Partyszene in der Hauptstadt Billigtouristen im Dauerrausch verdrängen Kreative

Ralf Kollmann, Mitbetreiber des Technolabels Mobilee Records, fragt sich auf der Bermuda-Podiumsdiskussion um Gema-Gebühren, warum er so geringe Einnahmen habe. Die Musik seines Labels werde weltweit in den Clubs gespielt, doch einen Porsche, wie so mancher Berliner Clubbetreiber, werde er sich wohl niemals leisten können. Auch Alexandra Dröhner erklärt in der Diskussion um "Prekäres Arbeiten", dass sie als DJane in den 90er Jahren im Tresor an einem Abend noch rund 300 Mark verdient habe. Inzwischen seien es oft nur noch 50 Euro bei irgendeinem Kellerclubfestival.

Steffen Hack ist wütend, weil er als Betreiber des Watergate im Sommer allabendlich bis zu 400 Leute an der Tür abweisen muss. Und dass er sich nach den boomenden Sommermonaten im September immer wieder fragen muss, ob seine Szenegäste jetzt trotzdem wiederkommen. Allein Sylvia Lundschien, die eine Masterarbeit unter anderem über die Elektroszene geschrieben hat, sieht das Thema etwas zuversichtlicher: Flexiblere Arbeitsbedingungen seien auf dem Vormarsch - mit all ihren Vor- und Nachteilen. Gerade aus der lebendigen Clubszene könnten wichtige Impulse für diese Arbeitsmodelle kommen, die bald an der Tagesordnung sein würden.

Nur: Welche Clubszene? Ist Berlin nicht längst überschwemmt von Billigtouris im Dauerrausch, die, ähnlich wie auf Ibiza oder Mallorca, zum Saufen kommen und sämtliche Subkultur verdrängen?

Nicht ganz. Die Subkultur ist nach wie vor lebendig, sie sucht sich nur andere Orte. Wenn Watergate und Berghain überschwemmt werden, gehen die Szenegänger halt zum Kater Holzig, ins Ritter Butzke, in die Wilde Renate oder ins Sisyphos. Und auch diese aktuell wilderen, weil vom kühlen Stil der Jahrtausendwende abrückenden Clubs, die sich eher als Spielwiese oder Abenteuerclub für Erwachsene geben, werden nicht für immer bleiben. Noch erfindet sich Berlin immer wieder neu, gerade im Nachtleben.

Das Geschäft mit den anderen

Doch wohin die Reise in naher Zukunft geht, möchte die Politik ein deutliches Stück mitbestimmen. Man müsse die "touristische Vermarktung Berlins zentralisieren", sagte Stadtentwickler Ares Kalandides gerade erst, auch Klaus Wowereit ließ verkünden, der Berlin-Tourismus entwickele sich "prächtig". An Zuwächsen liege Berlin "europaweit an der Spitze, weit vor allen anderen Großstädten", sagt Visit-Berlin-Chef Burkhard Kieker. In Paris und London gibt es zwar aktuell noch mehr Übernachtungen - doch nirgendwo ist das Wachstum so rasant wie in Berlin.

Weshalb die Szene sauer ist, dass zwar mit ihr für die Stadt und um Touristen geworben wird, sie aber von der Politik im Gegenzug kaum unterstützt werde. Das liege unter anderem daran, dass die Politik die Szene nicht verstehe, so Johnnie Stieler, ehemaliger Mitbegründer des Tresor, der zuletzt seinen neuen Club Horst Kreuzberg schließen musste. Es gebe inzwischen viel zu viele Clubs. Allerdings werde damit immer weniger kreatives Publikum angesprochen, das sich mit der Musik identifiziere, als Partyvolk, das einfach nur möglichst stramm feiern wolle.

Der taz sagte Stieler zuletzt: "Berlin ist immer noch der Nabel der elektronischen Tanzkultur, aber es ist nicht mehr so schillernd. Die Stadt hat es nicht verstanden, den Kreativen hier einen Platz zu geben. Für die interessiert sich niemand. Was die im Senat wollen, ist Feierei, massenhaft Easyjet-Fatzkes, die in Schönefeld aus dem Flugzeug fallen, in dieses am Sonntag wieder reinkullern und dazwischen 300 bis 400 Euro ausgegeben haben." Um die Kreativen, die der Stadt und der Szene ihr berühmtes Gesicht gegeben hätten, bemühe sich hingegen niemand, stattdessen werde ihre Arbeit oft erschwert. Weshalb viele von ihnen der Stadt mittlerweile den Rücken kehrten - und abwanderten.

Währenddessen boomt das Geschäft mit den anderen: "In jeder einzelnen Minute kommen statistisch gesehen 20 Gäste in unsere Stadt", verkündete Wowereit stolz bei der Vorstellung der Halbjahresbilanz des Berlin-Tourismus für 2013. Und Visit-Berlin-Chef Kieker sprach von einer "Comeback-Story" Berlins innerhalb der vergangenen 20 Jahre. Visit Berlin wurde 1993 als Berlin Tourismus Marketing GmbH mit fünf Mitarbeitern gegründet. Heute hat die Gesellschaft 180 Mitarbeiter, die in Berlin und in 39 Ländern für die Metropole werben. Ihr Jahresetat beträgt 16 Millionen Euro. Sieben davon stammen aus dem Landeshaushalt.