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Porträt Jake Burton:Alles neu lernen

(Foto: Burton Snowboards)

Bis zu seiner Krankheit schien er fast alles zu können, wenn er nur wollte, insofern ist er ein typischer New Yorker, in der Stadt, in er alles möglich zu sein scheint, kam er 1954 zur Welt. Er hatte eine verrückte Idee, glaubte an sich, wurde reich. Er bekam Krebs, er kämpfte, besiegte ihn. Seine Geschichte war die vom amerikanischen Traum, vom Einzelnen, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Jetzt, nach seiner Krankheit, ist sie vor allem eine große Liebesgeschichte. Ohne Donna, die fast jede Minute bei ihm war, ihn ablenkte, stoisch optimistisch war, hätte er es nicht geschafft. Da ist er sich sicher. Wie wichtig Familie ist, das hat er gelernt. Und Geduld.

Wie ein Baby musste er alles neu lernen. Atmen: Schlauch raus, einatmen, ausatmen, zwei Minuten, Ersticken, wildes Winken, Schlauch wieder rein. So schwierig war es mit allem: Essen, Gehen, Reden. Doch jetzt konnte er wieder anpacken. Und sein altes Leben in sein Krankenzimmer lassen. Neben seinem Bett hingen Fotos seiner Mitarbeiter mit dem Burton-Gruß: ein ausgestreckter Mittelfinger.

Für andere Männer in seinem Alter wäre das wohl eine Beleidigung, für Burton nicht. Sein bester Freund ist 22, der Profi-Snowboarder Mark McMorris. Er trägt weite T-Shirts, tief sitzende Jeans wie die Teenies, die seine Boards kaufen und er flucht wie sie. "Scheiß drauf", habe Burton sich gedacht, als er 1977 seinen soliden Job kündigte, um in einer Garage in Vermont Snowboards zu zimmern. Im Schnee surfen, das war ein Sport, keine Spielerei, das wusste er schon mit 14, als er sich einen Snurfer kaufte - ein windiges Brett für zehn Dollar, ohne Schuhhalterung, mit einem Seil zum Lenken.

Er studierte BWL, mit Business kannte er sich aus, mit Holz weniger. Nicht nur einmal flogen ihm die Bretter um die Ohren. Doch rechnen konnte er. Im ersten Jahr verkaufte er 350. Dann waren es 700, dann 1400. 20 Jahre lang verdoppelten sich die Verkaufszahlen jedes Jahr.

Die Punks der Piste

Eigentlich wollte er nur schnell reich werden. Das hat er geschafft, Burton ist weltweit führend. Fast noch wichtiger ist, dass seine Geschäftsidee eine neue Subkultur hervorbrachte, die Punks im Schnee. Jugendliche mit bunten Haaren, die nichts spießiger fanden, als in teuren Ski-Resorts mit ihren Eltern über die Eleganz von Hüftschwüngen zu debattieren. Sie packten ihre Bretter, kraxelten den Berg hoch und heizten da runter, wo der Schnee in der Kurve am höchsten spritzte - zum Entsetzen der Skifahrer. Auf ihre Pisten ließen sie diese Schneerüpel nicht. Doch es wurden immer mehr, ignorieren ging nicht mehr.

Die Skifahrer rümpften die Nase, die Snowboarder fühlten sich als Rebellen. Dabei war Burton alles andere als eine Punkfirma. "Die Resorts, die großen Händler, bei denen musste ich mich einschleimen." Und plötzlich stand er mit seinen Fahrern auf Siegertreppchen. Und dann 1998: Nagano, Japan, Olympische Winterspiele. Gut, Snowboarden haben sie damals falsch geschrieben, aber hey, es war Olympia. Ein Hochgefühl für Burton. Für andere verlor Snowboarden seine Seele. Er atmet tief ein, wenn man ihn danach fragt. Klar würde er lieber nur an kleine Läden verkaufen anstatt an große Internethändler, aber Business ist Business.

Und der Spirit? "Wir denken wie Snowboarder. Wir leben wie Snowboarder", sagt er. Zehn Monate im Jahr reiste er mit seiner Familie dem Winter hinter her. Burton lebt für seine Geschäftsidee.

Im Krankenhaus hatte er eine Box auf seinem Rollstuhl, aus der alle erdenklichen Varianten von "Fuck" schallten. Er liebt Hip-Hop. Auf seinem Handy zeigt er einen Film: er im Bett, weiß-grüner Krankenhausdress, überall Schläuche und ein Song: "I like how it feels" - sein Mund formt die Worte, er wirft seinen Kopf wie ein Rockstar hin und her, seine Daumen tanzen, seine knochigen Knie wippen. Erst glaubte er nicht, dass er wieder gesund wird, dann übernahm er sich. Vorpreschen, anpacken, hinfallen, aufstehen. Er ließ sich im Helikopter mit seinen Söhnen vom Krankenhaus zu einem Pferderennen fliegen, rollte im Rollstuhl zum Greatful Dead-Konzert. Viel zu früh.

Eine Stunde war er heute auf dem Brett. Im Sommer will er auch wieder surfen. Wie, das weiß er noch nicht, aber irgendwie wird er sich sein Brett zurechtzimmern. "Es gibt immer einen Weg", sagt er.

© SZ vom 12.03.2016/vs

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