Porträt Im Schussfeld

Lynsey Addario berichtet als Kriegsfotografin aus den gefährlichsten Ländern der Welt.

Von Christian Mayer

Es war ein Freitag im Sommer 2008, als Lynsey Addario die Taliban von der komischen Seite kennenlernte, für einen seltenen Slapstick-Moment. Gemeinsam mit einem männlichen Reporter hatte es die Fotografin bis ins Haus des Taliban-Führers Haji Namdar geschafft, einer der gefährlichsten Männer Pakistans stand bereit für ein Interview, und die vollverschleierte Amerikanerin durfte als angebliche Ehefrau des Reporters ihre Kameras zücken. Klack, klack, klack, vor ihr lümmelten etwa 15 barfüßige Kämpfer mit ihren Kalaschnikows auf den Teppichen herum, es roch nach Fußschweiß, aber der Top-Terrorist war überaus höflich.

Wie fotografiert man, wenn das Blickfeld der improvisierten Burka viel zu klein ist? "Ich wusste gar nicht, was das für Bilder werden", erinnert sich Addario. "Ich merkte nur, dass auch die Taliban nervös werden, mit einer Frau im Raum, die dann ja auch ein Anrecht auf ihre Gastfreundschaft und einen Tee hat, aber auf keinen Fall ihr Gesicht zeigen soll." Nach längerer Beratung verkündete der Übersetzer die Lösung des Problems: Die Fotografin sollte sich mit dem Gesicht zur Wand drehen, den Schleier heben, schlürfen - sogar die Taliban konnten da nur noch lachen.

Eine Komödie? Nun ja, Haji Namdar war kurze Zeit später tot. Und für die Fotoserie "Talibanistan" gab es 2009 den Pulitzerpreis.

Ein Treffen mit Lynsey Addario in Berlin. Die 42-Jährige ist gerade auf Europa-Tour mit ihrem Buch, das in den USA so viel Interesse erregt hat, dass jetzt Steven Spielberg ihr Leben verfilmen will, mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle. Passt ja auch gut nach Hollywood: die Geschichte einer jungen, hübschen Frau, die nicht anders kann, als immer wieder an die gefährlichsten Orte des Planeten zu reisen, um Fotos zu machen. Die zweimal entführt wird, einen schrecklichen Autounfall überlebt, mit US-Soldaten im afghanischen Korengal-Tal direkt in die Schusslinie der Taliban gerät. Die Frau an der Front, die immer Pech mit Männern hat, bis sie nach vielen Turbulenzen schließlich einen trifft, der sie versteht.

"Ich rede gerne und viel. Das erspart mir die schlaflosen Nächte"

Steven Spielberg weiß schon, warum er dieses Buch verfilmen will, das in der Originalausgabe einen kraftvollen, aber schlichten Titel hat: "It's what I do", was man ebenso unspektakulär übersetzen könnte mit: "Das ist nun mal mein Job". In der deutschen Übersetzung klingt der Titel pathetischer, mehr nach Kunst als nach Schweiß: "Jeder Moment ist Ewigkeit".

Na ja, die Ewigkeit ist so eine Sache, im Zeitalter der digitalen Bilderflut. Immerhin gibt es jetzt dieses Buch, daran kann sich die Autorin festhalten. "Es war auch eine Therapie für mich", sagt sie im fröhlichen Plauderton. "Das Schreiben fiel mir leichter als das Fotografieren. Wenn ich fotografiere, ist das ja immer die pure Pein, ich stehe um halb fünf in der Früh auf, um das richtige Licht zu erwischen, und bin nie zufrieden."

Lynsey Addario verbringt eine behütete Kindheit mit drei älteren Schwestern in Connecticut, ihre Eltern führen einen Friseursalon. Die erste Kamera bekommt sie von ihrem Vater, sie fotografiert Blumen, Friedhöfe, Landschaften in Schwarz-Weiß. An der Universität spezialisiert sie sich auf Internationale Beziehungen, aber bei ihren Touren ins Ausland wird ihr klar: Dieses Spiel mit der Kamera ist mehr als ein Hobby, es ist eine Leidenschaft fürs Leben.

