Süddeutsche Zeitung

Präsidenten und ihre Partnerinnen:Heraus aus dem Schatten des Gatten

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Kaum kandidiert Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten, haben Sittenwächter schon über die Zukunft seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt entschieden: Zuerst soll der Job gekündigt werden, dann wird geheiratet und fortan nur noch gelächelt an der Seite des Ehemanns. Warum eigentlich? Die Degradierung zur bloßen Handtaschenträgerin muss ein Ende haben.

Constanze von Bullion

Die Frau des Bundespräsidenten, neudeutsch First Lady, ist ein sonderbares Wesen. Wenn sie ist, wie sie zu sein hat, jedenfalls in vielen Köpfen, besitzt sie die Güte der Mutter Teresa, die Tischmanieren der britischen Königin und einen ebensolchen Vorrat an Handtaschen - zum Festhalten. Auch Verstand sollte die erste Frau im Staate haben, klar, gern einen Hochschulabschluss oder Erfolg im Beruf. Nur dass sie eben an der Seite ihres bedeutenden Mannes tunlichst davon absehen sollte, von ihren Qualifikationen Gebrauch zu machen. Ganz wichtig auch: das Tugendgewand. Eine First Lady braucht ein makelloses Vorleben, besser noch gar keines, und dazu einen Ehering. Und wenn sie keinen hat? Dann muss er eben beschafft werden, irgendwie. Schließlich muss sie ein Vorbild sein, ein weibliches.

All das ist keine Polemik, sondern ärgerliche Wirklichkeit im Deutschland des Jahres 2012. Das Land bekommt in Joachim Gauck einen neuen Bundespräsidenten, und am Tag nach seiner Nominierung bricht eine Debatte über die Frau an seiner Seite los. Daniela Schadt ist 52 Jahre alt und Journalistin, eine intelligente Frau, politisch interessiert, sie lebt in Nürnberg und hat es bei ihrer Zeitung zur Ressortleiterin gebracht. Eine vorzeigbare Karriere ist das und ein respektables Format, angeblich aber ungeeignet für eine Präsidentengattin.

Daniela Schadt und Joachim Gauck sind seit zwölf Jahren zusammen, heiraten wollten sie bisher nicht. Gauck hat sich zwar längst von seiner Ehefrau getrennt, scheiden lassen wollten die beiden sich nie: Weil sie nach einem halben Leben miteinander und vier gemeinsamen Kindern immer noch viel zu verbinden scheint. Gauck und seiner neuen Partnerin war es auch nicht so dringlich mit dem Heiraten. Sie haben gelebt wie die Mehrheit der Deutschen: den komplexen Herzens- und Familienstrukturen entsprechend und ohne dass daran groß Anstoß genommen wurde.

Nun wird Gauck Präsident und soll sich scheiden lassen, dann seine Freundin heiraten, und zwar dalli, fordern die Sittenwächter der Nation. Natürlich wird die künftige First Lady aufhören, für die Zeitung zu arbeiten, davon gehen die Kollegen in ihrer Redaktion fest aus. Warum eigentlich? Der Vorbildfunktion wegen? Eine Ehe, die nicht aus Liebe geschlossen wird oder um Verantwortung für Kinder zu übernehmen, ist eine Zweckehe. Sie dient der Etikette oder der Steuererklärung und hat keinen moralischen Mehrwert. Als Vorbild für nachwachsende Generationen taugt aber auch eine Präsidentengattin nicht, die studiert hat, beruflich auf eigenen Beinen steht, bevor sie sich künstlich verkleinern lässt auf das Format der Handtaschenträgerin, die lächelt, Hände drückt, zum Schatten wird.

Angeheiratete der Politik" hat Loki Schmidt diese Rolle mal genannt und sich die Bemerkung erlaubt, sie führe ein "etwas seltsames anderes Leben". Gemeint war die Tatsache, dass sie von der tüchtigen Lehrerin zur Blumenzüchterin zusammengestutzt wurde, während Gatte Helmut zum Minister und zum Kanzler aufstieg. Loki Schmidt in allen Ehren, aber Biographien wie ihre gehören in eine andere Zeit. Es sind die stickigen Jahre der westdeutschen Vorwenderepublik, in denen eine Hannelore Kohl für ihre Fähigkeit gerühmt wurde, sich unsichtbar machen zu können hinter dem breiten Rücken ihres Mannes - bevor sie tatsächlich verschwand wie ein Gespenst, einsam und jeder Funktion beraubt in einem Pfälzer Bungalow.

Ein Vorbild? Wohl kaum. Eine Tragödie, die dem Land vor Augen geführt hat, wie eine Frau kaputtgehen kann an der Seite eines wichtigen Politikers. Es gibt auch keinen Grund zur Sorge, die bundesdeutsche Gesellschaft könnte Schaden nehmen an einer berufstätigen Präsidentengattin. Veronika Carstens, die Ehefrau von Karl Carstens, lehnte es schon vor mehr als 30 Jahren ab, ihren Beruf als Ärztin aufzugeben. Gutes tat sie trotzdem, der Untergang der Republik blieb aus. Kein Wunder.

Wer den Spieß umdreht und das Wort "Politikergattin" durch "Politikergatten" ersetzt, merkt schnell, wie absurd das herkömmliche Bild der First Lady ist. Es wäre lächerlich, Joachim Sauer, den zweiten Ehemann der Kanzlerin, zu Winktätigkeiten im Ausland zu verdonnern, während seine Gattin den Euro rettet. Der Mann erforscht die Quantenchemie, und die Welt respektiert ihn dafür. Herr von der Leyen ist Professor der Medizin und leitet ein Unternehmen. Herr Schröder, der Mann der Familienministerin, verdient sein Geld als Staatssekretär. Kein Hahn kräht danach.

Es stimmt, Deutschland braucht weibliche Vorbilder, dringend, aber keine, die sich so lange verbiegen lassen, bis sie dem überkommenden Bild der selbstlosen Ehefrau, mildtätigen Stifterin und Beauftragten fürs Blumenwesen entsprechen. Benötigt werden Spitzenfrauen, die uns vormachen, wie das geht: im Beruf zu bestehen, ineinander wachsende Familien zu managen und dabei noch einen Partner auszuhalten, der schon von Berufs wegen glaubt, der Wichtigste im Land zu sein. Zu schaffen ist das, keine Frage, die neue First Lady muss nur wollen. Sie würde ihrem Land ein Geschenk damit machen.

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SZ vom 23.02.2012/soli
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