivierung deutlich ab und blieb im weiteren Verlauf der Therapie niedrig."

Grenzen der Psychotherapie

Schiepek hofft, so erforschen zu können, welche Voraussetzungen für Veränderungen in der Psychotherapie notwendig sind. Daraus könnten Folgerungen für die Praxis abgeleitet werden, etwa, in welchen Phasen der Therapie der Therapeut stabile Bedingungen schaffen sollte und wann der richtige Zeitpunkt für Veränderungen gegeben ist.

Die Ergebnisse der Neurowissenschaftler lassen aber auch die Grenzen der Psychotherapie erkennen. Zwar können durch Lernprozesse neue oder verstärkte Verbindungen zwischen Nervenzellen entstehen, wie der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer erläutert. Die größten Veränderungen der neuronalen Verschaltungen würden jedoch bis zum 20. Lebensjahr stattfinden.

Um durch Psychotherapie neuronale Veränderungen bewirken zu können, bedürfe es einigen Trainings, sagt Vaitl. So lernten Teilnehmer einer Studie, ihre Gefühle zu regulieren, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Körperteile richteten, ohne ihre Empfindungen zu bewerten. Nach einiger Zeit zeigte sich bei den Probanden eine Zunahme von Hirnsubstanz im orbitofrontalen Cortex, der Gefühle reguliert.

Allerdings hatten die Teilnehmer 6000 Übungsstunden absolviert, als die Veränderung gemessen wurde. "Nur bei intensiver und ausreichend langer Therapie sind Veränderungen im Gehirn zu erwarten", folgert Vaitl. Außerdem sei es wichtig, neue Erfahrungen zu machen, um Veränderungsprozesse zu fördern. Nachdenken allein reiche nicht aus.

Einige Schlüsse, die die Neurowissenschaftler ziehen, sind für Praktiker wahrscheinlich nicht neu. "Die Schlussfolgerungen der Gehirnforschung hinken in der Regel hinter dem her, was aus der Therapieforschung bereits bekannt ist", kritisiert Willi Butollo, Traumaforscher und Psychotherapeut am Psychologischen Institut der LMU München.

Allerdings könnte die Hirnforschung dazu beitragen, Reaktionen zu erklären, die anders als erwartet ausfallen, sagt der Neurophilosoph Michael Pauen von der Universität Magdeburg.

Was sich im menschlichen Gehirn genau abspielt, wird sowohl Gehirnforschern als auch therapeutischen Praktikern wohl noch lange Rätsel aufgeben. "Wenn das Gehirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, wären wir zu einfach, um es zu verstehen", zitiert Hans Förstl, Direktor der Psychiatrischen Klinik der TU München, philosophische Überlegungen, die deutlich machen, wie schwer das Gehirn zu erforschen ist.

© SZ vom 12.7.2007
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