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Psychologische Gutachten für Verkehrssünder:Wie die MPU Verwirrung und Verunsicherung schafft

MPU

Eine junge Frau beim ersten - harmlosen - Teil einer medizinisch-psychologischen Untersuchung

(Foto: imago)

Wer mit 1,6 Promille oder mehr im Straßenverkehr auffällt, muss zur medizinisch-psychologischen Untersuchung. Und gerät in eine Maschinerie, die einen monatelang beschäftigt hält.

Es war eine teure Fahrradfahrt, zu der Sascha Horn eines Nachts im Oktober aufbrach. Strafe: 800 Euro plus Verwaltungsgebühren; Anwalt: 692 Euro; Vorbereitungskurs und Verkehrspsychologe: 693 Euro; medizinisch-psychologische Untersuchung: 414 Euro. Insgesamt mehr als 2600 Euro für wenige hundert Meter. Eine Polizeistreife stoppte ihn auf dem Rückweg vom Oktoberfest. 1,75 Promille Alkohol ergab die Blutprobe. "Ich habe gesagt, dass ich drei Maß getrunken habe, aber es müssen mehr gewesen sein", sagt der 40-Jährige, der in München als leitender Angestellter in der Logistik-Branche arbeitet und seinen richtigen Namen nicht im Internet lesen will.

Was Horn damals getan hat, ist eine sogenannte Trunkenheitsfahrt nach §316 StGB. "Hätte ich gewusst, dass das eine Straftat ist, hätte ich mich nie aufs Rad gesetzt", sagt er. Während so gut wie jeder Autofahrer die 0,5-Promille-Grenze kennt, herrscht bei der Gesetzeslage für alkoholisierte Fahrradfahrer große Unkenntnis. Wäre Horn mit 1,5 Promille erwischt worden, die Polizisten hätten ihn mündlich ermahnt und ihn das Rad schieben lassen.

Doch bei höheren Werten wird es ernst, mit Geld allein ist es nicht getan. Die Führerscheinstelle meldete "Zweifel an der Fahreignung" an, wie es im Amtsdeutsch heißt. Eine medizinisch-psychologische Untersuchung - kurz MPU - sei nötig. Bei Verkehrssündern, die zum ersten Mal wegen Alkohol auffallen, gilt das ab 1,6 Promille - auch bei Fahrradfahrern. Der einzige Unterschied: Während der Führerschein bei Autofahrern gleich von der Polizei beschlagnahmt wird, verlieren Fahrradfahrer die Fahrerlaubnis nur, wenn sie die MPU nicht bestehen. Aber dann dürfen sie nicht einmal mehr Rad fahren, geschweige denn Auto.

Idiotentest für Zehntausende pro Jahr

Wer einmal in das System gerät, für den ist die MPU ein Angstthema. "Je näher die Prüfung rückte, desto nervöser bin ich geworden", sagt Horn. Wo informiere ich mich seriös? Wie bereite ich mich vor? Schaffe ich das alleine oder brauche ich professionelle Hilfe? Wer sagt mir, was konkret in der MPU verlangt wird, deren Ergebnis man ja nicht einmal mehr juristisch anfechten kann? Fragen, die Betroffenen durch den Kopf gehen. Und die auf eine Verunsicherung hindeuten, die auch im System selbst begründet liegt.

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Erfunden wurde die MPU in den Fünfzigerjahren, ursprünglich für diejenigen, die mehrmals durch die Führerscheinprüfung gefallen waren. Im Volksmund wird sie daher "Idiotentest" genannt, in Bayern "Depperltest". Heute ist Alkohol der am weitesten verbreitete Anlass für eine MPU. Sie kann auch bei Drogen oder wiederholtem aggressivem Verhalten im Straßenverkehr angeordnet werden. Insgesamt müssen zwischen 90 000 und 100 000 Menschen pro Jahr eine MPU absolvieren. Die Prüfung besteht aus drei Teilen: einem computerbasierten Reaktionstest, einer ärztlichen Untersuchung und einer psychologischen Begutachtung.

Mit den ersten beiden Teilen hat kaum ein Kandidat Probleme, aber vor dem Gespräch mit dem Psychologen haben fast alle große Angst. Im Internet stoßen sie auf unzählige Foren, Blogs und Verkehrsrechtsseiten. Echte oder selbsternannte Experten geben Tipps, wie die MPU zu schaffen ist. Seriöse Angebote stehen dabei neben dubiosen Offerten, die eine 100-Prozent-Bestehensquote und Geld-zurück-Garantie versprechen, wenn der Kunde Tausende Euro überweist. "Es ist ein ungeregelter Markt und viele Kunden sind extrem verunsichert, was sie bei der MPU erwartet", sagt Monika Riegler, die seit Jahren bei der Münchner Beratungsstelle Club29/VPZ in der Suchtberatung arbeitet und gemeinsam mit ihrem Kollegen Philipp Siebertz MPU-Vorbereitungsseminare anbietet.

