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Prävention:"Du musst dich zusammenreißen - so ein Satz geht bei uns gar nicht!"

Junge Frau traurig und enttaeuscht am 02 02 2016 in Muenchen Deutschland MODEL RELEASED

In Deutschland nehmen sich jedes Jahr rund 500 junge Menschen das Leben.

(Foto: imago/Action Pictures)

Wie erreicht man suizidgefährdete Jugendliche? Eine Online-Beratung hilft per Mail, soziale Netzwerke setzen auf künstliche Intelligenz.

Von Leonie Gubela

Einer der ersten Klienten von Niko Brockerhoff hatte für seinen Suizid bereits ein Datum festgelegt. An einem Dienstag im September wollte der junge Mann mit dem Usernamen "Anton" (Name v. d. Red. geändert) seinem Leben, den Depressionen, ein Ende setzen. Kurz bevor es soweit war, kontaktierte er U25 - eine Online-Beratung der Caritas für Menschen unter 25 - und öffnete sich dem gleichaltrigen Niko. Die beiden damals 18-Jährigen korrespondierten tagelang, das Datum rückte näher, verstrich und Anton ging stattdessen in Therapie. "Da dachte ich zum ersten Mal: Wow, ich habe gerade jemanden dazu gebracht, sich nicht das Leben zu nehmen", sagt Brockerhoff. Es war nicht das letzte Mal.

Heute ist Niko Brockerhoff 22, hat Soziale Arbeit studiert und ist hauptamtlich bei der Initiative tätig. Junge Menschen, die keinen anderen Ausweg sehen, als sich umzubringen, können sich ihm und seinen 22 sogenannten Peer-Beratern in Gelsenkirchen anonym per Mail anvertrauen. Diese Berater sind keine Psychologen, sondern Jugendliche zwischen 16 und Mitte 20. Viele von ihnen haben eigene Erfahrungen mit selbstverletzendem Verhalten und psychischen Erkrankungen überwunden und wollen anderen in ähnlichen Situationen helfen. Die meisten arbeiten ehrenamtlich neben Schule, Studium oder Ausbildung.

Ausgebildet werden sie von den Projektleitern Niko Brockerhoff und seiner Kollegin Katrin Gieß, 27, die ebenfalls Soziale Arbeit studiert hat. Eine feste Regel für die Formulierung der Emails gebe es nicht, sagt Brockerhoff. Je nach Ton des Schreibers - förmlich, locker, mit Emoticons oder ohne. "Nur auf das Wort 'müssen' sollte verzichtet werden." Denn "müssen" bedeute, jemandem vorzuschreiben, was er zu tun habe. "Und das ist nicht unsere Aufgabe", sagt der 25-Jährige."Du musst dich zusammenreißen - so ein Satz geht bei uns gar nicht."

In der Altersgruppe unter 25 ist Suizid die zweithäufigste Todesursache nach Autounfällen. Laut eine Erhebung des Gesundheitsministeriums nehmen sich in Deutschland jedes Jahr etwa 500 junge Menschen das Leben. Bundesweit wenden sich jährlich etwa 900 Jugendliche an die Online-Beratung U25. Inzwischen hat die Initiative, die vom Familienministerium gefördert wird, neben Gelsenkirchen neun weitere Standorte mit insgesamt 160 Beratern.

Jede Mail, die die Peers verfassen, wird von Niko Brockerhoff und seiner Kollegin abgesegnet. "Auch um sicherzustellen, dass die Professionalität gewahrt wird und keine zu intensiven Bindungen entstehen." Aus dem Grund bleiben die Berater gegenüber den Klienten ebenfalls anonym. Während der Ausbildung üben sich die Ehrenamtler zunächst an vergangenen Fällen und beantworten exemplarische E-Mails. "Die meisten treffen intuitiv den richtigen Ton", sagt Brockerhoff. "Oft feile ich nur an der einen oder anderen Formulierung."

Natürlich habe jeder seinen eigenen Stil - ein 16-Jähriger schreibe anders als ein 24-Jähriger. "Aber genau das ist wichtig." Brockerhoff versucht, Klienten und Berater zusammenzubringen, die ungefähr im gleichen Alter sind und womöglich sogar vergleichbare Erfahrungen gemacht haben. "Wenn sich jemand mit Essstörungen bei uns meldet, verbinde ich ihn, wenn möglich, mit einer Person, die diese Situation nachvollziehen kann." Da er die Korrespondenz überblickt, liegt es in seiner Verantwortung, sich zu vergewissern, dass der Berater nicht getriggert wird - also dessen eigene Themen wieder aufbrechen. Gegebenenfalls muss er sich mit einschalten.

Viele wissen selbst, was ihnen guttut

Wer sich erstmals an U25 wendet, erhält innerhalb von zwei Tagen Antwort. Danach können sich die Berater bis zu einer Woche Zeit für weitere Mails lassen. "Das Warten soll entschleunigend wirken und Selbstreflexion fördern", sagt Brockerhoff. Nur in Einzelfällen werde die Frequenz der Mails erhöht. In dieser Phase müssen die Berater herausfinden, wie konkret die Suizidgedanken sind. Das bedeutet: viel nachfragen, sich ein Bild machen. Das ist nicht immer einfach, besonders, wenn die Nachrichten kryptisch oder kurz gehalten seien, sagt Brockerhoff - "so in die Richtung: Mir geht's so scheiße, ich will nicht mehr leben."

