Pflege Allein zu Haus

Der Kroate Zdravko Tomšić wird ungewollt zum Hausmann.

(Foto: Privat)

Deutschland will noch mehr Pflegekräfte aus Südosteuropa holen. Meist Frauen. Was macht das mit den Männern?

Von Sara Della Malva

Sein Körper wollte nicht, Zdravko Tomšić hat ihn trotzdem gezwungen. Gemeinsam mit fünf Männern ist er im Morgengrauen aufgebrochen. Im Waldstück vor seinem kroatischen Heimatdorf fällen sie Bäume, die zu dick sind, um sie zu umarmen. Tellergroße Hände schwingen Äxte. Zdravkos Atem stößt in Wolken aus seinem Mund, mischt sich mit dem Rauch der Zigarette, die im Mundwinkel sitzt.

Für seine 50 Jahre ist das Gesicht zu verbraucht. Schuld daran sind Alkohol und Zigaretten. Manchmal hustet er. Da sitzt der Rauch aus 40 Jahren in einer Lunge, die wie der Rest des riesigen Körpers dazu gezwungen wird, weiter zu arbeiten. Sein Herz hämmert jeden Morgen ohne Takt, aber die Tabletten nimmt er selten. Zdravko Tomšić hat eine ungesunde Faustregel: Alles, was man nicht sehen kann, ist nicht der Rede wert. Nur als er einmal Blut hustete, hat er einen Tag Pause gemacht.

Mit seiner Familie lebt Tomšić in Štitar, einem 2000-Seelen-Dorf in Kroatien. Er ist Vater von drei Kindern. Es gibt kaum Arbeit in dieser ländlichen Region. Mit dem Holz, das er im Wald fällt, verdient der 50-Jährige nichts, es sind Gefälligkeiten unter Dorfbewohnern. Hauptverdiener der Familie ist seine Frau Maria. Im 800 Kilometer entfernten Innsbruck arbeitet sie als Pflegekraft. Für vier Wochen lebt sie bei einer alten Dame, die sie pflegt, dann steigt sie wieder in den Zug nach Hause. Drei Wochen ist sie dort, dann muss sie wieder los. So geht es seit vier Jahren. Der kroatische EU-Beitritt hat es möglich gemacht.

Die Europäische Union ist für die Menschen hier im Landesinneren abstrakt, was sie von ihr mitkriegen, sind nur die Folgen. Das alte Problem Arbeitslosigkeit vermischt sich mit dem neuen Problem Abwanderung. Die Jugend verlässt die Heimat ganz, die Älteren werden zu Pendlern. Meistens sind es die Frauen, die gehen, um in Österreich oder Deutschland alte Menschen zu pflegen. So wie Maria.

Geht es nach den Plänen von Jens Spahn, sollen in Zukunft noch mehr Pflegekräfte aus Südosteuropa nach Deutschland kommen, und zwar nicht nur aus der EU, sondern auch aus Kosovo und Albanien. Dort gebe es, so der Bundesgesundheitsminister, ein hohes Potenzial an jungen Fachkräften.

Zurück bleiben die älteren Männer. So wie Zdravko. Und jede Menge leere Häuser. Seine Schwägerin arbeitet bei der Kommune. Sie sagt: Jedes zweite Haus im Dorf steht mittlerweile leer. Läuft sie durch das Dorf, zeigt sie mit dem Finger auf die Häuser, bei denen der Rollladen für immer unten bleibt. "Österreich. Deutschland. Deutschland. Schweiz." Ihr Zeigefinger wippt in der Luft, während sie auf die Fassaden deutet. "Eigentümer verstorben. Deutschland. Deutschland." Štitar ist ein Geisterdorf. Sie hat ein mulmiges Gefühl. Zdravko Tomšić auch. Sein ältester Sohn ist mit Frau vor einem Jahr nach Deutschland ausgewandert. Hailtingen heißt das Dorf, in dem er jetzt lebt, es ist kaum größer als Štitar. Aber er hat Arbeit, dort wo er jetzt ist. Tomšić ist froh, dass es ihm gut geht. Er ist auch froh, dass er selbst nicht gehen muss. Er bleibt bei Haus und Hof. Auch wenn sich das Bleiben an vielen Tagen nicht gut anfühlt.

Tomšić geht darum in den Wald. Zur Arbeit. Dabei ist er Kriegsinvalide, 60 Prozent seines Körpers sind von tiefen Narben überzogen, er ist eigentlich arbeitsunfähig. Eine Verbindung aus zwei Worten - das eine gut, das andere schlecht, in ihrer Kombination für Tomšić aber vor allem eines: grausam. Ein Mann muss doch arbeiten. In seiner Welt.