In Buenos Aires gelingt ihr ein Glückstreffer, als Madonna die Stadt besucht - das Bild des Popstars auf dem Balkon der Präsidentenvilla landet auf der Titelseite des Buenos Aires Herald. Zehn Dollar kriegt sie dafür. Es ist der Beginn einer Lehrzeit, die sie als freie Fotografin bei New Yorker Zeitungen verbringt, wo sie jeden Termin nimmt, den sie kriegen kann, aber für eine Fotoserie auch nächtelang mit Transgender-Prostituierten unterwegs ist - so lange, bis sie von ihnen als Freundin akzeptiert wird und auch in intimen Momenten fotografieren darf.

Im April 2000 bricht sie von Pakistan aus über den Khyber-Pass zu ihrer ersten Reise nach Afghanistan auf, mit einem Visum der Taliban-Regierung in der Tasche. Sie will herausfinden, wie die Menschen leben, die aus westlicher Sicht von einem Steinzeit-Regime drangsaliert werden; und es gelingt ihr mit Hilfe ihrer afghanischen Begleiter, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, in die Häuser der streng konservativen Familien, in das Frauenkrankenhaus in den Ruinen von Kabul. "Es war schon immer ein Vorteil, dass ich auf den ersten Blick nicht wie die typische Amerikanerin aussehe, da schlägt meine italienische Familie durch", erzählt Addario. Ein paar Tausend Fotos bringt sie mit nach Hause, aber sie findet keinen Abnehmer. Afghanistan? Ein sehr exotisches Land, aber auch sehr weit weg. Who cares.

Mit dem Terroranschlag auf das World Trade Center beginnt auch im Journalismus eine dramatische Zeit. Unter den Fotografen und Kriegsreportern herrscht beim Vergeltungskrieg gegen Osama bin Laden ein gnadenloser Wettbewerb: Wer kriegt die ersten Fotos nach dem Fall von Kandahar? Die 1,55 Meter große Lynsey Addario, der die schusssicheren Westen immer etwas zu groß sind, gewinnt den Respekt der Kriegsberichterstatter, die eine eigene Kaste bilden und immer da sind, wo es brennt. Sie arbeitet jetzt für große Fotoagenturen und die New York Times , und sie hat auch immer dieses Zitat des großen Fotografen Robert Capa im Kopf: "Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, bist du nicht nah genug dran."

Im Frühling 2003 ist sie mit kurdischen Peschmerga-Kämpfern unterwegs, als die Amerikaner den Irakkrieg starten, sie begleitet Soldaten auf der Jagd nach Widerständlern. Die Bedingungen sind klar: Wer als Embedded Journalist, als Journalist im Tross der US-Armee arbeitet, unterwirft sich den Regeln des Pentagon. Als Teil einer Propagandamaschine hat sich Addario aber nie gesehen. "Für mich war dieser Krieg der USA ein Prozess der Desillusionierung. Diese mächtige Nation unternimmt eine Invasion, man tötet dabei jede Menge Zivilisten, man schickt 19-jährige Soldaten, die keinen blassen Schimmer von der Kultur und der Religion der Leute haben - und es gibt noch nicht mal einen Plan in Washington."

Ein paar Monate nach dem Sturz von Saddam Hussein steht Addario an einer Straßenkreuzung in Bagdad. Die Amerikaner haben es nicht geschafft, Ordnung und Sicherheit herzustellen. Täglich detonieren Autobomben im Irak, die Eroberer haben sich selbst die Hölle auf Erden geschaffen, sie fürchten um ihr Leben. An einem Checkpoint steht ein Stoppschild, aber dass man hier als Zivilist sofort anhalten muss, versteht nicht jeder. "Ich habe gesehen, wie innerhalb von 20 Minuten zwei ganze Familien an derselben Stelle von US-Soldaten erschossen wurden. Der Krieg war eine Tragödie. Weil wir nichts von diesem Land verstanden haben." Den Hass der Iraker spürt sie am eigenen Leib, als sie im April 2004 gemeinsam mit ihrem Team auf die falsche Seite der Front gerät und von Aufständischen festgehalten wird. Nur mit viel Glück kommt sie frei, weil sie behauptet, sie und ihr Kollege stammten aus Griechenland und Italien.

