Karrieren

Paul Ripke ist der deutsche Fotograf der Stunde. Er lichtet die Nationalmannschaft ab, Rapper und Show-Stars, dabei hat er den Job nicht mal gelernt.

Von Friedemann Karig

Lesedauer: 13 Minuten

Fast 120 Minuten lang hat der Paul den Paolo bequatscht. Hat ihm erzählt von seinen Besuchen in Rocinha, der Favela in Rio. Von seinen Wünschen und Ängsten. Und von seinen Bildern. Dann stürmt er an ihm vorbei aufs Spielfeld, zu Schweini und Jogi, zu den Weltmeistern. Zu den Fotos seines Lebens. Als einziger Fotograf illegal im Innenraum, auf dem Rasen des Stadions von Rio. Paolo, der brasilianische Ordner, hält ihn nicht auf. "Der kannte die Namen meiner Kinder. Und ich die von seinen", sagt der Paul. "Dann schmeißt man jemanden nicht aus seinem Traum."

So funktioniert Paul Ripke, 35, der Fotograf, der Unternehmer, das Original: Quatschen, knipsen. Geben, nehmen. Leute für sich gewinnen, von Leuten profitieren. Und nebenher das Unmögliche schaffen. Momentan ist der gebürtige Heidelberger einer der begehrtesten Fotografen Deutschlands. Er macht die Coolen und Schönen besonders schön und cool. Lena Gercke, Joko Winterscheidt, Mario Götze? Der Paul. Die Toten Hosen, Marteria, Jérôme Boateng? Der Paul. Jérôme für Hugo Boss, für Nike, für Bayern, für Jérôme selbst? Der Paul. Wie genau macht der das? Siegt hier gutes Karma? Authentizität? Oder doch nur große Klappe?

Jérôme Boateng befolgt brav seine Kommandos - und dann tanzt er sogar für ihn

Also Shooting in einem Studio in München, die Assistenten bauen auf, Ripke geht mit Boatengs Manager letzte Details durch, jetzt fehlt nur noch der Star. Der Fotograf baut derweil Nähe auf. "50 Prozent meiner Arbeitszeit sind Warten." Ripke, große blaue Augen im bärtigen Gesicht, kickt einen Fußball gegen die Wand, streicht sich zum dreißigsten Mal durch die kurzen braunen Haare, die unschlüssig herumstehen. "Warten, auf Leute, auf Entscheidungen. Apropos: Was krieg ich, wenn ich da drüben reintreffe?" Ripke will einen Contest. Wer den Ball in den kleinen Kasten am Eingang des Studios schießt, wird vom Verlierer einmal im Kasten durchs Studio kutschiert. Ripke schießt vorbei, jemand trifft immerhin eine Leiter, die knallt auf den Boden, BUMM! "Tschuldigung!", ruft Ripke. Dann stellt er die Leiter wieder auf und grinst. "Hast du's überhaupt noch drauf?", fragt Ripke Boateng beim Shooting. Boateng lächelt. Lässig, aber mit Respekt behandelt zu werden, das gefällt ihm womöglich besser als die totale Ehrfurcht, die andere ihm entgegen bringen. Ripke nimmt die Kamera hoch. Und los: Schau mal her! Auf den Boden. Hoch. Runter. Mal böse. Lach mal. Hände zusammen. Runter. Gut. Guck mal da rüber. Hier rüber. Nase runter. Mach hähähä! HÄHÄHÄ! Stop! "Danke, Jerome!" Dann rappt er plötzlich: Berlin, habt ihr eure Handys am Start? Ihr seht richtig: Ich bin's, der WM-Fotograf Paul Ripke, der Wuhlheiden-Zerstörer Flink wie ein Wiesel, stahlharter Körper. Boateng lacht, schüttelt den Kopf. "Filmt ihr das?", fragt Ripke. "Ich warne euch! Voll trottelig!" Er baut kein Mal das Licht um, wechselt nur zwischen zwei Kameras.

Schaut nie auf die Bilder. Nur durch den Sucher. Zwischendurch erklärt er, was sich ändern muss an der Darstellung der Fußballer. Alles aus einer Hand, aus einem Guss. Ein Art Director wie er, der Fotos macht, auf die Bildsprache achtet, den Kicker kennt und den Markt sowieso. "Man muss Kommunikation und Marke immer gleich in Social Media denken." So macht er es seit Jahren für Marteria, dem Rapper, dem "Herbert Grönemeyer unserer Generation", wie er ihn nennt. Zusammen sind sie um die Welt gereist. Ripke wäre ohne Marteria nichts, sagt er, aber vielleicht stimmt es andersrum auch ein bisschen. Erst mit Ripke sieht Marteria allzeit so gut aus wie er klingt. Sie lernten sich vor ein paar Jahren auf einem Hip-Hop-Festival kennen. "An der Bar. Ich war Fan, Marteria hatte eins meiner Videos bei Myspace gepostet. Nach 17 Jägermeistern endete der Abend mit einem Zungenkuss."

