Per Anhalter in die Vergangenheit "Da halten höchstens Perverse"

Und irgendwie noch schmarotzerhafter als die ganze Anhalterei sowieso schon? Ich beschließe: Leute ansprechen kommt nicht in Frage.

Also raus mit dem B-Schild und Position bezogen am Ende der Raststätte.

Im Grunde ist Trampen eine schöne, meditative Beschäftigung, die außerdem Einsichten ins Innenleben einer autoverrückten Nation erlaubt.

Der lustvoll kalte Blick, mit dem der Audi-TT-Pilot sein Fahrzeug beschleunigt. Die kreischende Kindermeute hinter den Janosch-Sonnenblenden des VW Sharan. Porschefahrer sind grundsätzlich Mitte 60, haben kurzgeschorene weiße Haare und tragen Poloshirts von Ralph Lauren. Im BMW X3 sitzen immer Frauen, die ein bisschen an Victoria Beckham erinnern.

Ich bin gerade dabei herauszufinden, ob Lastwagenfahrer heute tatsächlich noch Schnurrbärte tragen (vorläufiges Ergebnis: ja), da halten Robert und Robert mit ihrem Audi an. Nach nicht einmal 20 Minuten! Die beiden jungen Männer haben nicht nur den gleichen Vornamen, sondern auch den gleichen Beruf ("Vermögensberater"), leben in einem fränkischen Dorf und stammen beide aus Rumänien.

Sie tragen Muskelshirts, rauchen Zigaretten, im Getränkehalter steckt eine Dose Red Bull, im CD-Player läuft Hip-Hop. Robert sagt: "Wir kommen grad vom rumänischen Konsulat in München, das ist vielleicht ein Scheißladen, Mann!" Der andere Robert: "Jetzt müssen wir nach Bukarest, um meinen Geburtsort herauszufinden."

Draußen sausen die Hopfenstangen der Holledau vorüber, das Navigationsgerät sagt: "Weiter geradeaus halten." Ich frage, warum er nicht weiß, wo er geboren wurde.

Robert: "Meine Eltern sind geflohen, verstehst, und schon lange tot. Was weiß ich, wo die gewohnt haben." Ich denke: Wenn ihr nach Bukarest wollt, seid ihr auf der falschen Autobahn, sage aber nichts. Vielleicht wollen sie ja erst morgen nach Rumänien.

Für einen Tramper wäre das kein schlechter Trip, in einem Rutsch von München nach Bukarest - vorausgesetzt, man will da hin.

Ein bisschen erinnert das an die Zeit, als Anhalter ihre Reiseziele gerne an jenen der Autofahrer ausrichteten.

Es war in den Semesterferien 1986, wir waren mit dem roten VW Käfer unterwegs nach Athen - über den berüchtigten "Autoput" sollte es gehen, die gefährliche Strecke durch Jugoslawien. Auf der Salzburger Autobahn nahmen wir einen etwas schmuddeligen Anhalter mit umgeschnallter Isomatte mit.

Er fragte: "Wohin fahrt ihr?" - "Nach Griechenland, wir bleiben vier Wochen." Er: "Okay, bin dabei." (Wir haben ihn dann am Chiemsee rausgeworfen.)

Leider währt das Vergnügen mit Robert und Robert nicht sehr lange; an der Raststätte Nürnberg-Feucht lassen sie mich raus. Und nun passiert, wovon Tramper immer träumen: Nach zwei Minuten Wartezeit hält ein silbermetallicfarbener Fünfer-BMW. Drin sitzt Herr Funke, er fragt sehr höflich, ob er mich bis Leipzig mitnehmen kann.

Herr Funke spricht ziemlich sächsisch. In den 70er und 80er Jahren, so erzählt er, ist er ständig getrampt, in der DDR haben das alle gemacht, sogar eine Tramperversicherung konnte man damals abschließen. Das waren Zeiten! Manchmal, sagt Herr Funke, erzählt er seiner 17-jährigen Tochter von der DDR.

"Dann sage ich: Stell dir vor, du setzt dich mit der Gitarre in die Fußgängerzone und spielst ,Blowing in the Wind'. Und zehn Minuten später bist du verhaftet." Und die Tochter?

"Schaut mich groß an. Als ob ich von der Steinzeit rede."

Um es kurz zu machen: Meine letzte Fahrt an diesem Tag führt von Leipzig nach Oranienburg. Ich sitze bei Enrico im Wagen, einem riesigen amerikanischen Ford, der aber nur 90 fährt. Enrico, ein 31-jähriger Berliner, redet pausenlos auf mich ein: "Ick bin ja keen Öko, wa, aber die Leute, die über 20 Liter mit ihren Boliden rausblasen, die kotzen mich an, wa, jenauso wie mit den Solaranlagen, die find ick ooch bescheuert..." So in diesem Stil, drei Stunden lang.

Und ich lerne: Anhalter fahren mag zwar kostenlos sein. Aber einen Preis bezahlt der Tramper trotzdem: Er muss sich schrankenlos alles anhören, was seinem Gönner so durch den Kopf schwirrt.

Enrico setzt mich in Oranienburg ab, "leider kann ick keen Umweg machen". Die letzte S-Bahn nach Berlin fährt in fünf Minuten. Kurz vor Mitternacht komme ich am neuen Hauptbahnhof an. Elf Stunden von München nach Berlin. Früher hätten wir das ganz okay gefunden.

Ich knicke das B-Schild zusammen und stecke es in einen Papierkorb. Der rechte Arm tut weh.