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Psychologie:Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

Ständig wird uns von wildfremden Menschen versichert, dass "alles gut" sei. Aber was, wenn das nicht stimmt?

Ich weiß noch, wann es mir zum ersten Mal auffiel. Schon ein bisschen her, ich stand an der Kasse im Biomarkt, war mit Bezahlen dran und bemühte mich, die Schlange hinter mir nicht zu lange mit meiner Suche nach dem Kleingeld aufzuhalten. Ich suchte also mein Kleingeld nicht extra langsam. Mehr nicht. Ich verfiel nicht in Panik oder Hektik, ließ nichts fallen, kein Schweiß brach mir aus, meine Atmung ging nicht schneller. Meine Bewegungen waren rasch, aber nicht fahrig, nichts an meinem Verhalten war anormal. Und dennoch fühlte sich die Person an der Kasse durch irgendetwas aufgefordert, zu mir zu sagen: "Alles gut." Und zwar in diesem beruhigenden Ton, in dem man mit randalierenden Alkoholikern spricht, während man sich ihnen langsam nähert, um ihnen die geladene Waffe abzunehmen, mit der sie gefährlich nah am Rand eines Hochhausdachs auf einem schmalen Geländer balancierend herumfuchteln. Man würde zum Beispiel auch mit Tieren so sprechen, die sich versehentlich in einem Gullydeckel eingeklemmt haben, und nun weder vorwärts noch rückwärts kommen, aber jeden, der sich ihnen nähert, wild anfauchen, weil sie nicht damit rechnen, dass ihnen jemand helfen will. Warum aber mit einer Person, die nichts weiter tut, als Kleingeld zu suchen?

Auf eine unangenehme Art fühlte ich mich an die Angewohnheit von New Yorker Kellnern erinnert, einem direkt nachdem man die letzte Gabel vom Teller gegessen hat, die Rechnung hinzulegen mit einem überfreundlich zwischen den Zähnen herausgepressten "Take your time", womit natürlich genau das Gegenteil gemeint ist, wie aus der Falschheit des Tons unschwer herauszuhören ist. "Take your time" bedeutet in einem New Yorker Restaurant: "Wenn Sie dann bitte zahlen würden und den Tisch freigeben" oder kurz: "Ciao." Es bedeutet auf keinen Fall, dass man sich ruhig Zeit lassen soll.

Bei der Arzthelferin hakte ich nach. In meiner Akte steht jetzt sicher: "Achtung, spinnt"

Was also bedeutet ein deutsches Biomarktkassen-"Alles gut"? Man weiß ja, an Biomarktkassen arbeiten nur die langsamsten der Langsamen. Bedeutet es hier also, dass man bitte nicht zu schnell sein soll? Bloß keinen Stress reinbringen? Dass man mal entspannen soll, bisschen runterkommen, die Seele baumeln lassen, und warum denn nicht an der Kasse, wenn man gerade dran ist. Bisschen meditieren schadet nie. Tun die Leute hinter der Kasse ja auch. Aber sagen wir Kunden deshalb zu ihnen "Alles gut"?

Jetzt könnte der Eindruck entstanden sein, dass meine Suche nach Kleingeld doch überhastet war. Oder war ich zu langsam? Das ist das Problem mit diesem unseligen "Alles gut". Es liegt eine Botschaft darunter, die konfus macht, weil sie nicht mit der Aussage übereinstimmt. "Alles gut" bedeutet niemals, dass alles gut ist. Sondern dass alles gut wäre, wäre es anders. "Nichts alles gut" wäre daher zutreffender. "Alles gut" stimmt bis zu dem Augenblick, in dem es jemand sagt. Danach ist alles auf jeden Fall schlechter.

Anderes, jüngeres Beispiel. Nach langem Hin und Her war ein Zahnarzttermin gefunden worden, der mit dem nötigen Nachfolgetermin zusammenpasste. Am Nachmittag rief die Zahnarzthelferin an, um den ersten Termin leider doch wieder abzusagen. Ich wies darauf hin, dass dann auch der Nachfolgetermin gecancelt werden müsse, da es für diesen ja zunächst des ersten bedürfe, daraufhin hörte ich sie sagen: "Alles gut." An jenem Tag suchte ich den Dialog. "Warum denn alles gut?", sagte ich. Darauf sie: "Nee, alles gut." Ich: "Aber so gut ist das doch gar nicht, weil dann ja Praxisferien sind, und so verschiebt sich die ganze Behandlung in den Herbst." Ihr fiel daraufhin irgendwie auch nichts mehr ein, wir verabschiedeten uns etwas steif, und nun habe ich leichte Sorge, dass in meiner Patientenakte vermerkt ist: "Achtung, spinnt."

