La Boum:Ich bin eine Fliege

La Boum
(Foto: Steffen Mackert)

Wie der Freund unserer Kolumnistin Französisch lernte. Und warum Sie es auch tun sollten.

Von Nadia Pantel

Bestimmt gibt es Paare, die nennen einander "Martin" und "Ulrike", und das sind dann auch wirklich ihre Namen. Ich kenne solche Menschen nicht, ich kann nur feststellen, dass ich zu Hause eigentlich nie jemanden "Nadia" sagen höre. Unter den verschiedenen Rufnamen, die sich durchgesetzt haben, ist einer, der bezeichnet eigentlich ein Tier. Ein erhabenes, schlaues, schönes Tier mit viel Fell, ohne verniedlichende Endung. Mein Ebenbild auf Pfoten also. So dachte ich wenigstens, bis mein Freund vor vier Jahren anfing, mit einer Sprachlern-App Französisch zu lernen. Inzwischen ist er der App entwachsen, aber damals gab sie ihm die ersten Worte mit. Diese ersten Worte lauteten: "L'ours est gros." Und: "Je suis une mouche." "Ours" heißt Bär, "gros" dick, "une mouche" ist eine Fliege. Sie müssen also gar nicht so viel Französisch können, um zu verstehen, dass das eine komische Dynamik in unsere Beziehung brachte.

Ich habe mir oft und gerne vorgestellt, wo und wie diese Sprachlern-App entwickelt wurde. Und wie sich zwei hysterisch lachende Teenager einen bescheuerten Beispielsatz nach dem nächsten ausgedacht haben und wie eine Gruppe Chefs nickend sagte, "ah, okay, ja, Tierdialoge sind wichtig." Am Wochenende habe ich jemanden getroffen, der mit dieser selben App Deutsch lernt. Er kann sagen: "Der Vogel fliegt sehr forte." Forte ist ein schönes Zwischenwort, das dem Deutschen fehlt. Ein Ballwurf könnte zum Beispiel "forte" sein, weit und doll. Das habe ich dem Deutsch Lernenden erklärt, er wirkte zufrieden.

In der ersten Lektion ging einer Gruppe außerirdischer Franzosen der Senf aus

Möglich ist auch, dass diese Sprachlern-App einem auch ganz normale Sachen beibringt, man aber nur die sinnlosen behält. Ich weiß aus meinem ersten Französischbuch nur noch einen Satz: "Zut, il est déjà sept heures et Marc est sous la douche." Was genau daran irgendwie "zut", also doof ist, dass Marc um sieben Uhr unter der Dusche steht, weiß ich nicht mehr.

Als mein Freund genug von Bären und Fliegen hatte, kaufte er einen Online-Kurs bei einer großen, französischen Tageszeitung. Das erwähne ich, weil dieser Kurs obige Theorie sehr gut umsetzte. Es gab überhaupt nichts Normales, nur völligen Wahnsinn. Vielleicht, damit möglichst viel hängen bleibt. Statt mit Höflichkeitsfloskeln (Bonjour, ça va?) ging die erste Lektion damit los, dass einer Gruppe Außerirdischer, die gleichzeitig Franzosen waren, der Senf ausgegangen war. Sie arbeiteten in irgendeiner Weltraumbehörde, und man konnte in den Bildern zum Text sehen, wie der Praktikant von grünen Wesen zu einer Guillotine geführt wurde. Senf her oder Kopf ab. Um dem Praktikanten zu helfen, entschieden sich die Alien-Franzosen, Victor Hugo aus einem Eisfach zu holen und splitternackt auf die Erde zu schicken, damit er dort "la moutarde" besorgt. Victor Hugo findet dann aber in Paris keine Wohnung, weil alles so teuer ist. Wenn Sie jetzt nicht endlich Französisch lernen wollen, dann weiß ich auch nicht weiter.

© SZ/marli
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