Die Peers haken immer wieder nach und motivieren den Klienten dazu, selbst darüber nachzudenken, was jetzt hilft. "Ganz oft wissen sie unterbewusst, was ihnen guttut und brauchen nur jemanden, der sie das erkennen lässt." Dass die Mailberatung eine Therapie nicht ersetzt, wird gleich zu Beginn klargestellt. Das Ziel: Die Klienten step-by-step dazu zu bewegen, sich professionelle und langfristige Hilfe zu holen.

Auch Soziale Netzwerke ergreifen Maßnahmen

Dass Jugendliche sich an eine Institution wie U25 wenden, hat unterschiedliche Gründe: Da ist zum einen die Scham, das eigene Leben nicht in den Griff zu bekommen. Auch trauen sich viele nicht, Familie und Freunde zu behelligen, weil ihre Probleme entweder bagatellisiert werden - oder aber übertriebenen Aktionismus nach sich ziehen. "Stell dich mal nicht so an", hören die einen - die anderen fürchten, gleich in die Geschlossene eingeliefert zu werden.

Sie fühlen sich alleine mit ihren Problemen - obwohl Nahestehende sich möglicherweise Sorgen machen: "Manche haben einen Verdacht und denken sich: Das spreche ich besser nicht an, nachher bringe ich die Person auf falsche Gedanken", so Brockerhoff. So entsteht ein Teufelskreis aus Hilflosigkeit und Tabuisierung.

Depression lässt sich am Instagram-Profil erkennen

Wer Jugendliche erreichen will, muss ins Internet: Hier teilen die meisten sich und ihre Gefühlslage eh bereits in der virtuellen Welt mit. Und immer häufiger äußern Menschen auch auf Social-Media-Plattformen wie Facebook Live Suizidgedanken.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will es den Nutzern in Zukunft einfacher machen, aufeinander zu achten. Meldet ein User einen bedenklichen Inhalt, erhält er von Mitarbeitern einen vorformulierten beschwichtigenden Text, den er seinem Freund zusenden kann. Auch gibt es in den USA bereits die Möglichkeit, gleich aus dem Netzwerk heraus den Notruf zu wählen. Darüber hinaus rät Facebook dem Suizidgefährdeten, die Telefonseelsorge zu kontaktieren.

Für Status-Updates und Kommentare, die von Suizidabsichten handeln, gibt es diese Funktionen schon länger - bald soll ein zusätzlicher Algorithmus eine auffällige Wortwahl in öffentlichen Posts erkennen können. Wenn ein Nutzer über Selbstverletzungen, Depressionen oder Suizid schreibt, werden bei Facebook automatisch speziell ausgebildete Mitarbeiter informiert.

Auch auf Instagram soll aus Präventionsgründen zukünftig vermehrt künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen. Die Wissenschaftler Christopher Danfort und Andrew Reece von den Universitäten Harvard und Vermont fanden etwa im Rahmen einer aktuellen Studie heraus, dass sich am Instagram-Auftritt erkennen lässt, ob eine Person depressiv ist. Nach Auswertung von mehr als 43 000 Fotos stellten sie fest, dass Depressive häufiger dunkle, graue, blaue oder Schwarz-Weiß-Aufnahmen posten. Auf den Bildern gesunder Nutzer sind öfter Gesichter zu sehen - der beliebteste Filter gestaltet sie wärmer und heller.

Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Leiter des Zentrums für Internet und seelische Gesundheit (ZISG) an der Berliner Charité, findet die Nutzung von Algorithmen zur Suizidvorbeugung grundsätzlich sinnvoll. Er sorgt sich jedoch, dass die gesellschaftliche Verantwortung auf Maschinen abgewälzt werden könnte: "Algorithmen sind zwar effektiv, allerdings gehen dabei die menschlichen Strukturen verloren." Seiner Meinung nach ist der wichtigste Schutz eine unterstützende soziale Umgebung. Bei einer technischen Lösug bestehe außerdem die Gefahr, dass sich Nutzer nicht mehr trauen, Privates auf sozialen Netzwerken mitzuteilen - aus Angst, von einer künstlichen Intelligenz abgestempelt zu werden.

Auch Niko Brockerhoff sieht daher vor allem die Menschen, die sich in sozialen Netzwerken bewegen, in der Pflicht, Nutzer zu kontaktieren, die Bedenkliches posten - und auf Angebote wie U25 aufmerksam zu machen. Auch die Initiative selbst plant, zeitgemäßer zu werden. Künftig will man für den Erstkontakt von Emails auf Chats umzusteigen. Damit die Beratung so schnell wie möglich beginnen kann.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) oder andere Initiativen wie die Online-Beratung U25. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

© SZ.de/vs/sks
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