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La Boum:Die Stadtkartoffeln

La Boum
(Foto: Steffen Mackert)

Die Mitbewohner unserer Kolumnistin bauen Gemüse an. Sie ist die Einzige, die sich ekelt.

Von Nadia Pantel

Beim Aufwachen sah ich eine sehr kleine Fliege, die über meinem Gesicht herumkurvte. Ich drehte mich beruhigt auf die Seite, denn in unserer großzügig mit Löchern ausgestatteten Wohnung bin ich für jedes Tier dankbar, das keine Maus ist. Als mein Freund jedoch anfing, die Fliege wegzuwedeln, schaute er verdächtig schuldbewusst. Ich setzte mich im Bett auf. "Was ist mit der Fliege?" - das ist kein romantischer erster Satz am Morgen, aber manchmal beginnen Tage eben so. "Ach nichts", war als Antwort noch verdächtiger als sein Gesicht. Es stellte sich heraus, dass die 15 Chilipflanzen, die mein Freund und unser Sohn im Wohnzimmer anbauen, sich zu einer Art Insektenhotel entwickelt hatten. Fliegen in der Erde, Läuse auf den Blättern, Spinnen rundherum.

Während ich mich ein wenig ekelte, überlegte ich, ob ich ein Foto des Insektenhotels vielleicht der Pariser Bürgermeisterin schicken sollte, um gelobt zu werden. Meine Bauernhof gewordene Wohnung fügt sich nämlich völlig in den Trend der Stadt. Alle gärtnern herum. Selbst Menschen, die eher nicht so aussehen, als würden sie gern in der Erde herumwühlen, ziehen ständig irgendwelche Pflanzen groß. Zum Beispiel die Teenager, die vor der Schule herumstehen, an der ich täglich vorbeilaufe. Sie hören laute Musik aus ihren Handys, schreien ein bisschen herum, machen normale Teenagersachen. Und: Sie bauen Salat an. Oben auf dem Schuldach. Wer die Schule unterstützen will, kauft Schulsalat.

Zwei Straßen weiter liegt der Spielplatz, auf dem mein Sohn seine Nachmittage verbringt. Die Hälfte des Spielplatzes wurde für einen Garten abgeteilt, "jardin partagé" steht in Schönschrift über dem Tor, durch das man zu den Beeten kommt. Kürzlich wurde in weniger schöner Schrift ergänzt: "Hier wird gegärtnert, keine Abenteuer". Es war wohl der ein oder andere Kinderfuß ins Beet gestapft. Am besten finde ich an dem Schild die Überzeugung, es sei kein Abenteuer, sondern eine völlig ernst zu nehmende Angelegenheit, mitten in Paris Kartoffeln aus der Erde zu holen. Ich schwöre: Es gibt hier Supermärkte. Sogar Bioläden und strenge Geschäfte, in denen nur handgezogenes, saisonales Gemüse aus dem Umland verkauft wird. Man kann sich in Paris einen ganzen wunderbaren Winter lang nur von Kohl und Rüben aus der Banlieue ernähren, wenn einem das wichtig ist. Aber gut, das ist nicht der eigene jardin.

Mein Lieblingsgarten liegt auf der einzigen größeren Brachfläche, die bei uns im Viertel noch zu finden ist. Die Stadt Paris will dort einen Recyclinghof hinbauen. Widerstand! Auf die Mauer des Areals haben Hippies eine Freske gemalt, auf der man Menschen sieht, die im Kreis um einen Bagger herumtanzen. Als wichtigstes Instrument im Kampf gegen die geplante Bebauung hat sich eine Gruppe Hühner erwiesen. "Solange hier Tiere sind, kann man uns schlecht räumen", sagt einer der Hippies. Hier wird gegärtnert, und es gibt Abenteuer.

© SZ/marli
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