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Kolumne: "La Boum":Fenster zum Dach

La Boum 1
(Foto: Steffen Mackert)

Von New York nach Paris: In der ersten Folge unserer neuen Kolumne geht es um mysteriöse Hunde und um ein Fenster, durch das man nicht durchsehen kann.

Von Nadia Pantel

Es gibt Fragen, bei denen will ich mich nicht festlegen. Gibt es den Weihnachtsmann? Oder: Hat Frankreich Corona besser oder schlechter im Griff als Deutschland? Die Weihnachtsmann-Frage stellt mir mein dreijähriger Sohn sehr oft. "Ich habe ihn nie gesehen, aber wer weiß", ist eine Antwort, mit der wir beide leben können. Die Corona-Frage interessiert eher meine zahlreichen Chefs. Da ich für Antworten wie "Fragt mich mal in zwei Monaten" nicht bezahlt werde, sage ich dann: "Hier wird mehr getestet." Was stimmt.

Für mich selbst überraschend ist, dass ich eine andere, viel einfachere, Frage nicht eindeutig beantworten kann - und zwar die, ob es in meinem Arbeitszimmer ein Fenster gibt, oder nicht. Das Arbeitszimmer liegt unterm Dach, es hat kleine Gucklöcher, durch die man erahnen kann, wie blau oder grau der Himmel ist, aber richtig rausschauen kann man nicht. Als wir frisch eingezogen waren, rief der Vermieter an und sprach sehr viel von einem Hund. Der Vermieter ist ständig segeln, bestimmt hat er so einen struppigen Bootshund, der immer in den Wind bellt. Aber warum erzählt er mir davon? Unsere Unterhaltung begann weniger abwegig zu werden, als ich verstand, dass "chien-assis", also sitzender Hund, das französische Wort für Gaube ist. Ich freute mich nun über zweierlei. Erstens über dieses Wort. Und zweitens darüber, dass irgendetwas Gaubenmäßiges mit meinem Arbeitszimmer passieren sollte.

Nächste Woche geht es los mit den sitzenden Hunden, sagte der Vermieter im September. Im Januar reisten dann zwei Männer an, die auf dem Dach herumklopften. Diese bauliche Gemächlichkeit erwähne ich auch, um Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu trösten. Ich weiß, Sie vermissen den Kollegen in New York (und seine Balkonbaustelle). Ich mag ihn auch sehr. Wir müssen diese Umstellung gemeinsam aushalten. Durch meine kleinen Gucklöcher sah ich jedenfalls, wie geschleppt und gehämmert wurde. Im Hof entdeckte ich ein Veluxfenster. "Das ist ihrs, Madame", sagte einer der Männer vom Dach. Wir waren beide sehr angetan.

Kurz darauf verschwanden das Fenster und der Handwerker. Die offizielle Version geht so: Das Fenster wurde auf das Dach gebaut, aber es fehlt die Genehmigung, um die Zimmerdecke aufzusägen, damit ich das Fenster auch sehen kann. Es gibt Indizien, dass das Fenster wirklich da ist. Die Handwerker haben probehalber ein rosinengroßes Loch in die Decke gebohrt. Dort ist es ein bisschen heller und es regnet nicht rein.

Seit neun Wochen lebe ich nun mit einem unsichtbaren Fenster. Als hätten die Wohnung und ich ein Geheimnis. Ein wirklich nutzloses Geheimnis, aber immerhin. Manchmal stelle ich mir vor, dass irgendwann diese eine Woche kommt, in der alles geöffnet wird. Die Bars, die Theater, die Schwimmbäder, meine Zimmerdecke. Boum. Vielleicht wird es sogar La Boum.

© SZ
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