Porträt:Schön dreckig

Berlin

"Mensch, viel gesehen hier", sagt Kiki Ressler über den Club SO36 in Berlin. Was für eine kolossale Untertreibung.

(Foto: Regina Schmeken)

Schweißnass in den Armen von Fremden, wie war das noch mal? Ein Spaziergang mit dem Konzertveranstalter Kiki Ressler in Berlin.

Von Cornelius Pollmer

Die Einzige, die es immer noch nicht kapiert hat, ist die Discokugel. Stoisch verrichtet sie ihren Minnedienst an der Decke des Clubs SO36 in Berlin, sie dreht sich, sie glitzert, und mehr noch als sonst wirkt sie deswegen wie ein Kontrastmittel. Die Discokugel ist die Sonne der Nacht. Gerade weil sie weiter scheint, fällt einem jetzt richtig auf, was alles fehlt.

Die Bühne steht noch da, aber darauf keine Band. Der Suff des letzten Abrisses liegt noch in der Luft, aber der ist auch schon wieder zwei Monate her, langzeitarbeitslose Kühlschränke liegen ausgestöpselt hinter der Bar. Und selbst das Schlagzeug hat sich physisch distanziert. Die Snare ist auf Abstand zur Bass Drum gegangen, das Ride-Becken zum Crash, aus Angst, sich was einzufangen. Dieser Anblick wäre nun Anlass genug für eine der ungefähr sieben Depressionen, die jeder Tag gerade mit sich bringt, aber da sitzt ja am Rand noch ein Mann mit Hut auf der Bank. Er schaut selig in den fensterlosen Raum, er nickt, und dann sagt er: "Mensch, viel gesehen hier." Was für eine kolossale Untertreibung.

Der Mann mit Hut heißt Kiki Ressler, er ist 55 Jahre alt, und wenn es einem schon am Telefon unmöglich gemacht worden war, ihn zu siezen, so käme man jetzt nicht einmal mehr auf die Idee, ihn bei seinem richtigen Vornamen Christian anzusprechen. Kiki Ressler ist Tourveranstalter, zu seiner Firma KKT gehören 14 Mitarbeiter. KKT steht für "Kikis Kleiner Tourneeservice", das wäre dann die nächste Untertreibung, denn es sind vor allem die Supergruppen, die sich von Kiki ihre Tourneen organisieren lassen: Die Ärzte, Die Toten Hosen, die Beatsteaks. Wenn nun aber mindestens eine Konzertsaison ausfällt, wenn kaum eine zweite Branche so hart von Sie-wissen-schon-was getroffen wird wie der Livesektor, was geht dann verloren?

Sein "kleiner Tourneeservice" hat "Die Ärzte" und "Die Toten Hosen" im Programm

Bis zu zwei Jahre Planungsvorleistung, riesige Vertragssummen, viel Verantwortung - das Veranstalten von Konzerten ist, zumal in Deutschland, ein deutlich komplexeres Vergnügen, als es der Besuch eines solchen Konzertes ist. Der Lebensweg von Kiki Ressler nun lässt sich zunächst derart grob abstecken, dass man ihm heute sofort fast all seine Leitz-Ordner überlassen würde, so umsichtig und angenehm leisetretend ist er. Andererseits aber ist es so, dass man mit Kiki Ressler im SO36 herumlungern und ihn ganz ernsthaft fragen kann: Du hast hier früher auch viel gekotzt, oder? Kiki Ressler sagt dann, nein, so sicher könne man sich da gar nicht sein, "ich war nie so ein großer Kotzer".

Das Treffen markiert praktisch auf den Tag genau 38 Jahre Branchen- und Betriebszugehörigkeit von Kiki Ressler. 1982, Tanz in den Mai, es war das letzte Konzert von Soilent Grün, dem akustischen Vorschaden der späteren Ärzte, und das zweite Konzert überhaupt der Toten Hosen. Ressler saß an der Kasse, und damals kam man nicht über Suchmaschinen an solche Jobs, damals lief das laut Kiki Ressler so: "Ich kannte den wahren Heino und hatte bei ihm im Scheißladen gearbeitet."

