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Paartherapie:Sie beschließen, weiterzumachen

Hannah und Leo erwägten verschiedene Techniken. Schließlich einigten sie sich darauf, im Moment des Wiedersehens alle Tätigkeiten beiseitezulegen, sich für einige Minuten in den Arm zu nehmen. An jedem Abend soll abwechselnd einer von beiden beschreiben, wie es ihm gerade geht - ohne Vorwürfe. Der andere sollte zuhören, ohne sich zu verteidigen oder das Gesagte zu beurteilen. Am dritten Abend sagte Hannah, dass sie sich auf ihn gefreut habe und es genieße, diese Freude diesmal auszukosten. Am Abend darauf wirkte Leo abwesend und sagte, er sei genervt und wäre eigentlich lieber ein Bier trinken gegangen. Und dass er froh ist, dass er das ehrlich sagen dürfe.

Erfolg ist relativ

Der Erfolg einer Paartherapie lässt sich nicht immer daran messen, ob ein Paar die Beziehung weiterführt. "Wenn ein Paar, das über Trennung nachgedacht hat, die Therapie verlässt und zusammenbleibt, um in der gleichen nutzlosen Weise weiter zu streiten, wäre das aus meiner Sicht kein Erfolg", sagt Wilchfort. "Wenn beide jedoch die gegenseitigen Erwartungen verstehen und erkennen, dass sie nicht bereit ist, diese zu erfüllen und sich trennen, war das für mich eine erfolgreiche Behandlung."

Andererseits hat auch die Möglichkeit einer Paartherapie ihre Grenzen. Hin und wieder passiert es, dass es für die Beziehung keine Lösung gibt. "Wenn einer von beiden eine Affäre hat und dort das bekommt, was er eigentlich von seinem Partner will, rate ich von einer Therapie ab", erklärt Wilchfort. Dann fehle oft die Bereitschaft, den notwendigen Einsatz zu bringen. Auch wenn einer der beiden sich bereits entschieden hat, zu gehen, gebe es keine gemeinsame Zielsetzung.

Dass sie ein gemeinsames Ziel haben, wurde Hannah und Leo im Laufe der Therapie immer klarer. Sie hatten erkannt, dass es im Grunde genau darum ging: sich zu verstehen. Ganz im Sinne des Wortes.

Eine Einschätzung, ob die Beziehung von Hannah und Leo funktioniert, kann der Therapeut nur bedingt liefern. "Ich kann den Betroffenen zeigen, unter welchem Einsatz mehr in der Beziehung möglich wäre oder auch nicht", sagt Wilchfort. "Entscheiden müssen sie selbst. Es ist ihr Leben, sie müssen die Beziehungarbeit leisten - und die Wachstumsschmerzen aushalten."

Manchmal braucht die Liebe Unterstützung, das gilt auch - oder gerade - für "alte Hasen". David Wilchfort, Paartherapeut in München, und Redakteurin Violetta Simon, Autorin der "Luft & Liebe"-Kolumne, suchen künftig unter dem Motto "Die Paar Probleme" gemeinsam nach Antworten auf Beziehungsfragen unserer Leser - für beide Partner.

Haben Sie und Ihr Partner ein Problem, das Sie uns - jeder aus seiner Perspektive - mitteilen möchten? Dann senden Sie eine E-Mail an leben@sueddeutsche.de, Betreff: "Paarprobleme". Sämtliche Angaben werden anonym und vertraulich behandelt.

Damit wir auf Ihren Konflikt möglichst genau eingehen können, sollten Sie folgende Punkte beachten: 1. Einigen Sie sich auf einen vor kurzem stattgefunden Streit. 2. Schildern Sie - unabhängig voneinander - in wenigen Sätzen, wie sich Ihr Partner verhalten hat und was Sie daran gestört hat. 3. Lassen Sie uns wissen, welches Verhalten Sie sich in dieser Situation vom Partner gewünscht hätten.

© sueddeutsche.de/vs/bgr
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