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Pestizide in Südspanien:Unfreiwilliger Großversuch an Menschen

Seit 30 Jahren ist die Bevölkerung in der Provinz Almería hohen Konzentrationen von landwirtschaftlichen Giften ausgesetzt. Was die Pestizide in den Menschen anrichten werden, weiß niemand.

Kathrin Burger

Endosulfan in Tomaten, eine Prise Isofenphos-Methyl in Paprika, ein Quäntchen Procymidon in Trauben. Immer wieder finden Verbraucherschützer in Obst und Gemüse aus Südspanien Überreste von Pestiziden und warnen vor möglichen Gesundheitsschäden.

Endosulfan in Tomaten?

(Foto: Foto: ddp)

Die Agrargifte stehen nämlich in Verdacht, das menschliche Hormonsystem durcheinander zu bringen, weil sie selbst wie Botenstoffe wirken. Es gibt Hinweise, dass diese Substanzen bei Männern die Vitalität der Spermien vermindern und bei Frauen das Brustkrebsrisiko erhöhen. Zudem stören sie möglicherweise die Entwicklung der Geschlechtsorgane bei Föten.

"Wenn dies so ist, dann wird es sich in Südspanien als erstes abzeichnen", warnt Nicolas Olea, Mediziner an der Universität in Granada. Die Feldarbeiter in der Provinz Almería und die dort ansässige Bevölkerung sind seit 30 Jahren hohen Konzentrationen landwirtschaftlicher Gifte ausgesetzt.

Unfreiwilliger Großversuch

Diese finden sich im Boden, im Wasser und in der Luft. Die Menschen nehmen die Pestizide zudem mit der Nahrung auf, die dort traditionell aus sehr viel Obst und Gemüse besteht.

Zynisch gesagt: In Südspanien läuft derzeit ein unfreiwilliger Großversuch, wie sich eine permanente Pestizidbelastung auf den Menschen auswirkt.

Im Tierversuch sind alle Pestizide gut geprüft und innerhalb der Grenzwerte ungefährlich. Das gilt aber nur für Einzelsubstanzen. Was aber geschieht, wenn sich unterschiedliche Pestizide, etwa ein Cocktail aus Altlasten und modernen Organophosphaten, Carbamaten oder Pyrethroiden, über Jahre im menschlichen Körper anreichern, weiß niemand.

"Etwa 250 Pestizide sind derzeit allein in Deutschland zugelassen. Sie können sich ausrechnen, wie viele Kombinationsmöglichkeiten das ergibt", sagt Hermann Kruse, Toxikologe an der Universität Kiel. Zudem lag das Hauptaugenmerk bei der Erforschung möglicher Gesundheitsschäden durch Pestizide lange Zeit auf Krebserkrankungen. "Wie sich Gemische von Pestiziden auf das Immunsystem, auf die Hormonaktivität oder auf das Nervensystem auswirken, wurde bislang nicht erforscht," sagt Kruse.

Nicolas Olea untersucht an der Bevölkerung Südspaniens, ob und welche Pestizide sich im Körper anreichern und welche gesundheitlichen Folgen das hat. In einer aktuellen Studie untersuchte er 220 junge Männer aus der Gegend von Granada und stellte fest, dass alle zahlreiche Pestizide im Blut und im Fettgewebe hatten.

Bei 150 schwangeren Frauen fand er die Gifte zudem in der Plazenta. Von dort gelangten sie offenbar in den Körper des Fötus. Je mehr Pestizide die Mutter während der Schwangerschaft im Körper hatte, umso stärker wurde nach Oleas Angaben das Kind geschädigt. Der Mediziner stellte unter anderem Anomalien an den Geschlechtsorganen fest, etwa Fehlbildungen der Harnröhre im Penis kleiner Jungen.

"Experiment am Menschen"

Eine ältere Untersuchung Oleas hatte ergeben, dass zwischen 30 und 40 Prozent der Kinder aus Murcia und Granada das Agrargift Endosulfan im Fettgewebe hatten. Die Substanz war bis zu ihrem Verbot im Jahr 2003 das am meisten genutzte Pestizid in industrialisierten Ländern. Spanien allein nahm 50 Prozent der EU-Produktion ab.

Nach ersten Untersuchungen der Firma Hoechst Schering sollte Endosulfan sich nicht in der Umwelt anreichern. Als sich herausstellte, dass der Stoff doch nicht vollständig abgebaut wird, kam er in vielen EU-Ländern auf den Index.

In Spaniens Süden wird von Oktober bis Juli billiges Obst und Gemüse für Supermärkte hauptsächlich in Deutschland, Frankreich und Großbritannien produziert. Diese "Zuchtanstalten" verlangten einen hohen Einsatz an Pflanzenschutzmitteln, sagt Dieter Klockow, Präsident der Internationalen Vereinigung für analytische Umweltchemie.

In den feuchten und warmen Gewächshäusern gedeihen nämlich nicht nur die Pflanzen besonders gut, sondern auch deren Schädlinge. In Almería werden jährlich etwa 40 Kilogramm Pestizide pro Hektar ausgebracht. Das ist laut Olea drei- bis viermal so viel wie eigentlich zugelassen ist.

Zudem kommen dort nach Aussage von Amadeo Fernandez-Alba auch illegale Substanzen wie Endosulfan zum Einsatz. "Mit ein paar Mausklicks kann man vor allem aus Asien so manch verbotenes Biozid bestellen, etwa das Isofenphos-Methyl," sagt der Chemiker von der Universität von Almería. "Die Kontrollen sind hier nicht ausreichend."

Auch die Pestizid-Branche beklagt kriminelle Machenschaften. Nach Angaben der Europäischen Saatgutschutz-Organisation sind 25 Prozent der Pestizide, die in Almería zum Einsatz kommen, gefälscht und wirken nicht. Das Problem dabei: Wenn die Chemiekeule keinen Effekt hat, wird kurz vor der Reife noch mal kräftig nachgearbeitet, um die Ernte zu retten. Die Zeit, bis die Ware in den Supermarkt kommt, ist dann zu kurz für den vollständigen Abbau der Schädlingsbekämpfungsmittel.

Gift wird ohne Schutzkleidung versprüht

Ein spezielles Problem in Südspanien ist, dass die Feldarbeiter schlecht organisiert sind und es lange Zeit niemanden gab, der sich für ihre Belange einsetzte. Das liegt unter anderem daran, dass die Landwirtschaft in der Region innerhalb der vergangenen 30 Jahre explosionsartig industrialisiert wurde.

Die Gewerkschaft "Sindicato Comisiones Obreras" hat erst seit dem Jahr 2005 ein Zentrum vor Ort. Sie prangert an: Für das ganze Gebiet gibt es gerade einmal fünf Kontrolleure, die etwa die Schutzkleidung überprüfen. Immer noch werden die giftigen Substanzen ohne Maske und ohne Gummianzug auf die Schösslinge ausgebracht - einfach weil die Arbeiter nicht darüber informiert werden, dass sie ohne solche Schutzmaßnahmen ihre Gesundheit gefährden.

Auch die Wissenschaft hat sich lange Zeit nicht um die Gesundheit der Feldarbeiter gekümmert. Inzwischen haben sich die Universitäten in Barcelona, Almería, Valencia und Granada formiert. "Insbesondere in Almería finden sich mehrere Spezialisten, die untersuchen, wie sich die Pestizidbelastung auf Mensch und Umwelt auswirkt", so Klockow. Zunehmend wird in der Region - mithilfe von EU-Geldern - aber auch Bio-Anbau erforscht.

© SZ vom 23. März 2007

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