Auf ihren Fotos glaubt man eine wachsende Skepsis zu erkennen, den Willen, der amerikanischen Öffentlichkeit die Absurdität des Krieges vor Augen zu führen. "Ich könnte diesen Job nie machen, wenn ich nicht davon ausgehen würde, dass ich damit etwas erreiche", sagt sie in Berlin. "Man kann die unmittelbare Wirkung eines Fotos nicht messen, aber ein starkes Bild auf der Titelseite der New York Times findet seinen Weg ins Bewusstsein, manchmal auch bei Politikern, die über einen Krieg entscheiden." Als ihre Fotos von verwundeten Zivilisten von einem Auftraggeber, dem Magazin Life, mit der Begründung abgelehnt werden, sie seien zu drastisch und für die Amerikaner zu verstörend, ist sie selbst am Boden zerstört. Bis zum nächsten Auftrag.

Manchmal neigt sie dazu, die Dinge etwas schöner darzustellen, als sie sind. Auch ihre Kriegsbilder haben einen fast theaterhaften Glanz, der das Grauen überstrahlt. Das Grelle, Abstoßende, Brutale erscheint bei ihr in einem wärmeren Licht; es gibt keine Täter und keine Opfer, sondern nur Menschen. Über ihre Gewalterfahrungen spricht sie mit ungebremster Offenheit: "Ich rede gerne und viel, mit meinem Mann, meinen Freunden, meiner Familie. Das hilft mir, die Dinge zu verarbeiten und erspart mir die schlaflosen Nächte und den Psychiater." Einmal habe sie es mit einer Trauma-Therapie versucht, das war nach einem Unfall in Pakistan, bei dem ihr Fahrer starb und sie nur knapp mit dem Leben davonkam. Dann saß sie in einer schicken Praxis in Manhattan, Park Avenue - "aber die Psychologin hatte ihre Komfortzone noch nie verlassen. Was sollte ich da?"

Gemeinsam mit drei Kollegen gerät Lynsey Addario im März 2011 noch einmal in Todesgefahr, dieses Mal in Libyen, wo die Journalisten von Gaddafis Soldaten verschleppt werden. Sechs Tage lang werden sie geschlagen, mit dem Tode bedroht und mit verbundenen Augen von Ort zu Ort transportiert; die Fotografin wird von unzähligen Männern begrapscht, sie entkommt aber einer Vergewaltigung. Die Bilder der vier Journalisten gehen um die Welt. Nach ihrer Freilassung sind sie tagelang in den Talkshows, Amerika versteht es, seine Helden zu feiern. Und manche Kriegsreporter präsentieren sich gerne als kampfbereite Hemingway-Epigonen im Tarnanzug, die ihre Monsterobjektive wie Gewehre mit sich tragen. Wahrscheinlich eine Folge von zu viel Adrenalin oder zu vielen Drinks.

"Das ist alles verrückt, ich weiß das ja auch", sagt Addario. Aber solange man nicht verwundet oder entführt wird, glaubt man an die eigene Unbesiegbarkeit." Fotografen wie sie müssten von Natur aus "gierig" sein, eine gewisse Härte gegenüber sich selbst gehöre dazu, eine Schonungslosigkeit und Disziplin, "ich trainiere schon wie verrückt, eine Stunde am Tag verbringe ich im Fitnessstudio".

Lange Zeit konnten die Männer an ihrer Seite nicht verstehen, welcher Teufel sie da reitet. In ihrem Buch beschreibt sie den Zwiespalt, in dem sie sich befand: Weil sie keinen Krisenherd auslassen konnte, verabschiedeten sich ihre Freunde auf die eine oder andere Weise, sie führte leidenschaftliche Teilzeit-Beziehungen, die alle an ihrer Kompromisslosigkeit scheiterten. Seit 2009 ist sie nun mit Paul de Bendern verheiratet, der als früherer Auslandsbüroleiter der Agentur Reuters mehr Verständnis für sie hat. Mit Paul lebt Lynsey Addario jetzt in London, sie haben einen vierjährigen Sohn, der auch versorgt werden muss, wenn die Mutter wie im Juli 2015 bei Hasakah im Nordosten von Syrien Flüchtlinge fotografiert und dann wieder in Gefahr gerät, weil die Front permanent in Bewegung ist und auf einmal IS-Soldaten wie aus dem Nichts auftauchen.

"Courtin' Disaster" heißt ein Song von Neil Diamond. Es geht um einen Mann, der sehr genau weiß, dass er das Unglück heraufbeschwört, dass er der Versuchung erliegen wird. Hört das denn nie auf, diese Besessenheit, an den Unglücksorten dieser Welt präsent zu sein? "Ich werde weiter reisen, auch in gefährliche Länder", sagt Addario. "Aber die ganz explosiven Sachen lasse ich jetzt lieber aus."