Süddeutsche Zeitung

La Boum:Früher war alles besser

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Unsere Kolumnistin lernt Menschen kennen, die sich ganz eigene Vorstellungen von Frankreich machen. Die eine kauft Schuhe für ihre Tochter. Der andere ist leider Politiker.

Von Nadia Pantel, Paris

In meiner Erinnerung trug meine Freundin Maria, als ich sie das erste Mal gesehen habe, ein Ganzkörper-Hamster-Kostüm. Wir waren auf einer Verkleidungsparty eingeladen. Maria hatte ihre Nasenspitze schwarz angemalt und beige Sachen angezogen, aber sie sah dadurch so perfekt hamsterig aus, dass ich sie mir später immer in einem vollständigen Fellanzug vorgestellt habe. Das alles erzähle ich nur, um zu unterstreichen, dass Maria wirklich alles tragen kann und immer sehr überzeugend aussieht.

Als ich sie vergangenen Samstag traf, trug sie kniehohe Stiefel, die so eng am Fuß lagen wie Socken und auch so flach waren wie Socken und komplett mit Leopardenmuster überzogen waren. Es waren letztlich sehr lange Raubtierstrümpfe mit Gummisohle. Maria sah fantastisch aus, vor allen Dingen, wenn sie saß und man die Schuhe nicht sehen konnte. Wir waren bei denselben Leuten zu Gast wie damals bei der Hamster-Party. Die Einladung war so kryptisch gewesen, dass wir nicht verstanden hatten, ob Verkleidungen erwartet wurden oder nicht. Maria hatte sich jedenfalls entschieden, nur Dinge anzuziehen, "die mir meine Mutter geschenkt hat, weil sie meinte, in Paris muss man schick aussehen". Marias Mutter lebt in Bulgarien. Zu den Leopardensocken trug Maria eine golden bestickte Jacke und seidene Pumphosen.

Die Musik von David Guetta klingt wie ein Rummelbesuch auf Vorspultaste

Im Pariser Alltag sieht man wenig Gold und Fellmuster, wenigstens nicht auf der äußeren Kleidungsschicht. Man will schließlich nicht die auffälligste Person in der Metro sein, falls jemand einsteigt, dem von dem Großstadtwahnsinn die Sicherungen durchgebrannt sind und der jemanden sucht, auf den er zehn Stationen lang einreden kann. Während Maria und ich über die triste Dominanz von Dunkelblau im Pariser Alltag sprachen und über die Eleganz von Seidenhosen, legte jemand ein Lied auf, das wie David Guetta klang. David Guetta ist ein 54 Jahre alter Pariser DJ, der viel Geld damit verdient, Musik zu produzieren, die klingt wie ein Rummelbesuch auf Vorspultaste. "David Guetta gibt es nur, damit wir Nicht-Franzosen von unseren Komplexen geheilt werden", sagt Maria, "damit wir aufhören, zu glauben, hier sei alles besser."

Daran musste ich denken, als ich am Dienstag vorm Fernseher saß und aus beruflichen Gründen den Wahlwerbespot eines rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten anschaute. Der Kandidat sprach davon, wie früher alles besser war und zeigte dazu wild aneinandergeschnittene Bilder von französischen Stars in Schwarz-Weiß. Jean-Paul Belmondo und Brigitte Bardot, irgendwann kamen verschiedene Käse ins Bild, Jeanne d'Arc ritt auch vorbei. Nur David Guetta fehlte. Ausländer raus oder wir müssen alle sterben, sagte der Kandidat sinngemäß. Ob Jean-Paul Belmondo sich wohl im Grabe umdreht, fragte ich mich. Und wie bitter, dass Käse sich nicht wehren kann. Dann machte ich den Fernseher aus und sehnte mich nach dem Fantasiefrankreich von Marias bulgarischer Mutter.

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