Im "Scheißladen" wiederum, einem Plattengeschäft, wäre Ressler wohl nicht gelandet, hätten ihn die Eltern im Sommer 1977 nicht mit nach England genommen. In Deutschland war Punk noch ein kaum vernehmbares Grundrauschen, aber in London, in der U-Bahn, sagt Ressler, "da habe ich einen Typen mit spikey Haaren gesehen, der hatte so eine richtige Gefängniskugel zwischen den Beinen. Das hat mich total beeindruckt."

Ressler war im richtigen Alter für etwas, das man erst viel später als Prägung begreift, wenn überhaupt. Er wohnte im ostwestfälischen Super-Jwd, in Bünde, dort aber gegenüber einer Kaserne der Engländer und damit im Empfangsbereich der British Forces Broadcasting Service und darin der moderierende Dealer John Peel. So verstetigte sich der Punk, "und als ich 15 war, bin ich zu irgendeinem Friseur und habe gesagt: einmal grün, bitte".

Wie sagte einst Falco? Wer sich an die Achtziger erinnern kann, hat sie nicht miterlebt

Weil Resslers Mutter die zerrissenen und zerschnittenen Klamotten regelmäßig wegwarf, zog er sie vor der Schule bald heimlich im Keller an - und bekam vor der Tür dann recht regelmäßig auf die Schnauze. Der introvertierte Ressler hatte endlich eine Ausdrucksform gefunden, aber in Bünde noch mal mehr als im nahen Herford kam das nicht so gut an. "Du wurdest immer angestarrt, warst immer alleine", sagt Ressler. Eine Punk-WG wurde ihm zum Schutzraum, immer häufiger trampte er nach Berlin und verlor dabei so viele Stunden in Garbsen bei Hannover, dass er den Ortsnamen noch heute ausspricht wie den einer Liebschaft, die man vielleicht nur eine Nacht und doch relativ gut kennengelernt hat.

Kreuzberg sei damals "der totale Relief" gewesen, sagt Ressler, eine Linderung von den vielen komischen Normen seiner Heimat. Man ahnt da natürlich schon, worauf die Sache hinauslief, aber kennt man auch die Begleitumstände, ist die Filmszene im Grunde schon fertig. Am Abend, als Kiki Ressler in Bünde, Ostwestfalen, aus dem Fenster seines Kinderzimmers stieg, um vorläufig für immer nach Berlin zu gehen, hörte er einen Song der Stiff Little Fingers: "Break out and leave this life behind / Break out and see what I can find / Might lose I'm gonna try my luck / Might win don't really give a fuck".

Viel hat Ressler gefunden, jedoch, das muss man so sagen, eine lange Zeit am Rande einer ziemlich endgültigen Niederlage. Jetzt, mit Mitte 50, sagt Ressler durchaus dankbar, er finde es erstaunlich, was ein Körper alles aushalten könne. Er befindet sich gerade mitten in seinem Großprojekt "zwei Jahre kein Alkohol". Wer es sich auf diese Weise noch einmal im Guten zeigen will, der muss mal mehr als nur dabei gewesen sein. Es gilt für diesen Teil der jüngeren Geschichtsschreibung ein nach wie vor unglaublich lustiger Satz des großen Drogenkonsumenten und noch größeren Künstlers Falco: Wer sich an die Achtziger erinnern kann, hat sie nicht miterlebt.

Kiki Ressler erlebte die Achtziger in Berlin zunächst im Stonz, im Risiko, in der Ruine, "das war ein Laden, der hieß nicht nur so, der war auch eine, im Erdgeschoss eines ausgebombten Hauses". Aber Ressler war schon damals unter den Kaputten nicht der Zerstörteste. Er machte in Berlin noch sein Abitur, dann putzte er Wagen bei Robben & Wientje, dem Blechstandard unter den deutschen Autoverleihern. Über das Putzen kam das Fahren, über das Fahren wurde er Backliner bei Konzerten, dann auch Tourleiter.

