Erziehung Wenn Kinder geschlagen werden, geht das alle etwas an

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(Foto: fotolia)

Ein richtiges Gesetz, das zu spät kommt: Eltern in Frankreich dürfen ihre Kinder nicht mehr schlagen. Das sei Privatsache, finden viele Franzosen. Ein Irrtum, der Heranwachsenden ebenso schadet wie der Gesellschaft.

Kommentar von Nadia Pantel, Paris

Frankreichs Abgeordnete haben sich endlich durchgerungen: Seit Donnerstagnacht ist das Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung festgeschrieben. Gegner bezeichnen die Gesetzesänderung als unnütz, weil prügelnden Eltern keine Strafen drohen. Dennoch ist diese Änderung des französischen Zivilrechts wichtig. Weil sie klarstellt, dass eine Ohrfeige oder eine Tracht Prügel keine privaten Erziehungsentscheidungen sind, sondern eine Demütigung und Verletzung des Kindes.

Die rechtsextreme Politikerin Emmanuelle Ménard stimmte als einzige Abgeordnete der Nationalversammlung gegen das Gesetz, weil es Kinder dazu anleiten würde, sich gegen ihre Eltern aufzulehnen. Man kann Kindern, die von ihren Eltern geschlagen werden, nur wünschen, dass sie den Mut und die Kraft finden, gegen genau diese Eltern zu rebellieren. Doch das Schlimme an Gewalt gegen die eigenen Kinder ist, dass es meist Jahre, ja fast ein Leben braucht, bis die Abgrenzung von den Peinigern gelingt. Schließlich lieben Kinder ihre Eltern bedingungslos, sie sind auf sie angewiesen.

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Die einzelne Gegenstimme zeigt, dass es auch in Frankreich kaum jemanden gibt, der Schläge für eine gelungene Erziehungsmethode hält. Doch woher kommen dann die 70 Prozent der Franzosen, die gegen das neue Gesetz waren? In den Debatten, die in Zeitungen, Foren und Fernsehsendungen der Entscheidung der Nationalversammlung vorausgingen, war in erster Linie eines zu spüren: Verunsicherung. Lediglich ein paar Berufsprovokateure profilierten sich damit, zu behaupten, dass eine Ohrfeige einem Kind nicht schaden würde. Der großen Mehrheit besonnener Stimmen ging es darum, zu verstehen, wie eine sinnvolle Kindererziehung heute aussehen kann und wie sie sich verändern muss. Und inwieweit der Staat dabei mitzuentscheiden hat. Es war eine richtige Debatte zum falschen Zeitpunkt.

Falsch ist die Debatte zu diesem Zeitpunkt deshalb, weil es im Fall der Prügelstrafe nichts zu streiten gibt. Ein Kind, das mit Gewalt oder Worten kleingehalten, bloßgestellt und herabgewürdigt wird, empfindet nicht nur Wut, Hilflosigkeit und Schmerzen. Es lernt außerdem rein gar nichts, das ihm in späteren Leben helfen könnte.

"Hör nur auf dich!" - Ein Rat an Eltern, der nicht stimmt

Doch richtig ist die Debatte deshalb, weil es sinnvoll ist, wenn Eltern und Nicht-Eltern öffentlich darüber streiten und nachdenken, wie sie Kinder auf die Welt vorbereiten wollen. In Onlineforen wird Müttern und Vätern oft Rat gegeben: Hör nur auf dich, niemand kennt dein Kind so gut wie du. Dieser Rat stimmt nicht. Eltern müssen ihr Kind ständig neu kennenlernen. Schließlich ist Elternsein deshalb so herausfordernd, weil man mit einer klitzekleinen Person mit riesigem Willen zusammenlebt, die sich so rasant weiterentwickelt, wie man es selbst eben seit Jahrzehnten nicht getan hat.

Es ist gut, wenn Eltern in diesem wunderschönen Wahnsinn von Ärzten, Erziehern, Freunden, Verwandten und anderen Eltern begleitet werden. Und zwar nicht nur, indem man ihnen sagt: Alles ist toll, so wie du es machst. Sondern auch, indem man Ratschläge gibt. Die autoritärste Form des Ratschlags ist das staatliche Verbot. Das Bauchgefühl von Eltern ist nämlich nicht immer richtig, deshalb braucht es höhere Instanzen, die das Kind schützen. Es hilft Kindern, wenn sich nicht nur Mutter und Vater dafür interessieren, was sie gerade brauchen. Sondern wenn die ganze Gesellschaft sich darüber Gedanken macht, wie sie mit ihren kleinsten Mitgliedern umgeht.

Eine Gesellschaft, die über Kindererziehung streitet, glaubt an sich

Eltern erzählen oft genervt Anekdoten, in denen es darum geht, wie alte Leute in der S-Bahn anmerken, dass das Baby lieber Mütze tragen sollte. Oder wie ein Mann in der Supermarktschlange ungefragt die Entscheidung kommentiert, dem Kind keinen Lolli zu kaufen. Solche Momente sind selten schön, im schlimmsten Fall werden Eltern sogar beschimpft. Doch es ist eben nicht nur mühsam, wenn alle eine Meinung zum eigenen Kind haben. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass die Zukunft des Kindes nicht Privatsache seiner Erzeuger ist. Eine Gesellschaft, die über Kindererziehung streitet, glaubt an sich selbst und daran, dass sie sich verändern kann.

Nun, wo in Frankreich das unsägliche Prügeln endlich eindeutig verboten ist, kann die Debatte auf einem angemesseneren Niveau weitergehen. Die grundsätzlichen Fragen, die in den vergangenen Tagen gestellt wurden, betreffen ohnehin alle, und nicht nur Menschen, die ein Kind erziehen. Wie kommunizieren wir miteinander, wenn wir sichergehen wollen, dass dies ohne Gewalt geschieht? Wann wird aus Fürsorge Bevormundung? Wann schränkt die Freiheit des einen das Wohl des anderen ein?

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