Prostitution Tipp der Beratungsstelle: Geh einfach nicht mehr hin

Die letzte Zeit war die schlimmste. Ich begann immer mehr, zu reflektieren, was ich da eigentlich tue, und mir wurde immer klarer, wie sehr ich jeden Tag misshandelt werde. Irgendwann habe ich dann keinen Alkohol mehr getrunken, keine Drogen mehr genommen. Damit hatte ich nichts mehr, was dämpft, und die Stunden mit den Freiern waren die pure Hölle.

Also habe ich mir Hilfe bei einer Beratungsstelle gesucht. Doch der einzige Tipp, den die für mich hatten, war: Geh nicht mehr hin. Konkrete Ausstiegshilfe gibt es nirgends, denn Prostitution ist in Deutschland legal. Die meisten Beratungsstellen sind Pro-Sexarbeit und beschönigen alles. Die verstehen überhaupt nicht, was das Problem ist. Die meisten Huren, die aufhören wollen und es nicht alleine schaffen, fühlen sich von denen verarscht - genau wie ich.

Ich habe alles alleine machen müssen, den Drogenentzug, den Alkoholentzug und den endgültigen Ausstieg aus dem Milieu. All die Jahre habe ich mal mehr und mal weniger engagiert nebenbei studiert und nun war ich so weit, dass ich einen Job in meiner Fachrichtung bekommen habe.

Von einem Tag auf dem anderen arbeitete ich in einem Großraumbüro statt im Bordell. Dieser Wechsel war so extrem, ich habe es kaum ausgehalten. Vor allem körperliche Nähe zu männlichen Kollegen war mir unangenehm. Ich musste mir immer vorstellen, dass die vielleicht auch Freier sind. Glücklicherweise durfte ich irgendwann von zu Hause aus arbeiten.

Das hört sich jetzt vielleicht einfach an, aber das war es nicht. Ich war süchtig, hatte Phobien, Depressionen und eine posttraumatische Belastungsstörung. Ich hatte keine Kontakte außerhalb des Milieus und dafür unendlich viele Probleme mit den Behörden. Der Ausstieg war echt hart.

Es ist immer noch hart. Ich mache eine Traumatherapie und versuche, all das Erlebte zu bewältigen. Außerdem denke ich darüber nach, zu promovieren. Wenn ich mir erlaube zu träumen, sehe ich mich mit meiner Katze in einem kleinen Häuschen sitzen und in einem Beruf arbeiten, der meiner Qualifikation entspricht. Eine Beziehung habe ich nicht. Das ist auch schwierig. Ich reagiere so sensibel auf die kleinsten Grenzüberschreitungen und alles Mögliche triggert mich - Schmatzen kann ich zum Beispiel überhaupt nicht ertragen, da flippe ich aus.

Meine Erfahrung hat mich dazu gebracht, den Verein Sisters e. V. mitzugründen, denn so eine Beratungsstelle hätte ich mir damals gewünscht. Sisters unterstützt Frauen ganz konkret dabei, aus der Prostitution auszusteigen, zum Beispiel durch Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche.

Anders als die meisten anderen Beratungsstellen tun wir nicht so, als wäre Prostitution grundsätzlich in Ordnung. Das gibt den Frauen nämlich das Gefühl, dass sie zu empfindlich oder selbst schuld sind, wenn sie an ihrer Situation leiden. Nein, wir sagen: Prostitution ist schädlich. Wir fordern ein Sexkauf-Verbot, wie es das zum Beispiel in Schweden gibt.

Was Freier einer Hure antun, ist krass. Aber dass unsere Gesellschaft so tut, als wäre Prostitution in Ordnung, ist fast noch schlimmer.

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

  • ÜberLeben "Tourette hat eben nichts mit 'Arschloch' zu tun"

    Jean-Marc Lorber hat das Tourette-Syndrom. Was er sich auf der Straße deshalb schon anhören musste und warum er ohne obszöne Worte auskommt.

  • Shufan Huo Die Not nach dem Trauma

    Durch Zufall gerät eine junge Ärztin in die Katastrophe auf dem Berliner Breitscheidplatz. Sie hilft sofort, wird selbst aber mit quälenden Gefühlen allein gelassen. Sie ist nicht die Einzige.

  • "Unsere gemeinsame Zeit war einfach vorüber"

    Trennungen tun meistens weh. Doch wie ist das, wenn man älter ist - und sich mit 60 noch einmal völlig neu orientieren muss? Eine Psychotherapeutin berichtet.