Damals ging es bei Konzerten noch nicht so sehr um Brandschutzkonzepte oder das Bundes-Immissionsschutzgesetz. Damals kostete der Eintritt 5 Mark und vielleicht noch 50 Pfennig obendrauf für die Knastkasse als Hilfe für den Teil der Kollegen, der Open Air gerade mal wieder nur beim täglichen Hofgang erleben konnte. Damals gab es noch Spezialkräfte wie Stiv Bators, Sänger der Lords of the New Church. "Sehr viel Speed" habe Bators damals genommen, sagt Ressler, und - logisch - "anders war sein Tagespensum an Alkohol auch nicht zu schaffen".

Aufgabe des Tourneeleiters Kiki Ressler war es also auch, an jedem Tag zwei Gramm Speed für Bators aufzutreiben, aber in Bonn rief ihn in aller Früh ein Roadie an, ob er bitte kommen könne, irgendwas stimme nicht mit dem Künstler. Ressler eilte aufs Zimmer, "und ich dachte, der ist tot, der lag da kreideweiß". Ressler dachte das wirklich, aber die Kollegen wollten noch einen letzten Therapieansatz ausprobieren: Gib ihm mehr von dem, wovon er schon zu viel hatte. Also richteten sie Bators auf und schmierten ihm etwas Speed ein, dann habe Bators schlagartig gezuckt, sagt Ressler, die Augen aufgeschlagen und noch vor dem Guten Morgen gefragt: "When's Soundcheck?"

Bators, das darf man bei aller Legendenbildung nicht vergessen, ist im Juni 1990 im Alter von 40 Jahren und alles andere als "überraschend" von uns gegangen. Im dieser Zeit buchte Ressler seine erste Tour als Geschäftsführer, "das Organisieren hat mir gleich so viel Spaß gemacht", sagt er, dass er dabei geblieben ist. Nun erlebt man auch als Konzertveranstalter im Großraum Rockmusik etwas mehr als, sagen wir, in der Außendienststelle eines Krankenversicherers. Ressler lernte noch die Ramones kennen, die zuvor seine Idole und dann aber so zum Kotzen gewesen waren, dass er sich leider ein paar Tattoos überstechen lassen musste. Er lief auch mal mit 25 000 Mark Tourkasse über die Reeperbahn, fühlte sich aber sicher, weil 25 000 Mark in der Tasche ja erst dann zum Problem werden, wenn einem andere auch vom äußeren Anschein her zutrauen, Mensch, das könnte einer sein, der 25 000 Mark in der Tasche hat.

Ein Sommer ohne Dosenstechen, Spontanknutschen, ohne diesen leichten Tinnitus

Kiki Ressler war ein Early Adopter, als er ein tragbares Fax mit Akustikkoppler mit sich herumtrug, um so matrixmäßig unterwegs aus Telefonzellen geschäftliche Post zu erledigen. Und wenn man ihn heute an seinem Nokia 6500 herumfummeln sieht, kleiner Tesa-Streifen auf dem Display, dann darf man daraus auch die logische wie beruhigende Schlussfolgerung ziehen, dass sich dieses Leben wie die allermeisten anderen über die Jahre ein wenig verlangsamt hat. Ressler lebt mit einer Frau im Prenzlauer Berg, sogar seine Körpersprache ist höflich und seine Lederklamotte zwar stilistisch weiterhin klar positioniert, jedoch auch in fast irritierender Weise gepflegt - irritierend, weil man gerade in Berlin schon so viele Lederjacken gesehen hat, mit denen man nicht mal ein Raststättenklo wischen wollen würde.

Bevor es gleich noch einmal ins SO36 geht, spaziert man also mit dem adretten Punker Kiki Ressler durch den Treptower Park und redet über den Sommer, der jetzt laut Kalender kommt und der doch ein ganz anderer wird für all jene Menschen, die sich noch ein bisschen mehr vorstellen können, als nur beim "Mensch ärgere Dich nicht" die Sau rauszulassen. Ressler findet seine Position wie so viele gerade zwischen Vernunft und Bedauern: Natürlich unendlich schade, was jetzt alles ausfällt - geboten und richtig bleibe es dennoch. "Ich merke gerade dadurch, wie sehr ich es liebe, in der Stadt zu leben. Mir fehlen die Glücksmomente", sagt Ressler. Momente im Kino, im Theater, auf Konzerten.

