bedeckt München 26°

Protokolle:Wir Arbeiter

Tuula Taipalus, 73, Zeitungszustellerin aus München.

(Foto: Stefanie Preuin)

Gibt es ihn noch in Deutschland, den Proletarier im Marxschen Sinn? Fünf Kurzporträts von Menschen, die nur mit großer Mühe über die Runden kommen.

Von Tahir Chaudhry, Sebastian Fischer, Lea Frehse, Kolja Haaf, Ulrike Schuster und Sandra Sperling

Eine gute Geschichte braucht einen Protagonisten, am besten einen Helden. In der Geschichte des Kommunismus ist der Held der Proletarier, oft beschrieben, verklärt und dann auch beerdigt. Und heute? Hat sich der Begriff verselbständigt. Er steht zur freien Verfügung, ohne dass klar ist, wer gemeint ist.

So hält man sich an Klischees: Der Proletarier, ist das der ehrliche Arbeiter im Blaumann, der nach Schichtende mit den Kumpels sein Pils stemmt? Die adipöse Teenie-Mutter aus dem Fremdschäm-Einerlei bei RTL 2? Oder Menschen, die in einer Wohlstandsgesellschaft versuchen, sich und ihre Familie mit diversen Jobs durchzubringen?

150 Jahre "Das Kapital"

Vor 150 Jahren hat Karl Marx "Das Kapital" geschrieben. Seither beriefen sich Revolutionäre wie Tyrannen auf ihn. Heute zitieren ihn sogar die Reichen. Was macht das Werk des Philosophen so aktuell? Lesen Sie hier alle Texte aus dem Dossier der SZ-Volontäre.

Der Proletarier von Karl Marx war klar definiert: Er konnte selbst keine Waren produzieren und war gezwungen, seine Arbeitskraft an jemanden zu verkaufen, der es kann - und damit reicher wird. In dieser Beschreibung sollten sich die Arbeiter wiederfinden und durch die Revolution die klassenlose Gesellschaft herbeiführen. Doch die lässt immer noch auf sich warten. Und "Proletarier" wurde von einer stolzen Selbstbezeichnung zu etwas Negativem. Zum Proleten. Zum Proll.

Gibt es den Proletarier also nicht mehr, weil keiner einer sein möchte? Die Menschen, die hier vorgestellt werden, sind keine Prolls. Sie sind auch keine heroischen Kämpfer oder Teil einer unterdrückten Masse. Die wenigsten von ihnen würden sich einer sozialen Schicht zuordnen. Sie wissen nur, dass sie sich zurechtfinden müssen in einer komplizierten Arbeitswelt, die von ihnen verlangt, einen großen Teil ihrer Lebenszeit in Geld umzutauschen.

Tuula Taipalus, 73, Zeitungszustellerin aus München

Die meisten Menschen würden Tuula Taipalus arm nennen, doch sie selbst sagt: "Ich bin reich." Wer als Single in Deutschland weniger als 917 Euro im Monat verdient, gilt als arm. "Mit 1200 Euro führe ich ein Luxusleben", sagt die 73-Jährige.

Monatlich bekommt sie 750 Euro Rente. Genau so viel kostet auch die Miete für ihre Einzimmerwohnung in der Münchner Innenstadt; eine Menge Geld für 54 Quadratmeter, aber sie "will wohnen, wo was los ist". Dafür verzichtet sie gerne auf den Kühlschrank, das spart Strom. Sie isst wenig, und "jedes Gemüse kostet weniger als einen Euro". 40 Euro zahlt sie für ihre Lebensmittel im Monat.

Die Rentnerin trägt Zeitungen aus, damit verdient sie ihr Lebegeld. 450 Euro bringt ihr das im Minijob. Um 3.30 Uhr klingelt der Wecker, von Montag bis Samstag. Um 6.30 Uhr hat sie 130 Briefkästen und Türen hinter sich und ist 900 Treppen gestiegen. Den Lift ruft sie nie, lieber nimmt sie immer zwei Treppen auf einen Schritt. Bis sie 99 ist, soll das so sein.

Taipalus könnte Grundsicherung beantragen, doch das, sagt sie, sei keine Alternative zum Zeitungsjob: "Nicht mein Stil." Sie hasst Formulare. Sie hasst es, Rechenschaft abzulegen. Sie hasst den Gedanken, abhängig zu sein. War sie nie, von keinem Staat, von keinem Mann. Die liefen stets ihr hinterher. Auf einem gelben Post-it auf dem Spiegel im Bad steht, was wirklich zu ihr passt: "Vive la vie - Lebe das Leben". Für sie bedeutet es, das, was sie tut, ernst zu nehmen, egal was es ist. "Auf die Haltung kommt es an", sagt sie. Deshalb sei sie immer eine "stolze Arbeiterin".

Drei Gebote hat sie für ihr Leben aufgestellt. Erstens: "Verdiene dein Geld mit der Arbeit, auf die du Lust hast." 35 Jahre lang war das eine Arbeit für den Kopf, sie unterrichtete Finnisch, Deutsch und Englisch an Spracheninstituten und für Privatschüler. Heute liebt sie am Zeitungen-Austragen die Routine: die Strecke, die Handgriffe, die Namensschilder. Zweitens: "Arbeite so viel, dass es für deinen Anspruch ans Leben reicht - genug ist besser als mehr." Früher hat sie nie in Vollzeit gearbeitet, heute reichen drei Stunden im Morgengrauen. Drittens: "Nimm dir Zeit für das, was dich sonst alles interessiert." Bei ihr ist das die Lust an der Bildung, sie sagt: "Ich will verstehen." Stundenlang liest sie die Zeitungen und schaut die Nachrichten.

Dass ein Gesetz vorschreibt, wann der Ruhestand anzufangen hat, kann Tuula Taipalus einfach nicht verstehen. Im Kopf nicht zu verarmen - das könnte, wenn es nach ihr ginge, ein Gesetz anordnen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB