Dem Geheimnis auf der Spur:Der Schatz des Captain Kidd

Lesezeit: 4 min

Dem Geheimnis auf der Spur: Zuerst kämpfte William Kidd als Freibeuter gegen die feindlichen Franzosen.

Zuerst kämpfte William Kidd als Freibeuter gegen die feindlichen Franzosen.

(Foto: Sir James Thornhill/gemeinfrei)

Der Pirat raubte einst sagenhafte Kostbarkeiten. Bis heute weiß niemand, wo er seine Beute versteckt hat.

Von Florian Welle

In der kurzweiligen Geschichte der Piraterie gab es mit Sicherheit weit furchteinflößendere Gestalten als William Kidd. Der Schotte war zu Lebzeiten mehr tragische Figur als erfolgreich plündernder Herr der sieben Meere. Kidd war kein Samuel Bellamy. Doch nach seinem Tod durch den Strang am 23. Mai 1701 in London wuchs sein Ruhm mit jedem Jahr.

Die Legende seines Lebens nahm immer sagenhaftere Züge an und lieferte bald den Stoff für viele Abenteuer in der Literatur, im Kino und mittlerweile auch im Videospiel. Freilich haben diese mit den wahren Begebenheiten nur bedingt zu tun, etwa im Piratenfilm "Unter schwarzer Flagge" mit einem agilen Charles Laughton als Captain Kidd. Eine der bekanntesten literarischen Ausschmückungen ist Edgar Allan Poes 1843 entstandene Kurzgeschichte "Der Goldkäfer". Darin dreht sich alles um den Schatz, den Kidd angeblich vergraben haben soll, der aber nie gefunden wurde.

"Gewiss haben auch Sie die abenteuerlichen Geschichten gehört - die tausend dunklen Andeutungen darüber, dass Kidd und seine Genossen irgendwo an der atlantischen Küste einen Goldschatz vergraben haben sollen", wendet sich darin der verschrobene William Legrand an den Erzähler und fährt fort: "Dies Gerede muss doch in einer Tatsache begründet sein; und dass es sich gar so lange erhalten konnte, schien mir Beweis dafür, dass der vergrabene Schatz noch immer nicht gehoben sei. Hätte Kidd seinen Raub nur eine Zeitlang verborgen und später wieder an sich genommen, so wären diese Schatzmärchen wohl kaum in ihrer immer unveränderten Gestalt bis auf uns gelangt." Poe lässt seine Geschichte auf Sullivanʼs Island im US-Bundesstaat South Carolina spielen. Natürlich findet man letztlich auch den Schatz, was den Beteiligten beim Verkauf mehr als anderthalb Millionen Dollar beschert.

Als seine Männer mit Meuterei drohen, erschlägt Kidd einen der Unruhestifter

Poes Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein. Die Wahrheit hingegen ist eine ganz andere: Bis heute befeuert Captain Kidds legendärer Schatz die Vorstellungskraft von Abenteurern und lässt sie immer wieder losziehen, um ihr Glück zu suchen. Zum Beispiel auf Oak Island vor Kanada, auf der vietnamesischen Insel Hon Tre Lon oder vor der Ostküste Madagaskars.

William Kidd wurde um 1654 in Schottland geboren. Als junger Mann fährt er zur See, lässt sich in New York nieder. Als er 1691 die reiche Witwe Sarah Bradley Cox Oort heiratet, ist er bereits ein verdienter Kapitän und Freibeuter, der im britischen Auftrag gegen die feindlichen Franzosen kämpfte. 1695 lernt er den 1. Earl of Bellomont, Richard Coote, kennen, der drei Jahre später Kolonialgouverneur der Provinzen New York, New Hampshire und Massachusetts Bay werden sollte. Dieser bekniet Kidd, sowohl gegen französische Schiffe als auch gegen Piraten vorzugehen. Dahinter stehen die Interessen des geballten englischen Adels. Kidd nimmt an und hält bald einen von König Wilhelm III. gezeichneten Kaperbrief in Händen.

Mit seinem neuen, sehr stattlichen Schiff Adventure Galley nimmt Kidd 1696 Kurs auf Madagaskar. Damals wurde der Indische Ozean immer wieder von Piraten heimgesucht. Doch Kidd stößt monatelang nicht auf die Seeräuber. Stattdessen werden Teile seiner Mannschaft krank und sterben. Einige setzen sich ab, andere drohen mit Meuterei. Sie wollen Lohn sehen. Einen der Unruhestifter erschlägt Kidd. Dieser später beim Londoner Prozess als Mord gewertete Vorfall und eine Anklage wegen Piraterie bedeuten sein Todesurteil. Denn Anfang 1698 kommt es zu einem Ereignis, das aus dem Freibeuter einen gesetzlosen Piraten macht.

Vor Gericht verschwinden Papiere, die seine Unschuld beweisen sollen

Die mit Gold, Silber und Juwelen reich beladene Quedagh Merchant kreuzt Kidds Wege und wird gekapert. Das indische Schiff wird von einem Engländer kommandiert, segelt jedoch unter französischem Schutz. Ein Dilemma für Kidd: Hat er sich bei dieser Aktion nun legitim verhalten oder der Piraterie schuldig gemacht? Die Haltung der Krone ist eindeutig: Kidd sei zu einem Piraten geworden und gehöre bestraft. Er selbst hält sich für unschuldig. Die französischen Papiere, mit denen er vor Gericht seine Unschuld beweisen will, sind beim Prozess jedoch kurioserweise nicht mehr auffindbar und sollten erst im 20. Jahrhundert wieder auftauchen. Wer ließ sie verschwinden? Diese Frage bewegt bis heute die Gemüter.

Kidd lässt nach der Erbeutung der Quedagh Merchant sein mittlerweile marodes eigenes Schiff verbrennen und kehrt nach New York zurück. Zuvor versteckt er die Quedagh Merchant in der Karibik, wo man das Wrack tatsächlich 2007 findet. In New York angekommen, wird er 1699 von seinem Auftraggeber Richard Coote, der ebenso wie die Unterstützer in England nicht in die Angelegenheit hineingezogen werden will, verhaftet und nach London gebracht, wo er vor Gericht gestellt wird. Vor der Urteilsvollstreckung soll er jedoch in einem Bittbrief noch seinen unermesslichen Schatz erwähnt haben, dessen Versteck er gegen eine Begnadigung preisgeben würde. Vergebens. Er wurde zweimal gehängt - beim ersten Mal riss der Strick.

Vermutlich liegt hier der Beginn der Legende um Captain Kidds Schatz. Auf Oak Island sucht man danach schon seit Ende des 18. Jahrhunderts. Dass er in Vietnam auf Hon Tre Lon zu finden sei, glaubte hingegen erst rund 180 Jahre später der Brite Richard Knight. Zusammen mit dem Amerikaner Frederick Graham landete er 1983 auf der Insel. Doch schon ehe sie zu graben anfangen konnten, wurden sie wegen illegaler Einreise verhaftet und gut ein Jahr lang festgesetzt. 2015 wollte der Schatzsucher Barry Clifford vor Madagaskar einen 50 Kilo schweren Silberbarren aus dem Meer gefischt haben, der aus Kidds Beute stammte, doch der Fund bestand in Wahrheit fast nur aus Blei. Die Suche geht weiter.

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