Pro Fürchtet euch nicht!

Digitale Medien sind ein Teil unserer Welt, die Kinder kennenlernen müssen.

Von Fränzi Kühne
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Jeden Abend bringe ich meine dreijährige Tochter mit einer "Schlaf-Gut-App" zu Bett. Kuh, Schaf, Ente, Schwein, Hund, Fische - alle legen wir nacheinander hin, machen das Licht aus und wünschen eine gute Nacht. Solange ich das Vorlesen aus dem Buch nicht vernachlässige, sehe ich darin kein Problem. Im Gegenteil: Durch die gemeinsame Anwendung der App, über die wir währenddessen sprechen, lernt meine Tochter, dass nach 20 Minuten Schluss ist. Wenn wir das Tablet weglegen, weiß sie: Das war's für heute.

Erklären, begleiten, beibringen, vormachen, helfen, Grundlagen vermitteln, Routine aufbauen - all das sind Elternaufgaben. Doch dabei, ihren Kindern den richtigen Umgang mit Handy oder Computer beizubringen, tun sich viele Eltern schwer. Die Frage ist ja schon: Wo fängt das Digitale überhaupt an? Gehört das gemeinsame Fernsehen am Sonntagabend dazu? Wo ist der Unterschied zum Netflix-Streaming oder dem gelegentlichen Spielen auf der Playstation mit dem sechsjährigen Kind?

Technik sei zu wichtig, um sie nur Technikern zu überlassen, sagte einmal der Philosoph Vilém Flusser. Ins 21. Jahrhundert übersetzt heißt das: Digitale Technik ist zu sehr Teil unseres Alltags, als dass wir sie unseren Kindern vorenthalten könnten.

Sobald meine Tochter fünf ist, werde ich deshalb mit ihr Digitalwerkstatt-Programme für Kinder ausprobieren. Ich mache das nicht, weil eines Tages aus ihr eine Programmiererin werden soll, sondern weil ich sie für die Ideen, Werte und Strukturen hinter der Technik so früh wie möglich sensibilisieren will. Und ich möchte ihr zeigen: Digitale Themen sind nicht nur was für Experten, auch Kinder können mitreden. Vor Digitalisierung muss man sich nicht fürchten, sie macht Spaß, und man kann sie ganz einfach verstehen und mitgestalten.

Natürlich ist - wie bei so vielem - ein maßvoller Umgang entscheidend. Zuerst müssen Kinder die analoge Welt spüren, schmecken und erfahren, bevor sie allein in die digitale Welt entlassen werden. Und sie müssen den richtigen Umgang erlernen. Wenn digitale Aufklärung aber erst im Teenageralter beginnt, ist es wie bei der sexuellen Aufklärung: bereits viel zu spät. Kinder wachsen ja nicht in einem von der restlichen Welt abgeschnittenen Raum auf, in dem ihnen ihre Eltern ein analoges Theaterstück vorspielen. Ob man es nun wahrhaben möchte oder nicht: Digitale Medien sind Teil unserer Welt und werden über kurz oder lang die dominierende Form der Inhaltsvermittlung sein.

Am Ende kann es deshalb nicht um das Medium an sich, sondern nur um Inhalte, Nutzungsverhalten und -dauer gehen. Wenn Eltern ihre Kinder stundenlang vor Handy, Laptop oder Computer sitzen lassen, heißt das nicht, dass ebendiese Geräte böse sind. Vielmehr ist es ein trauriges Zeichen dafür, dass wir auch im 21. Jahrhundert weit davon entfernt sind, ein gesellschaftliches Problem gelöst zu haben: die Verwahrlosung von Kindern. Ob das nun wie vor Jahrzehnten vor dem Fernseher stattfindet oder vor dem iPad, macht keinen Unterschied.

Wir müssen uns außerdem davor hüten, digitale Aufklärung mit der reinen Technologisierung der Bildung gleichzusetzen. Es gibt nicht nur eine Menge Grautöne, sondern eine ganze Farbpalette zwischen "Digitalisierung ist gut!" und "Digitalisierung ist böse!" - etwa die Einsicht, dass digitale Tools nur eine Ergänzung zu analogen Methoden der Erziehung oder Lehre sind. Nicht ihr Ersatz.

Statt alles Digitale zu verdammen, müssen sich Eltern und Erzieher selbst in die Pflicht nehmen. Wir sind es, die den Kindern einen Umgang mit digitalen Medien vorleben sollten, der konstruktiv, maßvoll und reflektiert ist. Wir sind es, die vor dem Kind das Handy auch mal weglegen und nicht verstohlen darauf schielen sollten. Und wir sind es leider auch, denen das am allerschwersten fällt, auch weil uns digitale Bildung größtenteils verwehrt wurde. So kleben wir in Meetings, im Fitnessstudio, oder im Straßenverkehr an den Bildschirmen und verlangen "digitalfreie Oasen", weil wir uns selbst nicht im Griff haben.

Wenn wir unseren Kindern beibringen wollen, Digitalisierung konstruktiv zu nutzen, sie vielleicht auch wohlbegründet abzulehnen, müssen wir sie ihnen trotzdem zunächst vermitteln und erklären. Und das klappt, wie bei praktisch allen pädagogischen Unterfangen, nicht durch Theorie, sondern nur durch Teilhabe. Wir müssen die Diskussion, welche Digitalisierung wir haben wollen, ergebnisoffen führen. Zusammen mit unseren Kindern. Sie ist zu wichtig, um sie Experten zu überlassen.

Fränzi Kühne, 36, beschäftigt in ihrer Digitalagentur "Torben, Lucie und die gelbe Gefahr" 200 Mitarbeiter. Bei der Freenet AG und der Württembergischen Versicherungen AG ist sie Aufsichtsrätin, eine der jüngsten Deutschlands.