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Portal: "lebensmittelwarnung.de":Wo Verbrauchern der Appetit vergeht

Glassplitter in der Limo und Schimmel in der Knackwurst: Mit dem Portal lebensmittelwarnung.de trägt das Verbraucherministerium der wachsenden Sorge der Konsumenten Rechnung. Für die Industrie sollte das ein deutlicher Hinweis sein.

Lena Jakat

Die Verbraucherrepublik Deutschland ist um ein Verbraucherportal reicher: Am Freitag stellte CSU-Ministerin Ilse Aigner die Webseite lebensmittelwarnung.de vor. Die Seite ist schmucklos, das Prinzip simpel: Im neuen Portal von Aigners Ministerium werden offizielle Verzehrwarnungen aus allen Winkeln Deutschlands gesammelt und veröffentlicht - bislang gab diese Hinweise jedes Bundesland selbst und auf seine Weise an seine Verbraucher weiter.

portal: lebensmittelwarnung.de

Salat unterm Mikroskop: Wenn Lebensmittelkontrolleure Keime oder anderes Gesundheitsgefährdendes finden, wird das künftig auf dem deutschlandweiten Portal lebensmittelwarnung.de veröffentlicht.

(Foto: dapd)

Ob "Glassplitter" im Mineralwasser, "Salmonellen" in der Edelsalami oder ein "amtlicher Nachweis von Schimmelpilzen" im Knackwurstring: Die betroffenen Chargen werden auf der Seite detailliert angegeben, ebenso die Bundesländer, für die die entsprechende Warnung gilt. Der Verbraucher erkennt so auf einen Blick, ob in seinem Kühlschrank unerkannte Durchfallkeime schlummern und ob die Mettwurst statt aufs Abendbrot besser direkt in den Mülleimer wandern sollte. Auch gibt es einen Twitterfeed, der aktuell mitteilt, was wo besser gerade nicht gegessen werden sollte.

Wenn man sich so durch die Seite scrollt, kann einem schon der Appetit vergehen, besonders auf gefüllte Paprika oder Limonade. Ins Radio und die Zeitung schaffen es nur vereinzelt Lebensmittelwarnungen, auf die Plattform des Verbraucherministeriums alle.

Ob es eine "öffentliche Warnung" oder "Information der Öffentlichkeit" gibt, ist allerdings an strenge Auflagen gebunden und im § 40 des Lebensmittel- und Futtergesetzbuchs genau geregelt. Eine Warnung darf demnach unter anderem nur dann erfolgen, wenn "hinreichende Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass von einem Erzeugnis eine Gefährdung für die Sicherheit und Gesundheit vorliegen", und wenn das betreffende Produkt nicht mehr rechtzeitig vom Markt genommen werden kann. Panikmache sieht anders aus. Auch die Anzahl der zum Start des Portals veröffentlichten Warnungen - acht in den vergangenen zwei Monaten - ist verschwindend gering im Vergleich zu dem, was wir tagtäglich in unseren Einkaufswagen legen. Und genau das ist ja das Paradoxe.

Die Ernährungslage in Mitteleuropa ist so gut wie nie zuvor. Wir können es uns sogar leisten, die Hälfte aller Lebensmittel wegzuwerfen - allein in Deutschland sind das jedes Jahr bis zu 15 Millionen Tonnen. Nahrungsmittel werden unter nahezu klinischen Bedingungen hergestellt, die Auflagen sind streng, Kontrollen gründlich. Gleichzeitig wächst die Skepsis demgegenüber, was wir in uns hineinstopfen. Seit Jahren boomt alles, auf dem Bio draufsteht. Die Zahl der Fleischesser sinkt. Und das liegt nicht nur am gewachsenen Umweltbewusstsein und an der Tierliebe, sondern vor allem an der Sorge um uns selbst.

Verbraucherthemen und -ratgeber sind gefragter denn je, hitzig wird über die Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln diskutiert, empört der jüngste Fall von Klebefleisch besprochen. Erst Ende Juli ging das Portal lebensmittelklarheit.de an den Start. Auf den Seiten der Verbraucherschutzzentralen können Konsumenten auf irreführende Aufmachung, Kennzeichnung oder Inhaltsstoffe hinweisen. Die Verbraucherzentralen stellen eine erste Einschätzung dazu und holen dann die Stellungnahme des Herstellers ein.

Transparenz, Fachkompetenz und Basisdemokratie: Das Konzept von lebensmittelklarheit.de überzeugt, die Nachfrage ist entsprechend hoch. Unter dem Interesse der kritischen Verbraucher brach die Seite zeitweilig sogar zusammen. Seit ihrem Start sind bei den Betreibern mehr als 3400 Produktmeldungen eingegangen, und noch immer kommen jeden Tag 20 neue dazu. Die Macher sind vom Erfolg des Portals begeistert - nur die Lebensmittelindustrie empört sich in einem endlosen Lamento immer wieder aufs Neue über den "Pranger" im Netz.

Die Verbraucherministerin verfolgt mit ihrem Portal lebensmittelwarnung.de dieselben Ziele. "Mit der neuen Internetseite erreichen wir eine Transparenz in der Lebensmittelkontrolle, die es so in Deutschland bislang nicht gegeben hat", sagte Aigner zur Vorstellung des Warnportals. Auch wenn so viel Euphorie ein wenig übertrieben sein dürfte: Es ist allerhöchste Zeit, dass auch die Konzerne das Bedürfnis ihrer Kunden nach Transparenz und verlässlicher Information erkennen. Würden sie endlich mit ihrer Klage über Verbraucherschützer und deren angebliche Pranger aufhören und Verantwortung übernehmen, wären solche Portale schließlich nicht mehr nötig. Vielleicht würden die Lebensmittelkonzerne dann auch erkennen, welche Chance auch für sie in verlässlicher Verbraucherinformation steckt. Denn Vertrauen ist schließlich eines der besten Kaufargumente.

© sueddeutsche.de/vs/bero

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