Pflicht zur Vorsorge:Krankheit als Schuld

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Dass eine frühere Krebs-Diagnose die Prognose verbessert, stimmt längst nicht immer. Denn auch wenn Ärzte einen Tumor entdeckt haben, lässt sich sein Verlauf häufig nicht mehr zum Nutzen der Patienten beeinflussen.

Werner Bartens

Man jagt sich Tag für Tag durch den Wald, um gesund zu bleiben, und stürzt schließlich mit dem Flugzeug ab - Niklas Luhmann hat in seiner Soziologie des Risikos die Tücken eines präventiven Lebensstils auf den Punkt gebracht.

Doch Ausdauertraining entlastet nicht nur das Gewissen. Es bedeutet wirkliche Vorsorge für Herz und Kreislauf, denn es senkt die Wahrscheinlichkeit für Infarkt, Schlaganfall und andere Leiden - Flugzeugabstürze hin oder her.

In anderen Beispielen für gut gemeintes Gesundheitsverhalten ist das Wort Vorsorge hingegen beschönigend. Beispiel Krebs: Bei den meisten Untersuchungen zur Früherkennung ist keine Vorsorge mehr möglich.

Es geht einzig darum, festzustellen, ob bereits Krebsgewebe vorhanden ist.

Vorsorge suggeriert aber fälschlicherweise, dass der Tumor noch verhindert oder seine Entstehung deutlich hinausgezögert werden kann.

Das ist eine wichtige Unterscheidung, wenn es um den neuen Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform geht. Ein Passus darin sieht vor, dass Patienten für die Therapie mehr zuzahlen sollen, wenn sie Früherkennungstests versäumt haben.

Als Beispiel werden Krebspatienten genannt.

Dieser Passus bedeutet nicht nur eine finanzielle Sanktion für viele Schwerkranke, er beinhaltet auch eine kaum verhüllte Schuldzuweisung.

Wer krank ist, braucht Therapie, Trost und Zuwendung. Wer chronisch krank ist, umso mehr.

Ist jemand dauerhaft von einem Leiden betroffen, sucht er ohnehin nach Erklärungen. Oft durchforsten Kranke die eigene Biographie nach möglichen Auslösern ihres Leidens, kurz: nach dem falsch gelebten Leben.

Zum Leid kommen die Selbstvorwürfe.

Was chronisch Kranke deshalb nicht gebrauchen können, sind Schuldzuweisungen von außen. Nach dieser Logik resultiert Krankheit aus mangelnder Investition in die eigene Gesundheit.

Das ist falsch.

Zwar gibt es Gewohnheiten, die bestimmte Erkrankungen wahrscheinlicher machen. Doch die meisten Krankheiten sind Schicksalsschläge.

Krebs ist ungerecht; ein Tumor kann jeden treffen. Für die Mehrzahl der anderen Erkrankungen gilt das ebenfalls. Kranke sind nur selten Opfer ihrer selbst oder ihres Lebensstils.

"Victim blaming", die Beschuldigung der Opfer, ist der Fachbegriff für das, was Ärzte und Angehörige vermeiden sollten, wenn sie mit Schwerkranken zu tun haben.

Der jetzt bekannt gewordene Passus zur neuen Gesundheitsreform verletzt jedoch nicht nur den Status und die Eigen- und Fremdwahrnehmung der Kranken. Auch inhaltlich ist der Entwurf unausgegoren.

Krankheit als Schuld

Denn die Krebsmedizin hat ein Problem, das sich kaum je lösen lässt: Auch mit den feinsten Labortests und den schärfsten Röntgen- oder Kernspinaufnahmen kann Krebs erst ab einer gewissen Größe entdeckt werden.

Vorher entzieht sich das Tumorgewebe allen Bemühungen der Ärzte, es aufzuspüren.

Ist der Krebs einmal entdeckt, lässt sich sein Verlauf häufig nicht mehr zum Nutzen der Patienten beeinflussen. Dass eine frühere Diagnose die Prognose verbessert, stimmt längst nicht immer.

Von Männern, die sich Früherkennungstests auf Prostatakrebs unterzogen haben, weiß man etwa, dass sie nicht länger und nicht besser leben als Männer, die die Tests ignoriert haben. Zudem sind die Tests so ungenau, dass sie lästige und riskante Untersuchungen wie Gewebeentnahmen nach sich ziehen.

Ärzte sprechen von Überdiagnosen: Zwischen 30 und 70 Prozent der Fälle von Prostatakrebs hätten nie Beschwerden verursacht. Trotzdem wurden diese Männer untersucht und viele von ihnen sogar operiert.

Die regelmäßige Mammographie bietet Frauen zwischen 50 und 70 Jahren marginale Vorteile, doch auch das hat seinen Preis.

Lassen sich 1000 Frauen untersuchen, wird bei sechs von ihnen Brustkrebs entdeckt, bei dreien übersehen. Letztere wiegen sich folglich in falscher Sicherheit. 50 von den 1000 Frauen werden jedoch durch einen unklaren Mammographiebefund verunsichert, der sich erst viele Untersuchungen später als Fehlalarm herausstellt.

Ein Früherkennungsbonus macht aus einst Gesunden potenziell Kranke: Denn den Menschen, die zum Test gehen sollen, fehlt bisher nichts.

Krankheit als Schuld

Früherkennung ist schließlich definitionsgemäß eine Untersuchung von Menschen, die keine Beschwerden haben und bei denen auch nichts auf ein besonderes Risiko hindeutet, an einem Tumor zu erkranken.

In der Folge werden sie teilweise invasiven Untersuchungen ausgesetzt. Schlimmer ist jedoch die Verunsicherung und Ungewissheit nach unklaren Befunden, die weiter abgeklärt werden müssen, bis sie sich als harmlos erweisen.

In dieser Diagnosespirale wird Gesundheit zerstört, nicht erhalten.

Denn Gesundheit gibt es nur im Zustand der Selbstvergessenheit - als "Schweigen der Organe", wie es der französische Chirurg René Leriche genannt hat.

Wer sich ständig fragt, ob er genug für Früherkennung oder Vorsorge getan hat, fühlt sich nur noch gesund auf Probe - und belastet das Gesundheitswesen auf der Suche nach Beweisen für seine Gesundheit umso mehr.

Denen, die schon erkrankt sind, wird ein schlechtes Gewissen gemacht und auf medizinisch fragwürdiger Basis die Schuld an ihrem Leid zugeschrieben.

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