La Boum:Haare und Häkelüberwürfe

La Boum
(Foto: Steffen Mackert)

Unsere Kolumnistin findet sich in einer erstaunlichen Wohnung wieder und beschließt, wieder sammeln zu lernen.

Von Nadia Pantel

An der Tür klebte ein handgeschriebener Zettel: "Sehr laut klopfen." Ich klopfte mittellaut, weil ich nicht so polizeirazziamäßig rüberkommen wollte. Nichts rührte sich. Zweimal Razzia-Klopfen, dann kamen Schritte zur Tür. In der folgenden Stunde sah ich verschiedene Frauen und eine Katze durch die Wohnung huschen. Wobei die Katze nicht huschte, sondern sich auf den Tisch zwischen die Einkäufe legte, gleich neben das Brot. Mit einer der Frauen war ich für ein Interview verabredet, aber es soll nun weder um diese Frau noch um das Interview gehen, sondern um diese Wohnung.

Jemand, also mindestens die Katze und die Frauen, hatten hier gut vier Jahrzehnte Leben aufgeschichtet. Bücher- und Papierstapel, teure Bilder und kitschiges Zeug aus Plastik, auf dem Sofa lag ein grobmaschig gehäkelter Überwurf, der vielleicht mal dazu dagewesen war, vor Katzenhaaren zu schützen, inzwischen aber zu einer Art umgekehrten Fusselbürste geworden war. Man setzte sich hin und war sofort eingehaart. Seit ich in dieser Wohnung war, denke ich jeden Tag an sie. Weil ich bereue, dass ich mir nicht alles viel genauer angeschaut habe. Und weil es mir so unwahrscheinlich erscheint, mich jemals irgendwo so umfassend festzusetzen.

Umzug Nummer elf habe ich dann komplett verweigert

Als ich in Berlin wohnte, gab es mal ein Jahr, in dem zehn meiner Freunde umzogen. Beinahe jeden Monat stand ich also in Treppenhäusern und befolgte die Befehle anpackender Menschen, die munter riefen: "Lasst uns ne Kette machen!" Spätestens bei Umzug Nummer sechs war ich von einer Unterstützung zu einer nörgelnden Zumutung geworden. Von Umzug Nummer sieben an habe ich behauptet, ich sei Umzugs-DJ und hab im Treppenhaus Musik gespielt und Sekt ausgeschenkt. Bei Umzug Nummer zehn kam dann ein junger Vater und fragte mich, ob ich eigentlich komplett bescheuert sei, zur Mittagsschlafzeit so einen Lärm zu machen. Umzug Nummer elf habe ich dann einfach verweigert.

All die Schlepperei hatte zur Folge, dass ich selbst bei jedem Umzug lieber Sachen verschenke, statt sie in Kisten zu tun. Nur was, wenn ich dann irgendwann in einer öden Wohnung alt werde, in der im Januar eine Hyazinthe vor sich hinstinkt, sonst aber alles nur aufgeräumt und leer ist? Seit ich in der Frauen-Katzen-WG war, will ich wieder sammeln lernen. Und Paris erscheint mir wie die beste Schule.

Vielleicht könnte ich als Erstes die goldene Schnecke fragen, wie sie ihre Schatzkammer gefüllt hat. Die goldene Schnecke, "L'escargot d'or" ist ein kleiner Kaffeeladen bei uns um die Ecke, den man nicht mehr betreten kann, weil er so vollgestellt ist. Der Ladenbesitzer, den wir der Einfachheit halber die goldene Schnecke nennen, reicht die Waren durch eine kleine Luke nach draußen. Die goldene Schnecke hat selten auf, meist lebt sie zurückgezogen in ihrem Häuschen. Doch wenn die Luke mal aufgeht, stehen die Leute sofort Schlange.

© SZ/marli
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