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Pflegefamilien:Eltern für ein Jahr

Alle wurden schwierig

Was antwortet man auf so eine Frage? Brigitte Wünsch hat sich viel angelesen in den vergangenen zehn Jahren. Im Wohnzimmer, hinter einer gelben Tigerenten-Wiege, steht ein Bücherschrank voller Fachliteratur. Inzwischen weiß sie: Erst nach der Sonnenscheinphase beginnt die Normalität. "Eigentlich ist ein Kind erst richtig angekommen, wenn es schwierig wird."

Bis jetzt wurden alle schwierig. Oft haben sie ihre Pflegemutter an den Rand der Verzweiflung getrieben. Dabei wollte sie doch eigentlich nur Gutes tun. Auch Toffia, 16, der jüngste Sohn der Wünschs, der als einziges der fünf eigenen Kinder noch zu Hause wohnt, ist manchmal einfach nur total genervt. "Wenn sich jemand im Alltag daneben benimmt, denkt man ja nicht immer an seine schlimme Vorgeschichte."

Als Sonja kam, musste der damals Fünfjährige mit seinem Bruder in ein Zimmer ziehen. Sein Vater Benjamin, der heute als medizinischer Berater eines Labors arbeitet, war damals noch Pfarrer. Dass oft Menschen vor der Tür standen, die Hilfe brauchten, war Toffia deshalb gewohnt. Trotzdem: Ein paar neue Geschwister hätte er am liebsten sofort wieder weggeschickt.

650 Gramm Leben

Diesen Gefallen haben ihm seine Eltern allerdings nur einmal getan. Bei Tilo. Der schlaksige Junge, 16 Jahre alt, Sohn einer Obdachlosen, der immerzu Hunger hatte und staunend vor dem gefüllten Kühlschrank stand, war seiner neuen Familie an guten Tagen einfach nur unendlich dankbar.

An schlechten belog und bestahl er sie. "Als er die zweite Lehrstelle schmiss, die ich ihm mühsam besorgt habe, gab ich die Hoffnung auf", sagt die Pflegemutter. Noch am selben Tag schickte sie ihn fort, ein halbes Jahr später saß Tilo im Knast. "Es war die falsche Entscheidung", sagt sie heute. "Viele Dinge habe ich erst im Nachhinein verstanden." Für Sekunden schließt Brigitte Wünsch die Augen, so, als wolle sie diesen Tag rückgängig machen.

Für sentimentale Gedanken bleibt jetzt jedoch keine Zeit. Tim ist vom Kindergarten zurück. Seit sechs Jahren wohnt der Siebenjährige mit der blauen Brille und den blonden Haaren bei den Wünschs. Sein Entwicklungsstand entspricht etwa dem eines Vierjährigen. Jeden Fremden schließt er sofort in sein Herz. Auch den Fotografen. "Du gehst aber nicht weg, oder?", fragt Tim ihn, als der ihn bittet, sich fürs Foto mal kurz umzudrehen.

Seine Mutter brachte ihn in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt. Mit Verdacht auf Blinddarmentzündung war sie zum Arzt gegangen. Mit 650 Gramm kämpfte sich Tim ins Leben. Als er nach sieben Monaten aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte, waren seine leiblichen Eltern völlig überfordert. Tim war zerbrechlich, apathisch, stieß mit dem Kopf gegen die Wand, aß nicht, ließ sich nicht anfassen. "Mit dieser Welt hatte er nichts zu tun", erinnert sich Wünsch.

Und weinen kann er auch

Eigentlich hätte auch Tim nur ein halbes Jahr bleiben sollen, aber ein erneuter Beziehungsabbruch wäre vermutlich sein Todesurteil gewesen. Also blieb er. Drei Jahre hat es gedauert, bis er zum ersten Mal einen Löffel in den Mund nahm, fünf, bis er zum ersten Mal alleine aus seinem Bett aufstand. "Jetzt kommt er sogar manchmal zum Schmusen. Und weinen kann er auch", sagt Wünsch. Dabei steigen ihr selbst die Tränen in die Augen.

In solchen Momenten weiß sie, warum sie Pflegemutter ist. Natürlich, sie bekommt auch Geld dafür. 84 Euro am Tag für Jason. Bleiben die Kinder länger, zahlt das Jugendamt zwischen 700 und 800 Euro im Monat. Für Tim gibt es noch eine Mehrbedarfszulage. "Aber das Geld könnte ich mit einem anderen Job tausendmal leichter verdienen", sagt Wünsch.

Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, aber wegen ihrer Kinder gab sie das Studium auf. Zu ihrer jetzigen Arbeit kam sie eher zufällig. Sie betreute Sonjas Mutter, eine psychisch kranke Frau. Als die sich zum wiederholten Mal die Pulsadern aufschnitt und ins Krankenhaus kam, nahm sie die 15-Jährige bei sich auf.

Wut auf die Konkurrenz-Eltern

Pflegekinder sind aber natürlich weit mehr als ein Job. Besonders Tim. Er ist inzwischen ein festes Familienmitglied. "Ich habe für ihn ähnliche Gefühle wie für meine eigenen Kinder", sagt Wünsch. Nicht bei allen Pflegekindern sei das so. Aber bei manchen.

Tims leibliche Eltern wohnen mittlerweile weit weg. Manchmal schicken sie ihrem Sohn eine SMS, obwohl Tim ja gar nicht lesen kann. Drei-, viermal im Jahr zahlt ihnen das Sozialamt eine Fahrt nach Dachau. Ärger zwischen Eltern und Pflegeeltern ist bei solchen Treffen programmiert.

Brigitte Wünsch muss sich dann oft zusammenreißen. Trotzdem redet sie vor Tim nie schlecht über seine Eltern. Den Kontakt zu den leiblichen Eltern zu fördern - auch wenn diese oft wütend auf das Jugendamt und die neuen Konkurrenzeltern sind -, das gehört zu ihrem Beruf.

Genauso wie der Abschied. Von allen Schützlingen muss sie sich irgendwann wieder trennen. "Weh tut es bei allen", sagt Wünsch. Jedem Kind bastelt sie zum Abschied ein Fotoalbum. Während der mehrwöchigen Rückführungsphase versucht sie stark zu sein.

Aber das gelingt nicht immer. "Besonders schlimm ist es, wenn ich weiß, dass die Kinder in ihre alte Umgebung zurückkommen und sich nichts geändert hat." So wie bei Nicolas. Nach zwei Jahren ging er zurück zur Mutter. Manchmal ähneln die Szenen dann der im Krankenhaus - nur dass Brigitte Wünsch jetzt auf der anderen Seite steht.

Doch es ist oft kein Abschied für immer. Zu manchen Pflegekindern haben die Wünschs Jahre später noch Kontakt. Auch Sonja, ihr erstes Pflegekind, kam vor ein paar Tagen zur großen Geburtstagsfeier zum 50. von Brigitte Wünsch. Vor versammelter Gästeschar stand die 25-Jährige auf und bedankte sich bei ihrer Pflegefamilie - für drei ruhige Jahre in ihrem sonst so ungeordneten Leben.

* Alle Namen der Pflegekinder sind geändert

© SZ vom 08.10.2008/bilu
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