Paartherapeut über die ewige Liebe "Je mehr man versucht, den Partner zu ändern, desto weniger verändert der sich"

SZ: Ist das der Schlüssel zum Glück: akzeptieren, dass die Beziehung sich ändert, und gleichzeitig die Hoffnung aufgeben, dass der Partner sich ändert?

Arnold Retzer, Jahrgang 1952, ist Heidelberger Psychotherapeut und Autor des Buchs Lob der Vernunftehe.

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Retzer: Ein Beispiel: Eine Frau heiratet ihren Freund. Ganz netter Kerl. Bei der Hochzeit sagt sie: Die zwei, drei Macken, die er hat, die krieg ich auch noch hin. Sie meint: Den krieg ich auch noch hin. Dann gehen, wenn man Glück hat, zehn Jahre ins Land und der Partner, fast hätte ich gesagt: der Gegner, hat die Macken mindestens in der gleichen Ausführung wie am Hochzeitstag. Weil der Mann diese Veränderungsmaßnahmen als Angriff auf seinen Lebensstil, auf seine Wertvorstellungen, auf sich bezieht. Menschen reagieren auf Angriff nun mal mit Verteidigung. Das Ergebnis ist eine paradoxe Situation: Je mehr man versucht, den Partner zu ändern, desto weniger verändert der sich. Man kann soweit gehen und sagen: wenn man nicht mehr versucht, den anderen zu ändern, dann verändert er sich.

SZ: Und der erfahrene Bildhauer haut den fatalen Veränderungswunsch einfach weg.

Retzer: Genau. Ich nenne das die resignative Reife.

SZ: Ich nenne das einen Freifahrtschein.

Retzer: Der Einwand ist durchaus berechtigt. Meine Überlegung ist tatsächlich riskant. Aber so ist das Leben nun mal, es gibt keine Sicherheit, ob das Durchkämpfen der eigenen Interessen zum Sieg verhilft oder das Aufgeben derselben. Es bleibt nur, sich anzuschauen, mit welcher Strategie man welche Erfahrung gemacht hat, mit welchem Ergebnis.

SZ: Aber man müsse sich doch zurücknehmen in einer Beziehung und an ihr stetig arbeiten, heißt es immer. Ein Trugschluss?

Retzer: Zumindest in der Eindeutigkeit, die schon das Wort "müssen" vermittelt. Das heißt nicht, dass Arbeit nicht sein darf. Der Radikalität aber von "Arbeit muss sein" würde ich auf jeden Fall widersprechen. Wenn man das hört, kriegt man ja richtig Lust, faul zu sein.

SZ: Sich bemühen ist doch auch ein Liebesbeweis.

Retzer: Wenn es von einem selbst und nicht vom Partner initiiert ist, ist das Bemühen auch in Ordnung.

SZ: So lautet der Rat an jeden Single: Heirate nur jemanden, an dessen Macken du dich gewöhnen kannst, den ändern wird er sich nie.

Retzer: Hört sich gut an, klingt vernünftig. Ist in der Praxis aber unmöglich. Es ist eben nötig, aus den eigenen Fehlern zu lernen. Das Schlimmste, was ich mir vorstellen könnte, wäre eine Null-Fehler-Kultur. Da wird man nämlich saublöd dabei.

SZ: Ganz anderes Thema: die Liebe.

Retzer: Ich unterscheide radikal zwischen Partnerschaft und Liebesbeziehung. Wie gesagt, das wichtigste Kriterium für eine Liebesbeziehung ist, dass darin auf eine unzensierte, ungefilterte Art kommuniziert wird. Ich nenne das die Exklusivität: Strikte Abgrenzung nach außen, Freiheit nach innen. Etwas Drittes gehört nicht dazu. So ist es gewünscht, in der Liebeslyrik beschrieben, ein Ideal.

SZ: Aber?

Retzer: Mit der Organisation des alltäglichen Lebens ist das nicht vereinbar. Ein Paar merkt das spätestens nach der Geburt des ersten Kindes. Dann kann es nicht mehr um das ungehemmte Miteinander und um Exklusivität gehen, sondern darum, irgendwie über die Runden zu kommen - wie schlafen wir, wie arbeiten wir. Und der Partner schläft dann beim exklusiven Liebesdiskurs ein. Oder noch schlimmer: Die Männer werden eifersüchtig, weil da jemand dritter den Partner samt dessen Körper in Beschlag genommen hat.

SZ: Was raten Sie in so einem Fall?

Retzer: Wenn so ein Paar zur Therapie kommt, wäre es ein Fehler, die Liebe zu betonen. Die sollte das Paar stattdessen auf Eis legen und auf eine Partnerschaft übergehen. Darunter verstehe ich ein abgekühltes Organisationssystem. Da geht es um Vertragstreue, Gerechtigkeit, Verhandlungen um Rechte und Pflichten.

SZ: Äußerst unromantisch.

Retzer: Stimmt, auch diese Partnerschaft funktioniert nicht auf Dauer. Da kommen Paare, die alles geregelt haben. Kapital ist kumuliert, die Kinder laufen schon, das Haus ist fertig. Als Team funktionieren wir prächtig, sagen sie dann, aber man spürt die Verzweiflung im Raum. Irgendwann muss die Ressource der Liebe wieder ins Spiel kommen.

SZ: Wie helfen Sie dabei?

Retzer: Indem ich sie frage, wie sie sich kennengelernt haben. Ich frage nach schönen Erinnerungen. Der Liebesmythos vom Beginn der Beziehung muss reaktiviert werden.

SZ: Klappt das?

Retzer: Wenn es Gesichtsverlust und Scham nicht unmöglich machen, an die guten, alten Zeiten anzuknüpfen, schon.