Pausenbrot Gib Stulle!

Egal, wie viel Mühe man sich macht: Am nächsten Morgen liegen wieder unangetastete Brotbrocken in der Box.

(Foto: imago stock&people)

Angeblich ist kaum etwas für Kinder so wichtig wie ein gesundes Pausenbrot samt dekorativem Gemüse. Blöd nur, dass es meistens auf dem Biomüll landet.

Von Christian Mayer

Neun Jahre meines Lebens wohnte ich mit einem Freund in einer Studenten-WG, und sieben Jahre davon funktionierte die Spülmaschine nicht. Sie gab eines Tages einfach mitten im Waschvorgang ihren Geist auf, wahrscheinlich weil keiner je auf die Idee gekommen war, sie zu entkalken und zu säubern. Nach sieben Jahren hatten wir dann spätnachts nach einer Party die verwegene Idee, mit Brachialgewalt die Spülmaschinentür zu öffnen, die längst mit der Gummidichtung verwachsen war.

Sofort strömte starker Verwesungsgestank aus dem Gerät. Unvergesslich der Pilzbefall, als habe eine bösartige Spinne das Innere der Spülmaschine mit feinen Fäden überzogen, um ein Netz der Vergänglichkeit zu knüpfen, ein Netz der Schande. Alte Teller und Besteck klebten in den Haltern. Insgesamt gar kein schöner Anblick.

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Diese Männer-WG-Geschichte kommt mir manchmal in den Sinn, wenn ich nach den Schulferien die tieferen Zonen des Schulranzens meiner jüngeren Tochter untersuche. Irgendwo dort muss doch die verdammte Brotbox versteckt sein! Den vor Wochen befüllten Plastikbehälter sollte man allerdings nur im Freien öffnen und gegebenenfalls sofort entsorgen, denn auch Schulbrote im Zustand fortgeschrittener Verwesung sind kein schöner Anblick. Dafür sind sie ein eindringliches Symbol für ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben: nämlich die eigenen Kinder zu ihrem Glück zu zwingen, indem man ihnen nur Gesundes, Nahrhaftes auf den Weg gibt.

"Papa, ich hatte keinen Hunger"

Dabei duftet es schon so wunderbar, wenn man einen frischen Laib Vollkornbrot vom Münchner Lieblingsbäcker aus der Papierfolie zupft und mit dem großen Messer zuschneidet, die Stücke im Toaster röstet, die Butter oder die Marmelade aufträgt. Jeden Morgen stellt sich ja die Frage nach dem Pausenbrotaufstrich ("Mögt ihr das?"), die von den Müsli mümmelnden Kindern ziemlich gleichgültig beantwortet wird. Und natürlich lässt man es nicht mit einem bestrichenen Brot bewenden, man legt noch Biogurkenscheiben und Cocktailtomaten und rote Paprikastücke dazu, wahlweise auch achtfach geschrotetes Vitalgebäck oder Trauben, Trauben gehen ja immer, aber nur die ohne Kerne, die anderen schimmeln vor sich hin. Man liest ja auch brav die Hinweise der Krankenkasse: Kinder brauchen besonders zwischen zehn und zwölf am Vormittag eine kleine "Energiespritze", sonst bauen sie ab.

Doch egal, wie viel Mühe man sich macht, wie viel Inszenierungskunst man in die Plastikschale legt: Am nächsten Morgen liegen wieder angeknabberte Brotbrocken in der Box, verschmierte Salatblätter: lauter welk gewordene Hoffnungen eines engagierten Ernährers. "Warum hast du das nicht gegessen, hat's dir nicht geschmeckt?" Es ist eine rhetorische Frage. "Papa, ich hatte keinen Hunger."

Im Schulranzen der Achtjährigen lag kürzlich ein Zettel, der im Unterricht verteilt wurde. Die Einladung zu einem Vortrag über "Konzentration" enthält eine Liste mit den wichtigsten Grundbedürfnissen von Schulkindern. Auf Platz eins: genügend Schlaf. Platz zwei: viel Wasser trinken. Wasser liegt ja auch immer bereit im Schulranzen, in militärisch gesicherten und bunt bemalten Metallflaschen, aus denen kein Tropfen in die Schulhefte fließen kann. Platz drei: gesundes Essen, das am besten unter tätlicher Mitwirkung der Kinder als appetitlicher Bio-Snack präpariert werden soll, mit den überlebenswichtigen Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralien.