Pflicht zur Vorsorge:Krankheit als Schuld

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Denn die Krebsmedizin hat ein Problem, das sich kaum je lösen lässt: Auch mit den feinsten Labortests und den schärfsten Röntgen- oder Kernspinaufnahmen kann Krebs erst ab einer gewissen Größe entdeckt werden.

Vorher entzieht sich das Tumorgewebe allen Bemühungen der Ärzte, es aufzuspüren.

Ist der Krebs einmal entdeckt, lässt sich sein Verlauf häufig nicht mehr zum Nutzen der Patienten beeinflussen. Dass eine frühere Diagnose die Prognose verbessert, stimmt längst nicht immer.

Von Männern, die sich Früherkennungstests auf Prostatakrebs unterzogen haben, weiß man etwa, dass sie nicht länger und nicht besser leben als Männer, die die Tests ignoriert haben. Zudem sind die Tests so ungenau, dass sie lästige und riskante Untersuchungen wie Gewebeentnahmen nach sich ziehen.

Ärzte sprechen von Überdiagnosen: Zwischen 30 und 70 Prozent der Fälle von Prostatakrebs hätten nie Beschwerden verursacht. Trotzdem wurden diese Männer untersucht und viele von ihnen sogar operiert.

Die regelmäßige Mammographie bietet Frauen zwischen 50 und 70 Jahren marginale Vorteile, doch auch das hat seinen Preis.

Lassen sich 1000 Frauen untersuchen, wird bei sechs von ihnen Brustkrebs entdeckt, bei dreien übersehen. Letztere wiegen sich folglich in falscher Sicherheit. 50 von den 1000 Frauen werden jedoch durch einen unklaren Mammographiebefund verunsichert, der sich erst viele Untersuchungen später als Fehlalarm herausstellt.

Ein Früherkennungsbonus macht aus einst Gesunden potenziell Kranke: Denn den Menschen, die zum Test gehen sollen, fehlt bisher nichts.

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