Prêt-à-Porter-Schauen in Paris:Stoffe aus dem Cyberspace

Futuristische Ethno-Party: Bei den Schauen in Paris besinnen sich Balenciaga, Gaultier und Dior zurück auf die Zukunft der Mode.

Tanja Rest

Es ist ein frühlingsblauer Morgen, als die Schauspielerin Charlotte Gainsbourg aus ihrer Limousine aufs Pariser Pflaster steigt. Hinter ihr braust der Verkehr des Place de la Concorde, vor ihr wogen die Fotografen: "Charlotte!" Die Andeutung eines Lächelns.

Sie ist blass, hat sehr schmale Schultern und diesen spröden Gesichtsausdruck, hinter dem sich Schüchternheit verbirgt. "Charlotte! Ici!" Wie sie da steht und sich betreten windet, schwingt ihr Ledermantel auseinander, und man erkennt - einen Minirock aus genähten Stacheln! "Ich fühle mich beschützt wie ein Soldat in Balenciaga", hat Madame Gainsbourg kürzlich bekannt, und da sieht man mal, was Mode für eine Frau eben auch tun kann.

Die Prêt-à-Porter-Schauen für Herbst und Winter 2010/11 liefern zum Auftakt radikalen Sci-Fi. Den Prunksaal im Hotel de Crillon hat Nicolas Ghesquière mit illuminierten Milchglasplatten pflastern lassen. Es soll eine Referenz sein an Kubricks Weltraumodyssee - doch was nun kommt, ist "2001" um Lichtjahre voraus. Der Balenciaga-Designer ist ein Meister darin, das Limit der Mode immer weiter zu verschieben.

Man hat sich sein Atelier als Alchimistenküche vorzustellen, in der er Materialien wie Nylon, Neopren und Kaschmir zu etwas gänzlich Neuem fusionieren. Stoffe aus dem Cyberspace, die aus sich selbst heraus zu leuchten scheinen, die massiv sind und wehrhaft, aber niemals sperrig - komfortable Protektoren gegen das Brausen und Wogen der Welt.

Aufmarsch der Kriegerinnen. Metallisch schimmernde Raumanzüge, in der Taille gegürtet. Ausladende Schultern und Stehkragen zum gesteppten Brustpanzer (Ghesquière hat einmal gefochten, das sieht man). Die kurzen Kleider strahlen prilblumenfarben in geometrischen Mustern, über andere Modelle zucken Typographien, hektisch flackernd wie Zeitungsschlagzeilen.

Pelzstolas behüten den Rücken, Reliefpullis den Busen; Plateauschuhe mit Blockabsatz sind aus vielerlei Kunststoffen zusammengepuzzelt. Die Models tragen sie mit Würde, pastellbunten Augenbrauen und streng seitengescheitelt. In der Finanzkrise besinnen sich die Häuser auf ihre DNS, und diese hier lautet: Kampfsport, Kubismus, Futurismus. Die Tragbarkeit im Hier und Heute wird sich allerdings noch zeigen müssen.

Apropos Krise. Während bei Balenciaga der französische Kulturminister in der ersten Reihe saß, prangte bei Balmain an der gleichen Stelle: das Geld. Massen davon! 2005 war das Pariser Traditionslabel noch pleite, dann kam Chefdesigner Christophe Decarnin, verpasste Balmain einen radikal modernen Look und verschärfte die Preise bis zur Schmerzgrenze. 3000 Euro für ein Glitzer-T-Shirt, 20.000 für ein Kleid. Die Umsätze haben sich seither verdoppelt.

Im Video: Karl Lagerfeld und Jean Paul Gaultier zeigen in Paris ihre neuen Herbst-/Winterkollektionen.

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