Wo Verwirrung und Unsicherheit herrschen, entstehen Mythen. Etwa das Gerücht von den zwei Kugeln, die man aufeinanderlegen muss, so dass das Konstrukt stehenbleibt - unmöglich. Oder dass die Gutachter die MPU-Kandidaten mit Suggestivfragen in Fallen locken. "Die Horrorgeschichten sind blanker Unsinn", sagt Vorbereitungskurs-Leiter Siebertz. Gutachten erstellen dürfen nur vom Bundesamt für Straßenwesen anerkannte Stellen. 15 Organisationen sind bundesweit derzeit zugelassen, darunter die Tüv Süd Life Service GmbH. "Wir sehen uns als Dienstleister, der Fahrern den Wiedereintritt in den Straßenverkehr ermöglicht", sagt Gerhard Laub, der in München ein Team von Gutachtern leitet. Das klingt gut, die Frage nach der Transparenz der MPU-Gutachten beantwortet es nicht.

"Erzählen, was die hören wollen"

Klarheit über Ziele und Ansprüche erhoffen sich die Teilnehmer von den Vorbereitungskursen, die Siebertz und Riegler anbieten. Markus Lönneberg (Name geändert), den die Polizei mit 1,8 Promille im Auto erwischt hat, hat einen dieser Kurse besucht. Er wollte: eine detaillierte Anleitung, wie er durch die MPU kommen würde. Er bekam: eine Art Mini-Gruppentherapie. Der 31-Jährige musste dort seine Biografie ausbreiten, auch seine "Suchtbiografie". Lönneberg hatte bis dahin keine Ahnung, dass er so etwas hatte: eine Suchtbiografie. Er trank doch nur abends und auf Partys, wie alle anderen auch, und die Alkoholfahrt war für ihn nur ein einmaliger Fehltritt.

"Das ist eine Fehlwahrnehmung, der viele MPU-Kandidaten unterliegen - vielleicht, weil sie sich in einem Umfeld bewegt haben, in dem überproportional viel Alkohol konsumiert wird", sagt Kursleiterin Riegler. Die anfängliche Abwehrhaltung der MPU-Kandidaten ist typisch, wie auch Rieglers Kollege Siebertz erklärt. "Viele sagen: Der Staat ist doof, die Polizei ist doof. Aber irgendwann kommt dann das Aha-Erlebnis". Bei Lönneberg nach ein paar Wochen. "Der Kurs hat mir wirklich etwas gebracht, weil ich zum ersten Mal reflektiert habe, wie es mit meinem Alkoholkonsum wirklich aussieht". Inzwischen trinkt er insgesamt deutlich weniger und gar nichts, wenn er Auto fahren muss.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass in der Regel gut die Hälfte der Kandidaten die MPU auf Anhieb bestehen. Weitere knapp zehn Prozent kommen mit der Zusatz-Bedingung durch, im Anschluss einen Nachschulungskurs zu besuchen. Ungefähr 40 Prozent fallen durch. "Uns ist klar, dass bei manchen MPU-Kandidaten die berufliche Existenz auf dem Spiel steht. Aber umgekehrt steht auch viel auf dem Spiel. Es geht um Leben und Tod im Straßenverkehr", sagt Laub.

Haarproben und Toilettengänge mit Begleitung

Allerdings gibt es bei den Durchfaller-Quoten extreme Unterschiede - je nachdem, ob die Kandidaten einen Vorbereitungskurs besucht haben oder nicht. Vielleicht liegt das daran, dass die Vorbereitungskurse wirklich dafür sorgen, dass sich die Verkehrssünder ehrlich und selbstkritisch mit ihrer Suchtproblematik auseinandersetzen. Vielleicht ist es aber auch ein Indiz dafür, dass die MPU ohne professionelle und damit kostspielige Vorbereitung kaum zu bestehen ist.

