La Boum:Klischees mit Streifen

La Boum
(Foto: Steffen Mackert)

Französische Klischees lassen sich wunderbar zeichnen. Aber findet man sie überhaupt noch? Eine Kolumne fast komplett ohne schwarze Rollkragenpullover.

Von Nadia Pantel

Als ich vor vielen Jahren für ein Jahr zum Studieren nach Krakau ging, hatte ich vor, mich in einen Polen zu verlieben. Nur im Schutze einer Beziehung erschien es mir möglich, mich den Konsonant-Mauern zu nähern, die im Polnischen die Vokale schützen. "Cześć" zum Beispiel heißt Hallo. Das Bild mit den Konsonant-Mauern habe ich mir übrigens bei Balzac ausgeliehen. Ich kenne es deshalb, weil das mit dem Polen nicht geklappt hat und ich stattdessen im Sprachkurs einen Franzosen kennenlernte. Damals hat es mich sehr beeindruckt, dass er sein sprachliches Scheitern mit Balzac begründete.

Zurück aus Polen lud mich der Franzose zu sich nach Hause ein, er wohnte gerade bei seinen Eltern. Hier, voilà die Küche, da die Terrasse, die Treppe hoch sind die Schlafzimmer. Und da hinten ist das Comic-Zimmer. Tatsächlich: das Comic-Zimmer. Es war ein quadratischer Raum ohne Fenster, von den Wänden war vor lauter Comics nichts mehr zu sehen. Sortiert war das Ganze nach Verlagen, für Kinder war nichts dabei.

Wenn heute wieder irgendwo steht: "Frankreich ist eine Comic-Nation", muss ich an diesen Raum denken. Außerdem ist Frankreich auch insofern eine Comic-Nation, als dass sich alle französischen Klischees wunderbar zeichnen lassen. Streifen-T-Shirt, Baskenmütze, Baguette unter dem Arm, fertig ist der Franzose.

Dann kam mein Sohn um die Ecke und spielte rauchen

Nur manchmal enttäuscht das Land. Ein Kollege, er urlaubte gerade, schrieb neulich auf Twitter: "Seit wann rauchen die Franzosen eigentlich nicht mehr?" Ich dachte an den E-Zigaretten-Laden in meiner Straße, der gleichzeitig eine Post ist, wo ich oft im künstlichen Apfelgeruch stehe, um Pakete abzuholen. Es wird schon noch geraucht. Aber die E-Zigarette ist natürlich der traurigmöglichste Gegenentwurf zu liberté toujours. Da steht man auf der Straße und dampft statt zu rauchen und alle, die vorbeigehen, sehen, dass man einerseits ein Suchtproblem hat, andererseits aber auch Angst vor Lungenschäden.

Gerade wollte ich ihm antworten, dass er recht hat und alles den Bach runtergeht, und ich außerdem schon ewig niemanden mehr in einem schwarzen Existenzialistenpullover gesehen habe. Außer Macron. Aber der trägt den schwarzen Rolli nur, wenn er seine sozialistischen Tage hat und über linke Themen redet. Also nicht so oft. Nichts ist mehr wie es war, seufzte ich. Da kam mein Sohn mit zwei Freunden ins Zimmer. "Wir spielen rauchen!" Sie hatten sich lange Kekse zwischen die Finger geklemmt und zogen so ernst daran, als hätten sie gerade eine Nouvelle-Vague-Filmnacht hinter sich. Ich malte ihnen kleine Schnurrbärte ins Gesicht und servierte einen Käseteller, der so stank, dass die Nachbarn schnell ihre Fenster schlossen. Dann aßen wir die Kekse auf und ich sprach ein dreitägiges Nouvelle-Vague-Verbot aus. "Aber unsere schwarzen Rollis", riefen die Dreijährigen. "Non", sagte ich streng. Traurig setzten sie sich vor eine Folge Paw Patrol.

© SZ/marli
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