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Pädophile und sexuell auffällige Jugendliche:"Völlige Verkennung der kindlichen Entwicklung"

Mit den Eltern sprechen die Jugendlichen nicht - aber mit Ihnen schon?

Ja. Einer zum Beispiel möchte auch bei uns anonym bleiben. Für die Sprechstunden muss er sich immer Ausreden einfallen lassen. Weil er eine ungeheure Angst hat, dass die Eltern erfahren könnten, was in ihm vor sich geht. Und weil er glaubt, ihnen die größte Enttäuschung ihres Lebens zu bereiten.

Nachvollziehbar, diese Angst.

Nur bedingt: Nach klinischer Erfahrung stellen sich viele Eltern hinter ihre Kinder. Trotzdem ist die Angst vor sozialer Ausgrenzung sehr berechtigt: Eine Fußgängerbefragung der TU Dresden hat ergeben, dass 40 Prozent der Befragten meinten, Pädophile müssten auch dann ins Gefängnis, wenn sie gar keine Straftaten begangen haben - also nur aufgrund ihrer sexuellen Phantasien. Das ist wie in der Zeit vor der Aufklärung.

Dann klären Sie auf: Was genau ist Pädophilie?

Pädophilie ist die sexuelle Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema. Sie wird dadurch erkennbar, dass der kindliche Körper erregungssteigernd wirkt und in den Begleitphantasien bei der Selbstbefriedigung auftritt. Ein Störungsbild, wie die Weltgesundheitsorganisation es definiert, ist dann gegeben, wenn damit Leidensdruck verbunden ist oder die Phantasien so ausgelebt werden, dass Kinder geschädigt werden.

Gibt es auch Fälle, in denen ein Pädophiler keinen Leidensdruck hat?

Aufgrund von Untersuchungen kann man das zumindest annehmen. Bei uns meldet sich aber nur, wer einen Leidensdruck verspürt. Wir sehen nur einen Ausschnitt der Betroffenen: die, die unglücklich mit ihrer Situation sind und ihr Verhalten kontrollieren wollen. Diese Übernahme von Verantwortung ist in hohem Maße anzuerkennen, und wir können sagen, dass das Ziel auch erreicht werden kann. Deshalb plädiere ich ganz stark dafür, dass man niemanden wegen einer Neigung verurteilt, sondern dass als einziger Indikator der verantwortliche Umgang mit der Neigung gesehen wird.

Eigentlich impliziert das, dass sich alle Pädophilen einer Behandlung unterziehen müssen, weil nur dadurch kontrolliert werden kann, ob sie verantwortlich handeln. Oder?

Zumindest sollte angeboten werden, zu prüfen, ob sie ihre Neigung ausreichend kontrollieren können. Denn es ist nichts einzuwenden etwa gegen einen Grundschullehrer, der weiß, dass er eine ausschließliche sexuelle Ansprechbarkeit auf vorpubertäre Jungen hat, sie aber auf seine Phantasien begrenzt. Der kann das gesamte Leben lang ein guter Lehrer sein, tritt keinem Jungen zu nahe und schadet niemandem. Er hat seine Problematik erkannt und verhält sich verantwortungsbewusst. Wir sehen aber im Gegensatz dazu viele Betroffene, die sich etwas vormachen, sich über Gefahrensituationen hinwegtäuschen und damit hoch gefährdet sind, sexuelle Übergriffe zu begehen.

Was genau können Sie machen, wenn Betroffene zu Ihnen kommen?

Wir analysieren die individuelle Situation, von der genauen Einschätzung der sexuellen Präferenzstruktur bis zu Verhaltensstrategien im Umgang mit Kindern. Therapeutisch streben wir vollständige Verhaltenskontrolle an, für die auch eine emotionale Stabilität nötig ist. Je mehr sich Betroffene allein und ohne Unterstützung fühlen, umso größer ist die Gefahr, dass sie ihre sexuellen Phantasien ausleben. Wir alle sind angewiesen auf den Zuspruch und die Anerkennung durch andere. Wenn wir Probleme haben, suchen wir Unterstützung bei Menschen, die uns schätzen. Und wenn Betroffene keinen sozialen Raum haben, weil sie annehmen, dass sogar Familienmitglieder sie ablehnen, muss man das ändern. Oder es zumindest versuchen.

Es gibt auch Medikamente, mit denen man versucht, einen solchen Trieb zu unterdrücken. Aber die sind noch nicht gut genug, sagen Sie, weil auch die Pharmaindustrie sich aus Imagegründen gegen das Thema sträubt? Oder was ist das Problem?

Medikamente sind eine sehr wichtige zusätzliche Option bei der Behandlung, weil sie in Risikosituationen die Gefahr eines Übergriffs deutlich senken können. Wer unser Programm durchlaufen hat, weiß sehr gut Bescheid, dass eine wirksame Dämpfung des sexuellen Verlangens möglich ist, aber auch Nebenwirkungen damit verbunden sein können. Vor allem, wenn ein Medikament über einen längeren Zeitraum genommen werden muss. Für die Betroffenen wäre es eine große Hilfe, wenn es ein Medikament gäbe, das kurzfristig und stark wirkt und bei Bedarf genommen werden kann. Die Pharmaindustrie wäre in der Lage, das zu entwickeln - bisher konnte sich aber kein Hersteller dazu entschließen. Mutmaßlich weil auch da der Wunsch überwiegt, mit dem Thema lieber nichts zu tun haben zu wollen.

Es geht also darum, Pädophile zu stabilisieren, damit sie lebenszufriedener sein können trotz ihrer Störung - und dann besteht eine gute Chance, dass sie nicht zu Tätern werden?

Ja, wenn sie Verantwortung übernehmen und darin ohne moralische Verurteilung unterstützt werden. Für diese Sichtweise muss man werben. Je differenzierter und wertfreier wir in der Lage sind, uns auf die Vielfalt menschlicher Sexualität einzustellen, umso weniger droht die Gefahr der Ausgrenzung von sexuellen Minderheiten. Wenn jemand eine Besonderheit ausbildet, die mit Fremdgefährdung verbunden ist, dann muss gelten: Wegen der Neigung und der damit verbundenen Phantasien haben wir nichts gegen dich, aber wenn du dich so verhältst, dass Kinder zu Schaden kommen, werden wir das nicht hinnehmen.

Kann man das als Betroffener in jedem Fall schaffen, diese Selbstkontrolle? Oder gibt es Faktoren, die dagegen sprechen?

Es gibt auch Betroffene, die wir nicht erreichen, weil sie der Meinung sind, die Gesellschaft solle sich ändern. Die meinen, sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen sollten legalisiert werden. Und dass Kinder die Möglichkeit bekommen sollten, sich dafür zu entscheiden und nicht nur dagegen. Das ist natürlich eine völlige Verkennung der kindlichen Entwicklung. Einvernehmliche Sexualbeziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern gibt es nicht. Ein Kind kann schon aus entwicklungspsychologischen Gründen nicht einvernehmlich einwilligen, weil es die Folgen nicht abschätzen kann. Die Gehirnzentren, die perspektivisches und kritisches Denken möglich machen, reifen erst ganz am Ende der Pubertät. Deshalb machen viele Jugendliche im Allgemeinen so viel Unsinn. Und deshalb sind Kinder auch nicht geschäftsfähig.

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