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Pflegefamilien:Eltern für ein Jahr

Die Zahl der Kinder, die aus ihren Familien genommen werden, steigt seit Jahren an - zu Besuch bei einer Pflegefamilie.

Ann-Kathrin Eckardt

Nicolas' Mutter hat gewusst, dass man ihr den Sohn wegnehmen wird. Als der acht Monate alte Junge aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hat sie ihn an sich gepresst, ganz fest, hat geschrien und geweint.

Die Pflegefamilie Wünsch - die Rettung für manches Kind.

(Foto: Foto: Stephan Rumpf)

Brigitte Wünsch musste ihr den Jungen und den bunten Kinderkoffer im Krankenzimmer aus den Armen reißen. In dem Köfferchen steckte ein Zettel: "Liebe unbekannte Frau, bitte pass gut auf mein Kind auf."

Vermutlich war es der damalige Lebensgefährte der Mutter, der Nicolas* misshandelt hat. Mit einem doppelten Schädelbasisbruch kam der Junge erst in die Klinik, dann zu Brigitte Wünsch und ihrem Mann Benjamin. Sie sind Bereitschaftspflegeeltern, eine Art "erste Hilfe" für Kinder in Not. Zwischen dem Anruf des Jugendamtes und der Ankunft des neuen Familienmitglieds liegen oft nur ein paar Stunden.

Wie eine Geburt

"Ein bisschen ist dieser Moment jedes Mal wie eine Geburt", sagt Brigitte Wünsch, selbst Mutter von fünf Kindern. Sie sitzt auf der Terrasse ihres Hauses in der Nähe von Dachau bei München. Sie ist schlank, hat kurze braune Haare und ist gerade 50 geworden. In der einen Hand hält sie ein Glas Wasser, mit der anderen drückt sie Jason an sich - ihr 13. Pflegekind. Wie lange der fünf Monate alte Sohn einer Drogenabhängigen bleiben wird, weiß sie noch nicht.

Eigentlich sollten alle Kinder spätestens nach einem halben Jahr in eine dauerhafte Pflegefamilie vermittelt werden oder zurück zu den Eltern. Doch das funktioniert nicht immer. Nicolas blieb zwei Jahre, Sonja drei, und dann ist da noch Tim, der Dauergast. Aber der ist gerade noch im Kindergarten.

Im Schnitt haben Jugendämter in Deutschland im vergangenen Jahr 77 Kinder und Jugendliche in ihre Obhut genommen - pro Tag. Gut acht Prozent mehr als noch im Jahr 2006. "Fälle von Kindern wie Kevin und Lea-Sophie, die zu Hause verhungert sind, haben die Öffentlichkeit sensibilisiert", sagt Silvia Dunkel vom Münchner Jugendamt. Eigentlich eine erfreuliche Nachricht.

Doch mehr Inobhutnahmen bedeuten auch einen größeren Bedarf an Pflegefamilien. Und hier hakt es. Denn Familien wie die Wünschs sind Mangelware. Das Münchner Jugendamt hat 37 Bereitschaftspflegefamilien - zurzeit sind alle "belegt". "Wenn wir morgen ein Kind aus einer Familie herausnehmen, bleibt nur das Heim", sagt Dunkel. Im Winter will die Behörde eine Werbekampagne für Pflegeeltern starten. In anderen deutschen Städten ist die Situation nicht besser.

Anders als Adoptionskinder, die sogar aus dem Ausland geholt werden, sind Pflegekinder schwer vermittelbar. Die meisten haben die ersten Monate bei ihren leiblichen Eltern verbracht und bringen nicht nur einen bunten Kinderkoffer, sondern auch eine oft traumatische Vorgeschichte mit, die sie ihr Leben lang mit sich rumschleppen.

Manche können mit fünf Jahren noch nicht Zähne putzen, andere machen mit acht noch ins Bett. Früher hat sich Brigitte Wünsch oft gefragt, was sie falsch gemacht hat, wenn sich Nicolas, der bei jeder Bewegung zusammenzuckte, mal wieder die Seele aus dem Leib brüllte, oder die 15-jährige Sonja, ihr erstes Pflegekind, plötzlich wissen wollte, warum die Wünschs eigentlich Geld für sie bekommen.

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