La Boum:Die große Busrevolte

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(Foto: Steffen Mackert)

Niemand in Paris ist so geduldig wie Menschen, die im Bus sitzen. Unsere Kolumnistin ist bereit, dagegen auf die Barrikaden zu gehen.

Von Nadia Pantel

Auf der Höhe der Haltestelle Saint Maur rief die Frau sehr laut in ihr Handy: "Ich bin im Bus!" In nur einem Satz hatte sie alles gesagt. Ich bin im Bus. Wartet mit dem Abendessen nicht auf mich, ich komme vermutlich erst im Morgengrauen zu Hause an, denn ja, ich bin im Bus. Und nein, ich kann meine Füße nicht mehr spüren, weil ich hier so eingequetscht bin, denn ja, ich bin im Bus.

Manchmal frage ich mich, wann endlich der große Pariser Busprotest kommt. Wann die Leute auf die Straße gehen, um all die Aggressionen rauszuschreien, die sich in Wochen und Tagen des gemeinschaftlich im Stau Stehens angesammelt haben. Wahrscheinlich kommt dieser Tag nie. Denn die Pariser Busnutzer sind leidensfähig und geduldig.

Die Stadtverwaltung hat einen gewitzten Slogan für dieses Desaster gefunden

Was erstaunlich ist, weil mir niemand anderes auf den Pariser Straßen geduldig erscheint. Sobald man zu Fuß, auf dem Fahrrad oder im Auto für sein eigenes Vorankommen zuständig ist, scheint das Hirn in einen Kampfmodus zu wechseln. Weg da, Platz machen, alles Idioten. Doch wenn man in den Bus steigt, gibt man seinen Widerstand an der Tür ab. Man fügt sich in ein langsames, enges Leben.

Dabei zahlen die Menschen im Bus den Preis für all dieses Chaos da draußen. Sie stehen im Stau, weil die Autos im Stau stehen. Anders als Fahrradfahrer kommen sie nicht am Stau vorbei. Und anders als Autofahrer müssen sie den Geruch und das Gerede ihrer Nebensitzer ertragen. Außerdem fährt man in Paris eigentlich nur dann Bus, wenn das Leben ohnehin schon kompliziert ist. Wenn man im Rollstuhl sitzt, einen Kinderwagen dabeihat, auf Krücken unterwegs ist oder schwer zu schleppen hat. Dann also, wenn es keine Option ist, gefühlte 2456 Stufen zur Metro runterzusteigen.

Die Stadtverwaltung hat einen gewitzten Slogan für dieses Desaster gefunden: Wir leben in der 15-Minuten-Stadt. Das soll bedeuten, dass alles, was man braucht, ganz nah ist. Es heißt halt auch, dass alles, was weiter entfernt ist, ziemlich nervig zu erreichen ist, wenn man sich nicht gerade im Fahrradfahralter befindet. Das beginnt in Paris mit 15 Jahren und endet mit 60.

Wer das nicht glaubt, kann sich gerne mit mir zwölf Stunden lang in ein Straßencafé setzten, und ich gebe für jedes Kind und für jeden Rentner, die vorbeiradeln, ein Bier aus. Sie werden durstig bleiben.

Wenn die große Busrevolte irgendwann mal beginnt, werde ich jedenfalls bereit sein. Ich werde Barrikaden bauen und Slogans brüllen. Und all die alten Omas werden mit ihren Gehstöcken auf die Straße hämmern, bis sich Pflastersteine lösen. Dann werden wir einen Bus kapern und ihn aus der Stadt herausfahren bis zum Seebad Deauville. Die Busfahrerin wird ihren Bikini dabeihaben, und wir werden erst wieder zurückkommen, wenn die Stadt uns den großen Orden der Geduld verleiht. Und wenn endlich verdammte Fahrstühle zur Metro gebaut werden.

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