Und es vergeht ja inzwischen kein Tag ohne. Wo immer ich hinkomme, wird gerade von irgendwem zu irgendwem "Alles gut" gesagt. Neulich, es war ein bitterer Moment, ertappte ich mich dabei, es selbst zu irgendjemandem zu sagen. Das war hart. Als dummes Echo, tausendmal in mich geschallt, war es auf einmal aus mir herausgehallt. Es scheint niemandem unangenehm aufgefallen zu sein, überhaupt aufgefallen zu sein, außer eben mir, die ich mich fürchterlich erschrak. Ich hatte es sogar im selben Ton gesagt, den alle dafür benutzen, "alles gut", dabei die Augen schließen, die Lippen schürzen und den Kopf beruhigend schütteln, "alles gut", fast schon kirchentags-tröstlich, Sie haben es ja im Ohr.

Als es mir dann auch noch mein Freund als Frage stellte, brach mein Unmut aus mir heraus. "Nein", brüllte ich ihn auch für mich selbst überraschend an, "nein, es ist nicht alles gut. Wie soll denn alles gut sein, was soll denn das heißen, wie soll denn das zu beantworten sein?" Wahnsinnig nett und freundlich stand er vor mir und hörte sich meinen Wutausbruch an. "Wenn du damit meinst, ob es mir gut geht, dann lautet die Antwort Ja, aber was meint denn alles in 'alles gut'? Meint es alles? Also alles? Woher soll ich denn wissen, ob alles gut ist? Nein, ich glaube die Antwort ist Nein. Nein, es ist nicht alles gut, es ist bestimmt nicht alles gut, wie soll denn alles gut sein in Zeiten des Klimawandels und des Artensterbens und der Amazonasbrände und der Skandale der Deutschen Bank..." (Der Ausbruch ging noch weiter, aber es kam kein neuer Gedanke mehr vor.)

Ich beschimpfte meinen Freund, als hätte er mir vorgeschlagen, in die AfD einzutreten

Natürlich hatte mein Freund mir diese Frage nicht als ernsthafte Frage gestellt, sondern als Höflichkeitsritual wie diese eben unter Menschen üblich sind. Man schlägt Leuten, die einem die Vorfahrt nehmen, nicht gleich eine rein, reißt jemandem, wenn man Durst hat, nicht dessen Glas aus der Hand, und fragt sich eben zur Begrüßung, wie es einem geht. Ob man das nun "Wie geht's?" ausspricht oder "Alles gut?" ist letzten Endes wohl eine Frage des Dialekts. Und dennoch hatte ich gegen letzteres mittlerweile eine solche Aversion entwickelt, dass ich meinen Freund behandelte, als hätte er mich gefragt, ob wir nicht der AfD beitreten sollten, einfach um neue Leute kennenzulernen.

Eine ähnlich entsetzte Reaktion rief einmal eine nette Facebook-Bekanntschaft bei mir hervor, die mir das Foto eines Kunstwerks schickte: pinke Neonröhren, geformt zum Satz "Yes to all". Na toll, dachte ich, die ich dem Universum gerade eher mit leichten Zweifeln gegenüberstand. Ich schrieb ihr dann nölig zurück, na ja, also jetzt mal nicht grundsätzlich Yes zu Aids, Mückenstichen, Pädophilen und noch ein paar Dingen, die mir genau in diesem Augenblick als allgemein ablehnungswürdig erschienen, und sie, die ich kaum kannte, konterte mit warmer Liebe, die alles einschloss, auch mich. Da schämte ich mich, denn ich hatte kurz den Buddhismus vergessen und Achtsamkeit und sogar das tägliche Dankbarkeits-Journal.

Wer nicht zu allem Ja sagt und also alles, das ist, akzeptiert, das hatte ich doch schon so oft gelernt, der wird nicht glücklich sein. Es ist, wie es ist. Ich werde "Alles gut" immer hassen. Verdammt noch mal Ja dazu. Alles gut.

© SZ vom 31.08.2019
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