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Pakt für das Zusammenleben:Der PaZ im Alltag

Im konkreten Fall könnte das etwa so aussehen: Eine alleinerziehende Mutter und eine ältere Dame, die in einem generationenübergreifenden Wohnmodell leben, unterstützen sich gegenseitig. Die "Leih-Oma" hütet regelmäßig das Kind, liest ihm vor und wärmt das Essen auf, die Mutter geht für die Seniorin einkaufen und begleitet sie zu Behörden oder zum Arzt.

Natürlich ließen sich solche Abmachungen mündlich regeln. Doch ohne den Pakt würden die damit verbundenen Rechte entfallen. Diese notariell und mit Vollmachten zu vereinbaren, ist derzeit oft kompliziert und langwierig. "Beim PaZ geht es darum, die Rechtsgrundlage - ähnlich wie durch die Heiratsurkunde - zu vereinfachen", sagt Brantner. "Und zwar auf eine Weise, die wasserdicht ist."

Das ist nicht nur dann sinnvoll, wenn jemand beispielsweise keine Angehörigen mehr hat. Auch wenn Kinder oder Verwandte in einer anderen Stadt leben, kann so ein Pakt eine Entlastung für beide Seiten darstellen.

"Stellen Sie sich vor, die alte Dame erkrankt und wird in die Klinik eingeliefert", beschreibt Brantner den Ernstfall. "Dann kann sich die junge Mutter auf das Auskunftsrecht berufen und erhält Informationen vom behandelnden Arzt." Umgekehrt könnte die "Leih-Oma" dank des Vertretungsrechts die Tochter von der Kita abholen und die Mutter notfalls beim Elternabend vertreten.

In dem Zusammenhang spricht sich Brantner dafür aus, das Elterngeld nicht nur für Elternpaare zu öffnen, die in einer festen Partnerschaft leben. Sondern auch für Personen, die im Rahmen eines familiären Netzwerks Verantwortung für ein Kind übernehmen.

Ein Beziehungsmodell, das vom PaZ besonders profitieren könnte, wäre die Co-Elternschaft. Der Begriff steht für zwei Menschen, die gemeinsam ein Kind großziehen wollen, ohne miteinander in einer Partnerschaft zu leben.

So wie Jennifer Sutholt: Nachdem ihr Kinderwunsch über Jahre hinweg am geeigneten Partner scheiterte, beschloss die Singlefrau mit 35 Jahren, trotzdem ein Kind zu bekommen - von einem Co-Vater. Über ihre Erfahrungen berichtet die Flugbegleiterin auf ihrem Blog Planningmathilda.

Derzeit erhält die Berlinerin zwar das komplette Kindergeld und auch Unterhalt für das Kind - so kompensiert sie den Lohnausfall und die damit verbundenen Folgekosten. "Garantiert ist das aber nicht", gibt die 36-Jährige zu Bedenken. "Sollte es zum Streit kommen, so haben wir nur eine mündliche Vereinbarung, die im Zweifel von einer Partei geleugnet werden kann." Hier würde der PaZ sicher Sinn machen, findet Sutholt. Auch die Aufteilung von Pflichten, Zuständigkeiten und andere Details ließen sich in einer Zusatzvereinbarung zwischen Vater und Mutter vertraglich regeln.

Für Sutholt käme ein Paz-Modell genau zur rechten Zeit: "Familie wird immer bunter und vielfältiger, die Idee der Kernfamilie - Mutter, Vater, Kind - ist in so vielen Haushalten keine Realität mehr", sagt die Berlinerin. "Daher finde ich die Idee, den Begriff Familie weiter zu fassen, sehr gut und schon fast überfällig."

In anderen europäischen Staaten existieren bereits vergleichbare Modelle. In den Niederlanden gilt seit 1998 die "Geregistreerd Partnerschap", in Luxemburg und Frankreich hat sich der "Pacte Civile" erfolgreich etabliert - während die Zahl der Eheschließungen zurückgeht. Genau wie die Grünen es für den "Pakt für das Zusammenleben" vorsehen, bestimmt der französische "Pacte Civile" nicht, in welcher Verbindung die beiden Personen zueinander stehen müssen. Er wird daher auch für Verantwortungsgemeinschaften genutzt.

Die Ehe abschaffen will die familienpolitische Sprecherin, die nicht verheiratet war und heute alleinerziehend lebt, auf keinen Fall. Vielmehr soll der Pakt eine Ergänzung sein. Im Gegensatz zur Ehe, die ja - zumindest in der Theorie - als Bund fürs Leben angelegt ist, eignet sich der Pakt auch für eine begrenzte Lebensphase. Entsprechend leicht kann man ihn wieder auflösen. Die Aufhebung erfolgt auf einem Amt, statt einer Scheidungs- erhalten die Partner eine Trennungsurkunde.

Ob und wann der Pakt für das Zusammenleben in Deutschland umgesetzt wird, ist unklar. Fest steht, dass ein Modell für alternative Lebensgemeinschaften den Nerv einer modernen Gesellschaft trifft. "In Frankreich wird der Pacs inzwischen seltener aufgelöst als die Ehe", sagt Brantner.

© SZ.de/feko/liv

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