Prominente Ministranten Starre Dogmen und subversiver Humor

Kinder und Jugendliche können, untheologisch gesagt, nirgendwo sonst so früh vor 200 oder 300 Menschen auftreten, Teil sein der heiligen Inszenierung. Ministrieren bedeutet, Lebenserfahrung zu sammeln - bei Hochzeiten wie auf Beerdigungen. Der Dienst gibt Selbstbewusstsein und diszipliniert: Ministranten müssen zehn Minuten vor dem Gottesdienst da sein und dürfen die Frühmesse nicht verpassen. Und ministrieren macht gesellig, in der Sakristei wie auf der Freizeit. Kein Wunder also, dass ein kabarettbegabter Fußballer wie Thomas Müller, der Bayern-Stürmer und WM-Torschützenkönig, Ministrant in Pähl im Pfaffenwinkel war. Heiko Westermann vom Hamburger Sportverein hat ministriert, ebenso der Nationalstürmer Miroslav Klose - die Sakristei als Übungsfeld für Teamfähigkeit und Selbstbeherrschung.

Als Ministranten haben viele Kinder ihren ersten großen Auftritt vor einer Menschenmenge.

(Foto: dpa)

Entsprechend zahlreich sind die Ex-Ministranten unter den deutschen Unterhaltungskünstlern. Bei Alfred Biolek mag man sich kaum anderes vorstellen, bei Thomas Gottschalk ist die katholische Vergangenheit mittlerweile derart bekannt, dass er als ewiger Messdiener durchgeht, der auch mit 60 noch so viel Weihrauch auf die glühende Kohle legt, dass der Gemeinde die Augen tränen. Günther Jauch, Gottschalks Mundwerksbruder, stand in seiner Jugend ebenfalls brav an den Stufen des Altars.

Weniger bekannt ist, dass Jürgen von der Lippe ein andächtiger Ministrant war - und Friedrich Ani, der Münchner Krimi-Autor, hat wohl die meisten echten Särge seines Lebens als Ministrant bei Beerdigungen gesehen. Stefan Raab gesteht: "Ich hab das Glöckchen nicht nur gebimmelt, wenn der Priester Kelch oder Hostie hebt." Sein alter Pfarrer erinnert sich noch heute an sein komisches Talent; Raabs anarchische Kalauerei ist bis heute urkatholisch geblieben, fern aller evangelischen Wortkunst. Harald Schmidt war, allen Gerüchten zum Trotz, übrigens nie Ministrant, sondern Organist.

Aber auch er sagt, die katholische Messe sei "eine fundamentale erste Erfahrung der Theatralik" für ihn gewesen. Wer seine Auftritte einmal spaßeshalber unter diesem Gesichtspunkt ansieht, wird sich wundern, wie viele liturgische Elemente sich hier finden. Nur die Gemeindebeteiligung fällt bei Harald Schmidt geringer aus als in der Kirche; sie beschränkt sich aufs Lachen und Klatschen, aufs Amen sozusagen.

Wahrscheinlich hilft gegen die starren Dogmen und Lehrgebäude der katholischen Kirche am besten ein subversiver Humor, vielleicht hat deshalb das barocke Passau so viele Kabarettisten hervorgebracht. Bruno Jonas zum Beispiel, der seine ersten Bühnenerfahrungen in Sankt Nikolai sammelte und 50 Pfennige pro Altardienst bekam; allerdings musste das Geld dann beim Ministrantenausflug ausgegeben werden. Früher hätte er öfters Ministrantenwitze gemacht, sagt er, heute fände er das fade: Jeder Idiot könne Witze über die Kirche machen.

Es gibt auch weniger schöne Ministranten-Erinnerungen: den kleinen und großen Sakristeityrannen ausgeliefert zu sein, bis hin zu geistigen und körperlichen Übergriffen. Aber es ist doch überraschend, wie viele ehemalige Ministranten positiv über ihre Zeit am Altar reden, vom Büchner-Preisträger Arnold Stadler, der in den - damals noch auf Latein gebeteten - Psalmversen die geheimnisvolle Schönheit der Sprache entdeckte, bis hin zum Liedchen-Sänger Xavier Naidoo, der diese Vergangenheit wiederum mit Gerhard Polt, Madonna und Christoph Schlingensief teilt. So verschieden sind sie, die Ex-Ministranten. Sie sind brave Katholiken geblieben oder Kirchengegner geworden, haben anständige Berufe ergriffen oder sind, dank ihrer theatralischen Urerfahrung, Politiker, Showmaster, Kabarettist, Literat geworden. Die Ministranten in Rom aber dürfen sich auf die Rückkehr freuen: Auch in Deutschland sind sie nicht allein.