Er war 25 Jahre alt, als ein defekter Sprengkörper in der Innentasche seiner Sicherheitsweste explodierte. Den Sprengkopf hatte er eine halbe Stunde zuvor einem kleinen Jungen abgenommen, der auf der Straße damit gespielt hatte. Das war im Februar 1992. Während im ganzen Land Serben Kroaten und Kroaten Serben töteten. Während Städte zerbombt und ganze Landstriche eingeäschert wurden. Slowenien, Kroatien und Bosnien kämpften damals um ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien. Tomšić meldete sich freiwillig für jenes Land, das ihm heute eine Rente zahlt, die eigentlich mit dem Gehalt seiner Frau zum Leben reichen würde. Doch er braucht die Arbeit, um zu überleben. Im Wald weiß er, wer er ist. Er kämpft darum, nützlich zu bleiben, in einem Land, dessen konservatives Rollenverständnis das Wort "Hausmann" nicht kennt.

Während Maria weg ist, muss Tomšić den Haushalt übernehmen. Er hat gelernt zu kochen, zu waschen, zu bügeln - nur an das Einkaufen kann er sich nicht gewöhnen. Das ist demütigend, findet er. Genauso wie die sonnengelbe Fassade seines Hauses. Eigentlich sind verputzte Häuser ja ein Zeichen von Wohlstand in diesem Land. Doch nicht mit seinem Geld wurde die Fassade bezahlt, sondern mit dem seiner Frau. Das wissen die Leute. In den meisten bunten Fassaden im Dorf steckt das Geld einer Frau, die im Ausland arbeitet.

Die Männer dieser Frauen schimpfen oft über Politik. Meistens nach dem dritten Bier. Sie geben der Regierung die Schuld, manchmal der eigenen, öfters den ausländischen. "Sie holen sich unsere Frauen, weil niemand dort die Drecksarbeit machen will", heißt es dann. Der Frust ist ein alter Bekannter in dieser Runde. Es ist die Angst vor der eigenen Überflüssigkeit. Veränderung tut weh. Scham auch.

Tomšić steht vor dem kleinen Dorfladen und zieht an seiner Zigarette. Sie ist bis zum Filter runtergebrannt. Zdravko ist noch nicht bereit. Männer gehen nicht einkaufen. Er hatte seine 22-jährige Tochter gebeten, doch die hat sich mal wieder geweigert. Er dreht die Kippe zwischen den Fingern, die Glut nach innen. Dann ballt er seine Hand zur Faust und öffnet sie wieder. Die Zigarette fällt zu Boden. Sie ist aus.

Tomšić öffnet die Tür, duckt sich, die Glocke klingelt. Eine Tüte hat er nicht dabei, nimmt sich auch keinen Korb vom Stapel neben dem Eingang. Die Verkäuferin hinter der Kasse begrüßt er nicht. Er verschwindet hinter dem Regal mit Putzmitteln. Ein Riese versucht, unsichtbar zu sein. Keine zwei Minuten später steht er an der Kasse. In seinen Armen liegen drei Flaschen Milch, eine Packung Kaffee und ein Laib Brot. Behutsam legt er seine Einkäufe auf den Tisch. Die Kassiererin tippt, lächelt freundlich, Tomšić nickt. Er zahlt, häuft sich alles vor die Brust und verlässt den Laden. Morgen kommt seine Frau zurück. Dann muss er das hier nicht mehr tun. Für eine Weile zumindest.

In der Nacht holt Tomšić seine Frau vom Bahnhof ab. Sein jüngster Sohn fährt, er ist 19 und hat gerade seinen Führerschein gemacht. Zwei Stunden bevor sie losfahren, hat Tomšić angefangen zu trinken. Kurz vor Mitternacht sind sie zurück. Drei Menschen kommen die dunkle Einfahrt hoch, einer wankt. Zuhause sitzen sie noch einige Zeit zusammen. Maria schimpft über die Fahrt und die Arbeit. Zdravko erzählt vom Krieg. Keiner hört ihm zu. Alle seine Sätze enden mit "Verstehst du mich?"

Am Morgen danach sitzt die Familie beim Frühstück. Alle essen, es ist still. Die Tochter fragt etwas, der Vater will antworten. Er kommt keine drei Wörter weit, da wedelt schon die Hand seiner Frau in seine Richtung. "Ja klar, du weißt Bescheid", sagt sie in einem Tonfall, vor dem man sich wegducken möchte.

Zdravko Tomšić schweigt. Er wehrt sich nicht. Nicht mehr.