"Aber jetzt alle mal raus, ich will alleine mit Jérôme tanzen." Und Boateng, ein großer, sanfter Typ, für dessen Grundzustand der Begriff "aus der Reserve locken" erfunden worden sein muss - er tanzt für Pauls Leica.

"Ich weiß, das sieht oft leicht und nach Glück aus, was ich mache," erklärt Ripke. "Ist aber harte Arbeit." Und Risiko. Als seine Agentin pleiteging vor vier Jahren und er dringend Kohle brauchte, machte er einfach auf eigene Faust sein erstes Buch. "Zweitausendzwölf" hieß es, ein großer Packen Bilder, sein Jahr. Ohne Verlag, ohne Zwischenhändler. Und verkaufte nur über seine Webseite 5000 Stück. "Meine Karriere wäre ohne Netz nicht möglich gewesen", sagt er. Schaut man in diese Bücher, erkennt man schnell: Ripkes Stil ist nicht Rock'n'Roll, nicht Punk, sondern Rap. Straight Outta Heidelberg. Länder, Menschen, Abenteuer. Fette Farben und Motive. Ripkes Kamera schöpft eine satte Welt ab, randvoll mit Geschichten und Gestalten. Bilder wie Beats. Fabeln, die groß und klein funktionieren, im Buch und auch auf Instagram. Viele Bild gewordene "Schau mal, Alter!"-Momente.

Das alles ist manchmal, nein, immer ziemlich größenwahnsinnig. Zu Reinhold Beckmann sagte Ripke: "Ich brauche nur zwei Minuten, und ich krieg die Seele jedes Menschen." Die Porträts, die er vor und nach Beckmanns Sendungen in eben zwei Minuten schoss, sind eher fad. Aber hey, der Paul bekam sie damit alle: Helmut Schmidt, Harald Schmidt, Franz Beckenbauer, Sahra Wagenknecht, Angela Merkel, you name it.

Selbst wenn er verliert, gewinnt er etwas. Anruf bei Campino, mit dem der Paul in Argentinien unterwegs war. Für die Toten Hosen hat er einen großen Bildband gemacht. "Der Paul ist ein Verrückter", sagt der Sänger, "aber dabei superschnell und 100 Prozent treffsicher." Für Ripke ist die Arbeit mit Musikern noch wichtiger als die mit den Fußballern. Musik in Bilder zu verwandeln - dafür hat er angefangen zu fotografieren. "Ich war bei den Skatern, aber zum Skaten zu schlecht, also nahm ich die Kamera. Dann verliebte ich mich in den Hip-Hop und seine Charaktere. Ich wollte die alle fotografieren." Sein erster Job als Fotograf ist unbezahlt. Er bequatscht das Magazin Juice, ihn Bilder von DJ Tomekk machen zu lassen, indem er eine die Reisekosten halbierende Bahncard erfindet, die er sich erst nach der Zusage besorgt.

Seine ersten Kameras erbt er von seinem Vater, einem begeisterten Hobby-Fotografen. Er stirbt, als Ripke 19 ist. Der Vater, Psychologe, war in der Studentenbewegung aktiv, hatte angeblich RAF-Kontakte. Seine Mutter arbeitete in der Kanzlei von Otto Schily. Abhören und Hausdurchsuchungen waren, so erinnert sich Ripke, normal. Und auch er kommt in Kontakt mit der Staatsgewalt. Zweimal ist er vorbestraft: Einmal mit 17 wegen Sprayen, das gibt zwei Wochenenden Jugendknast. Sein Vater ist sauer, als er ihn dort abholt. Nicht wegen des Gefängnisses. Sondern weil Ripke zu früh rauskommt und sein Vater kein Bild von ihm hinter Gittern kriegt.

