Sport war für meinen Mann schon immer essenziell, er ist Triathlet und geht gerne klettern. Klar ist das zeitintensiv, zudem weiß ich, dass es ihm psychisch nicht gut geht, wenn er sich nicht ausreichend verausgabt. Doch seitdem wir Kinder haben (aktuell sind die beiden 2 und 4 Jahre alt), nervt es mich zunehmend, wie sehr seine Trainingspläne unsere Wochenenden und Urlaube bestimmen. Darf ich von ihm verlangen, dass er der Familie zuliebe kürzertritt?
Marlene F.
Clemens von Saldern
Das würde ich Ihnen niemals raten, verlangen hat noch nie geklappt. Und wenn es so scheint, als ob es mal geklappt hätte, dann ist der Preis letztlich sehr hoch. Die Rechnung dafür kommt – später und woanders. Sich durchzusetzen, ist einer der folgenreichsten Dinge, die man in einer Beziehung machen kann. Das gilt für Sie und natürlich auch für Ihren Mann. Wenn jemand sein Bedürfnis gegen das des Partners durchdrückt, dann gibt es ja nicht nur einen Gewinner, sondern auch einen Verlierer. Und das ist genau das Problem – weil niemand gerne verliert. Die Frage ist also, ob Sie das Gefühl haben, mit seiner Vorfahrt des Sportes selbst ausgebremst zu werden. Ob Sie finden, dass Sie selbst oder die Kinder damit den Kürzeren ziehen. Grundsätzlich gibt es ja keine Bedürfnishierarchie, Ihre Bedürfnisse sind genauso berechtigt wie seine. Und aus diesem Grund gibt es nur einen einzigen, gangbaren Weg: Sie müssen das miteinander verhandeln! Auf Augenhöhe und ergebnisoffen. Und das Ergebnis muss sich fair anfühlen, beide kommen gleichermaßen auf ihre Kosten, keiner steckt zurück. Das ist die Basis von erfüllten Beziehungen. Wir nennen den Verhandlungsraum den Aufenthaltsraum glücklicher Paare. Nadja und ich verhandeln seit 35 Jahren – alles. Weil es alternativlos ist. Natürlich gehört es zur persönlichen Freiheit Ihres Mannes seiner Leidenschaft Sport nachzugehen. Gleichzeitig wird es gewiss etwas mit Ihnen machen, wenn Sie es nicht in Ordnung oder übertrieben finden. Meistens hat es Auswirkungen auf eine verminderte Kooperationsbereitschaft in anderen Dingen. Und das sollten Sie ihm wohlwollend vor Augen führen. Damit er sich den Preis bewusst machen und infolgedessen abwägen kann.
Ausgleichssport ist ganz gewiss sinnvoll und hilfreich, um Stress abzubauen. Ob dabei der zeitintensive Triathlon alternativlos ist, bleibt fraglich. Mit zwei Kindern fühlt sich der Alltag doch durchaus auch manchmal wie Biathlon an, glaube ich mich zu erinnern. Vielleicht kann er so gesehen ja auch noch eine Trainingseinheit integrieren … :-)
Nadja von Saldern
Ihr Wunsch ist sehr verständlich und extrem wichtig für die Beziehung. Sie geben durch das Familienleben sehr viel von Ihrer Freiheit und Selbstbestimmung auf. Wann tut man schon mal etwas für sich? Nichts macht uns unzufriedener, als der Verlust von Me-Time und Selbstbestimmung. Und nun kommen die Trainingspläne noch autonomieeinschränkend dazu. Für die Kinder sehen wir es noch ein, für Trainingspläne schon weniger.
Ich empfehle jungen Eltern, über die fehlende Autonomie zu sprechen und darauf zu achten, dass kein zu starkes Ungleichgewicht entsteht. Beide sollten darauf achten, dass jeder Elternteil immer mal wieder ein selbstbestimmtes Gefühl hat. Denn wenn die Trainingspläne eine große Einschränkung für Sie sind, kann das zu Neid und Wut auf den Autonomie-Unterschied führen, was Sie dann irgendwann an Ihrem Mann auslassen könnten. Es kann ein Gegeneinander entstehen, statt ein Miteinander.
Obwohl sehr viel dafür spricht, dass auch Ihr Mann seine Autonomie einschränkt, können Sie es allerdings nicht verlangen. Man erreicht durch Druck vielleicht kurzfristig etwas, aber langfristig entsteht Frust und Gegendruck. Fühlen wir uns mit Steinen beschmissen, dann schmeißen wir zurück, anstatt zu kooperieren. Sie aber brauchen jetzt die Mithilfe Ihres Mannes. Ist Ihrem Mann bewusst, dass Sie Ihr Leben durch die Kinder nicht mehr selbstbestimmt führen können? Dass ein Trainingsdruck von außen dieses Gefühl verstärkt und Ihre Not größer werden lässt? Ist ihm bewusst, dass alle zurückstecken müssen, nicht nur Sie als Mutter? Sagen Sie ihm, wie sehr Sie ihn verstehen können, aber dass Sie nicht noch zusätzlich belastet werden wollen. Wäre doch schön, wenn Sie beide dieses Thema gelöst bekommen würden.

Clemens und Nadja von Saldern betreiben gemeinsam eine Praxis für Mediation und Paartherapie in Berlin-Charlottenburg und Potsdam. Sie sind seit 1992 verheiratet und gehen offen damit um, dass sie auch selbst in ihrer Ehe schon manche Täler durchschritten haben. In dieser Serie beantworten sie Leserfragen zu Liebe und Sex, Trennung und Dating, Freundschaft und Erziehung. Sie haben auch eine Frage? Schreiben Sie an das Therapeuten-Paar!