"Man gerät tatsächlich in eine komplexe Maschinerie, die einen monatelang beschäftigt hält. Dass man einen Bonuspunkt bekommt, wenn man das System mit 600 Euro füttert, ist schon krass. Letztlich wird man gezwungen - oder zumindest angeleitet - das zu erzählen, was die hören wollen", sagt Horn über die MPU. Verlangt wird letztlich eine grundlegende Verhaltensänderung. Sie muss sechs Monate bis zwölf Monate gefestigt sein, sonst sehen die Gutachter sie nicht als glaubwürdig an. Wer ein schwerwiegendes Suchtproblem hat oder bereits mehrmals aufgefallen ist, muss nachweisen, dass er völlig abstinent lebt. Nachgewiesen wird das durch Haarproben oder Urin-Screenings, bei denen ein Labormitarbeiter sogar mit zur Toilette geht. Harte Fälle sind oft eindeutig.

Schwieriger sind die mit leichterer Suchtproblematik, in denen die Gutachter zugestehen, dass ein - wie es in den Leitlinien der Gutachter für Alkohol heißt - kontrollierter, reduzierter und bewusster Konsum möglich ist und der Betroffene Verkehrsteilnahme und Alkohol "sicher trennen" kann. Aber was heißt das im Einzelfall? Weil das niemand so genau weiß, untertreiben viele MPU-Kandidaten gegenüber dem Gutachter lieber beim Alkoholkonsum und überbetonen die Verhaltensänderungen - im Klartext: Sie "lügen, bis sich die Balken biegen", wie es Horn ausdrückt.

Bei ihm entsprach immerhin die Änderung des Lebensstils weitgehend der Realität. Ein Jahr nach dem Vorfall wurde er Vater, fühlte die Verantwortung und reduzierte seinen Alkoholkonsum drastisch. "Meine Gutachterin war schwanger, mit dem Kinderthema konnte ich ganz gut bei ihr landen", sagt er. Aber oft verlegen sich die Kandidaten auch auf die vielfach empfohlenen schablonenhaften Geschichten: nur noch zehn bis zwölf "Trinkanlässe" pro Jahr, Trinken nur noch in kleinen Schlucken und aus kleinen Gläsern, mehr Sport statt Alkohol, außerdem kein Umgang mehr mit der alten Clique, zusätzlich womöglich noch ein "Trinkkalender", in den die seltenen Trinkanlässe eingetragen werden.

Reform der MPU wird vorbereitet

"Für uns Gutachter ist wichtig, dass das, was die Kandidaten über sich berichten, nichts Angelerntes ist. Wir überprüfen, ob wirklich eine Verhaltensänderung stattgefunden hat und wir fragen nach den Gründen dafür - die Angst vor erneuter Strafe reicht nicht aus", sagt Laub. Die Gutachter haben aber nicht nur die Aufgabe, auswendig gelernte Phrasen zu entlarven. Ihr Auftrag ist vor allem deshalb so schwierig, weil sie prognostizieren müssen, wie sich ein Mensch in Zukunft verhält. Gerade bei Suchtmitteln ist die Rückfallwahrscheinlichkeit sehr hoch, hinzu kommt eine extrem hohe Dunkelziffer. Experten schätzen, dass nur jede 300. Trunkenheitsfahrt entdeckt wird.

Von Intransparenz und systemimmanenten Unwägbarkeiten abgesehen, schaden dem Ruf der MPU auch Unstimmigkeiten wie jene, dass in Baden-Württemberg die Gerichte auch bei Promillewerten unter 1,6 die Anordnung einer MPU zulassen, während in Bayern nach wie vor die Grenze von 1,6 Promille gilt. Eine Arbeitsgruppe im Bundesverkehrsministerium arbeitet derzeit an Reformen. Angedacht ist eine Art fester Fragenkatalog, auf den die Kandidaten sich vorbereiten können. Es sollen auch mehr Möglichkeiten geschaffen werden, sich bei sogenannten Obergutachtern zu beschweren. Und schließlich will die Regierung den Markt für MPU-Beratung und Vorbereitungskurse besser regulieren.

Jemand, der die MPU ganz abschaffen will, findet sich aber unter Verkehrspolitikern und Rechtsexperten kaum. "Das Konstrukt ist zwar etwas sonderbar, weil es auf eine staatlich verordnete Verhaltensänderung abzielt. Aber trotz seiner rechtsphilosophischen Unklarheiten hat es etwas", sagt Vorbereitungskurs-Leiter Siebertz. Die "Maschinerie", von der Horn spricht, sieht er als Vorteil. Sie zwinge die Verkehrssünder, sich mit ihrer Tat auseinanderzusetzen.

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© SZ.de/sebi/dd
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