Mit 18 dealt er "aus Geltungsdrang" Haschisch. Wird geschnappt. Zwei Jahre Bewährung. Er selbst ist clean, sagt er, davor und danach. Genug Scheiß gebaut. Ripke fängt an, BWL zu studieren. "Aus Angeberei" gründet er die PR GmbH, die noch nichts zu tun hat. Trainiert Jugendliche im Hockey-Klub, bis zu fünfmal die Woche, "weil ich halt alles übertreibe." Ein Hockey-Papa erzählt ihm, dass er unzufrieden mit dem festangestellten Fotografen ist, der für seine Firma die massenhaft produzierte Billigware ablichtet. Shirts für Aldi und so was. Ripke ergreift die Chance und erstellt einen Business-Plan: ein ausgelagertes, aber direkt angebundenes Foto-Studio mit ihm als Pauschal-Fotograf, all inclusive. Der Unternehmer willigt ein. "Ich bin dort auf den Parkplatz gefahren zu dem Schild, auf dem ,Fotograf' stand. Da wusste ich: Jetzt bin ich Fotograf." Bis heute knipsen zwei Fotografen für ihn diese Billig-Sachen. Er selbst taucht darin, kein Scherz, manchmal noch als Übergrößen-Model auf.

In seinem Studio produzieren 15 Leute Fotos für Aldi, während er die "Toten Hosen" begleitet

Was ein guter Fotograf bringen muss? "Einsatz. Wenn ich jemandem ein Foto verspreche, morgens um acht, nachts um vier, dann bin ich auch da. Egal, was meine Frau dazu sagt." Einsatz, Interesse, Manieren, "Attitude", das sind seine Vokabeln. Dazu braucht er keine Ausbildung, kein Studium, keine Praktika. Aber er hat immer ein bisschen mehr gegeben, als er musste. Heute arbeiten in seinem Studio 15 Leute, produzieren die Bilder für Aldi, während er eine Live-Doku für Marteria filmt und mit den Toten Hosen eine der größten Bands des Landes begleitet. "Nach 30 Jahren Tournee zeigt der Junge dir Bilder, wie du sie noch nicht gesehen hast", sagt Campino, "und das geht nur, wenn du jemanden an deine Seele lässt."

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"Ich habe echt ein Problem, wenn mich jemand nicht mag", sagt Ripke, "oder meine Arbeit." Was wie eine Macke klingt, ist in Wirklichkeit seine Superkraft: Sympathie schaffen. Immer, überall. Zu den Hosen nahm ihn Marteria mit. Ripke war zu allen nett, mit dieser charmanten Balu-der-Bär-Nummer. Er verstand sich auch mit dem Busfahrer, wie immer. Mach mal, sagten die Hosen, und der Paul machte. "Paul, dieser Wahnsinnige", sagt Campino bewundernd, "geht in einen Pulk brasilianischer Zweitliga-Hools, macht Bilder von ihnen. Und sie lieben ihn."

Das ist "Karma", wie Ripke es nennt, oder "Gefallen, die zurückkommen." Und davon hat er einige gesammelt. Vor fünf Jahren beschloss er, seine alte Leica zu verleihen, an Leute, die sich keine leisten konnten. Er nannte sie die "Verleica". Eine Kamera, die von einer Hand zu anderen wanderte. "Und das Irre ist: Die Sache wächst." Ein dankbarer Nutzer kaufte einen Akku, ein anderer eine Tasche. Bis heute war die 5000 Euro teure Kamera in zig Händen. Dabei kaufte sie zuerst ein gieriger Fan, wollte sie "mit Promi-Bonus" auf Ebay losschlagen, aber Ripke kaufte sie zurück. Er glaubt halt an das Gute, an den Sinn hinter Dingen. Als neulich seine geliebte eigene Leica nach einem Vortrag verschwand, appellierte er an seine Fans. Drei Tage später tauchte sie wieder auf.

Diese Geschichten sind wie ein Perpetuum mobile für Ripkes Erfolg: Er erzählt sie, dafür mögen ihn die Leute. Die bringen ihm neue Geschichten, die er wieder erzählt. Manchmal hört er kaum mehr auf zu erzählen, so viele hat er. Genug Geschichten ergeben eine Karriere - nicht mittels Preisen und Prestige, sondern durch diese geschmeidige Verbindlichkeit.

Stellt sich die Frage: Wer zum Teufel mag dich eigentlich nicht, Paul? Keine Sekunde Zögern: "Der Kai Pfaffenbach." Kai Pfaffenbach, Sportfotograf, stellvertretender Sprecher des Verbandes deutscher Sportfotografen, der 2014 die komplette WM über in Brasilien war, sagt: "Ich habe nichts gegen seine Arbeit. Aber hinterher bei Lanz zu sagen, dass kein anderer diese Fotos hätte machen können, ist zu viel der Selbstdarstellung." Jeder andere, findet Pfaffenbach, hätte diese Chance natürlich genutzt. Und auch solche Fotos geschossen. "Ich dachte auch erst, das ist ein Physiotherapeut, der da privat fotografiert. Danach war sein Hinterteil auf jedem zweiten Bild drauf."