Die großen Veranstalter "und auch die mittleren wie wir, wir werden das überleben", sagt Ressler. Seine Leute sind auf Kurzarbeit, aber er weiß auch, dass er bis Ende des Jahres niemanden wird entlassen müssen, das beruhigt ihn. Sorgen macht er sich wie so viele um die Clublandschaft, auch weil dort ja wachsen muss, wer irgendwann einmal hoffentlich die späten Slots auf den großen Festivals bestückt. An übergroßen Acts fehlt es ja jetzt schon in Deutschland. Und darauf, dass Hosen und Ärzte auch in 20 Jahren noch ganz oben auf den Line-up-Shirts am Ring stehen, sollte man sich bei aller Ewigkeit nun nicht gerade verlassen.

Auch das SO36 hat schon Kurzarbeit angemeldet, wobei Myriam selbstverständlich von "KurzarbeiterInnengeld" spricht, so formvollendet integriert hat kaum ein Binnen-I je zuvor geklungen. Sie gibt nun eine kleine Tour durch diesen Laden, der schon legendär war, als das Wort noch nicht für jedes mittelmäßige Tankstellenbesäufnis herhalten musste. Ganz früher hockten die Bands neben einem Chemieklo auf der Oberbühne, mehr Backstage gab es nicht. Jetzt gibt es eines, die Wände sind mehrfach übermasert mit Stickern aus allen Winkeln der Erde, jede Wand ein Schnittmuster für eine Litfaßsäule.

Man bildet sich das natürlich vor kranker Sehnsucht nur ein, aber es wirkt wirklich so, als fehlte auch diesen Räumen der Exzess und nicht allein ihren Gästen.

Aber natürlich ist es vor allem umgekehrt. "Es gibt halt auch immer weniger zu tun jetzt", sagt Myriam, gerade hat sie immerhin Soli-Aktionen für das SO36 zu organisieren. Und dennoch: "Irgendwie fühlt sich das komisch an, hier zu sein, ohne dass gleich was passiert."

Leider beschreibt das nun ziemlich präzise ein Gefühl, das viele nun mindestens durch diesen Sommer begleiten wird. Einen Sommer mit Crowdfunding statt Crowdsurfing. Mit Abstandsschlange vor dem Supermarkt und garantiert keinem Moshpit im SO36. Ein Sommer ohne kackharten Ackerboden ausgerechnet an der ekligen Stelle zwischen Dixies und Pinkelzaun, an der man Donnerstagfrüh als Zuspätkommer sein Festivalzelt aufbauen möchte. Ein Sommer ohne Dosenstechen, Spontanknutschen, ohne diesen leichten Tinnitus, von dem man oft genug zum Glück erfolgreich hoffte, er sei am nächsten Morgen wieder verschwunden. Ein Sommer ohne: und jetzt alle!

Für die Clubs gilt das leider wohlbegründete Tanzverbot mutmaßlich ja noch viel länger. Und wenn man sich gerade schon nicht aneinander festhalten kann, dann doch wenigstens an der Hoffnung. Mit Kiki Ressler hatte man auch gesprochen über die sehr deutsche Neigung, alles Mögliche so lange überzuorganisieren, bis auch wirklich niemand mehr Lust hat, etwas zu unternehmen. Die Chiffre hierfür lautet Versammlungsstättenverordnung, und inzwischen kann man bei fast allen Konzerten ja die Uhr danach stellen, wann das Licht nach der planmäßigen zweiten Zugabe angeht. Vielleicht, sagt Kiki Ressler, stürzen sich die Leute nach dieser langen Pause nicht nur auf die durchformatierte Konzertmassenware. Er jedenfalls hoffe, dass sie gerade jetzt merken, "wie schön ein dreckiges Konzert in einem kleinen Club sein kann".

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