Dabei durfte der Paul erst gar nicht mit nach Brasilien, saß zu Hause, während das Team siegte, "die WM war schlimm für mich, bis dahin." Dann schrieb er Oliver Bierhoff, dem Manager der Nationalelf, eine Mail. "Ich hatte mir diesen einen Schuss genau ausgerechnet. Wann ist er im Campo Bahia, wann liest er seine Mails?" Eine Woche feilt er an der Formulierung, dann schickt er: "Liegt es an meinem Aussehen? Ich rasiere mich gerne und trage eine Frisur eurer Wahl." Oliver Bierhoff antwortete: "Lieber Paul, immer locker bleiben. Haare so lassen und mitkommen. Wir schießen die Tore, du die Fotos!"

Er schleicht sich beim Finale heimlich aufs Feld - der Verband der Fotografen ist empört

Ein paar Tage später steht Ripke auf dem Rasen und schießt fast jedes große Foto, das aus dieser Nacht in Erinnerung bleibt. Der Fotografen-Verband ist empört, befasst sich offiziell mit dem "Fall Paul Ripke", wie es im Verbandsmagazin heißt. Und der DFB reagiert. Ohne Erklärung wird er nicht mehr gebucht, obwohl sogar die Spieler nach ihm fragen. "Ich bin denen wohl zu laut geworden", glaubt Ripke. Dass er auf eigene Faust für 230 000 Euro den großen Bildband zur WM-Nacht, die "One Night in Rio", stemmte, und dann auch noch Erfolg damit hatte, neidet ihm mancher, denkt er. "Das alles ist verboten. Du musst es trotzdem machen", heißt es in einem Song seines Kumpels Marteria.

Seine Frechheit hat er seit Rio perfektioniert. So kann man heute mit dem Paul und einem anderen Fußball-Weltmeister, dessen Name nicht so wichtig ist, weil es eigentlich jeder Weltmeister sein könnte, einmal durch die Allianz-Arena surfen. Fast bis in die Kabine, an allen Kontrollen vorbei. Niemand hält einen Typen wie Ripke auf. Er atmet auch in teuren Sponsoren-Lounges die Selbstverständlichkeit eines Mannes, der genau am richtigen Platz ist. Der immer er selbst bleibt, außer jemand anderes ist gefragt. Dann ist er eben jemand anderes, aber dabei eigentlich auch wieder er selbst. Dann nimmt er zitternden Rentnern die Handys aus der Hand, um ein sauberes Bild für sie zu machen. Vorher hat er den Fußballer im Bademantel in seiner Sauna fotografiert, die goldene Replika des WM-Pokals in der Hand. Im Bauch des Stadions geht Ripke mit ihm an einer Horde Kinder vorbei, die ein Foto wollen. Der Weltmeister geht weiter, Paul sagt: "Wäre ich dein Manager, ich würde dir raten, das Foto zu machen." Der Weltmeister dreht um und macht das Bild.

Muss man so jemanden auch mal bremsen, Herr Campino? Geht das überhaupt? "Nee. Solche Leute müssen in die Flamme greifen. Denen kannste nicht sagen: Das ist heiß, fass da mal lieber nicht hin." Vielleicht verbrennt er sich die Finger, wenn er bald für Pro Sieben in der Streiche-Sendung "Prankenstein" Leute auf den Arm nimmt. Vielleicht kommt aber bald der Tag, an dem er nicht mehr kann: 2014 war er 211 Nächte weg von zu Hause. "Jeden Morgen nach dem Aufwachen und jeden Abend vor dem Schlafen rufe ich meine Frau an", sagt Ripke. Im Sommer will er mit Familie nach Los Angeles ziehen. Ein alter Traum. Dort seine "Ripkedemy" aufbauen, Workshops geben für junge Fotografen, ein guter Ratgeber sein. So wie die "väterlichen Freunde", die er sich nach dem Tod seines Vaters gesucht hat. Denen er wichtige Mails zur Korrektur schickt, bevor er sie versendet.

Wie man einen Paolo bequatscht, das kann Ripke allerdings niemandem beibringen. Eine große Klappe muss man sich leisten können. Menschen muss man mögen. Und das Karma? "Das kann eigentlich jeder", sagt der Paul. "Ich mach ja nix Besonderes."

Erschienen in der SZ vom 26.3.2016