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Outing von Ex-Skistar Anja Pärson:Ihr steilster Hang

Sie hat Jahre gebraucht, um sich ihrer selbst bewusst zu werden. Monate, um eine Entscheidung zu fällen. Jetzt hat sich die frühere Ski-Olympiasiegerin Anja Pärson in Schweden vor einem Millionenpublikum geoutet und eine neue Diskussion über Homosexualität angestoßen. Kritik kommt dabei von unerwarteter Seite.

Die Sache hatte mit einem ganz simplen Bedürfnis begonnen. Vielleicht liegt darin das Geheimnis. Anja Pärson jedenfalls wollte damals, 2005, beim Besuch in ihrer alten Heimatstadt Umeå in Nordschweden, einfach nur mal wieder ihren Kleiderschrank aufpeppen. Allerdings ist es "nicht so einfach, passende Jeans für einen Slalom-Hintern zu finden", erzählte die ehemalige Ski-Olympiasiegerin, als der schwedische Radiosender SR sie kürzlich zu seiner Gesprächsreihe "Sommaren" eingeladen hatte. Die Suche nach Klamotten endete damals in der Boutique von Filippa Rådin.

Ski-Star Anja Pärson bekommt Baby

Nach ihrer Karriere im Wintersport widmet sich Anja Pärson nun der Familie: ihrer Lebensgefährtin Filippa und dem gemeinsamen Sohn.

(Foto: dpa)

Doch über Jeans sollte es in dem Interview natürlich nicht gehen. Sondern darüber, dass sie, Anja Pärson, eine der erfolgreichsten Skirennfahrerinnen aller Zeiten, mit eben dieser Filippa inzwischen zusammenlebte. Und mit ihr auch ein Kind erwartete.

Anja Pärson hatte sich den Schritt an die Öffentlichkeit gut überlegt. "Mehrere Jahre lang", um genau zu sein. Als sie dann wusste, was sie wollte, setzte sie sich im kurzärmeligen T-Shirt an das Mikrofon der Radiostation, die ihr eineinhalb Stunden Zeit eingeräumt hatte, und begann, zu einem Millionenpublikum zu reden.

"Keine Fähnchen markieren den Weg"

Wie schwer ihr das fiel, machten ihre ersten Worte klar: "Ich heiße Anja Pärson und stürze mich jetzt auf den steilsten Hang meines Lebens. Er ist eisig und hart. Keine Fähnchen markieren den Weg." Und dann erzählte Pärson, was für so viele andere Menschen das Normalste auf der Welt ist. Dass sie verliebt ist. Dass ihr dieser Mensch, der sie so glücklich macht, alles auf dieser Welt bedeutet. Und dass sie, weil dieser Mensch nun einmal eine Frau wie sie ist, erst sich selbst Vorwürfe machte und dann ihrer Umwelt - weil es noch immer so schwer schien, das zu akzeptieren.

Erst im März dieses Jahres hat Pärson nach 14 Jahren ihre Karriere als Skiprofi beendet. Als eine von nur fünf Rennläuferinnen in der Geschichte des Skisports, die es geschafft haben, in allen fünf Alpin-Disziplinen Siege zu feiern, und als einzige, die in allen Disziplinen Weltmeisterin wurde. 42 Weltcupsiege, zwei Weltcup-Gesamtsiege, sieben WM-Titel und sechs olympische Medaillen, darunter der Olympiasieg 2006 im Slalom - Anja Pärson, die nach Siegen das Publikum gerne mit ihrem berühmten Bauchplatscher durch den Zielraum unterhielt, ist eine der erfolgreichsten Sportlerinnen Schwedens und eine der prägendsten Gestalten des Skisports überhaupt.

Im Lauf ihrer Karriere hat Pärson rund 100 Millionen schwedische Kronen verdient, umgerechnet etwa zehn Millionen Euro. Geld, das Firmen und Sponsoren ihr für ihre Erfolge und ihre Persönlichkeit bezahlten. Für einen Teil ihrer Persönlichkeit jedenfalls, dachte sie sich. In den schwedischen Medien wussten bald viele Bescheid, doch der Respekt vor Pärson als Person verhinderte ein ungewolltes Outing. Den Zwang, sich zu der eigenen Sexualität erklären zu müssen, lehnt Pärson ohnehin ab: "Findet ihr es gerecht, dass man sich dazu äußern muss, wenn man mit einer Person desselben Geschlechts zusammen ist?", fragte Pärson die Radiozuhörer.

"Ich bin erleichtert"

Sieben Jahre lang verbarg die Frau aus dem kleinen Tyresö im schneereichen Norden ihre Beziehung. Bis die Profikarriere beendet und alle Sponsorenverträge erfüllt waren. Bis die Sehnsucht nach Offenheit größer war als die Angst vor dem Verlust der letzten Privatheit. "Ich bin es leid, eine Rolle zu spielen. Ich möchte jetzt für mich und speziell für meine Partnerin Filippa die Wahrheit sagen", erklärte die 31-Jährige.

Schon 2003 hatte sie ihren Wohnsitz für einige Jahre nach Monaco verlegt, um dort nicht nur vom günstigen Steuergesetz zu profitieren, sondern auch, um der schwedischen Boulevardpresse zu entgehen. Inzwischen lebt sie wieder in Umeå, wo sie für sich und ihre Familie ein Haus baut.

"Jetzt haben die Gerüchte endlich ein Ende, ich bin erleichtert", sagte Pärson. Doch nicht nur das Outing war geplant, sondern auch die Zeit nach dem Karriereende: "Ich habe fast neun Monate gewusst, was ich in Zukunft tun werde", verriet sie zum Ende des Gesprächs: "Ich werde Mama."

Ärger von unerwarteter Seite

Zwei Wochen später brachte ihre Partnerin einen Sohn zur Welt, und Pärson ließ per Twitter ein Foto sehen und wissen: "Gestern früh ist der allerliebste kleine Junge gekommen, den es auf der Welt gibt. Ich glaube nicht, dass ich noch glücklicher sein könnte!" Sie hätte aber auch nicht geglaubt, dass ausgerechnet von Vertretern der Homosexuellen Ärger droht.

Ronnie Sandahl etwa, ein Autor und Regisseur, beschwerte sich in der Zeitung Aftonbladet darüber, dass Anja Pärson zu wenig Solidarität mit der Schwulen- und Lesbenbewegung zeige. Pärson hatte betont, dass sie weiter Wert auf Privatheit legt, und dass sie außerdem nicht für politische Statements oder Reden auf Homosexuellen-Veranstaltungen zur Verfügung zu stehen. Sie wolle sich nicht als Symbol vereinnahmen lassen, sagte Pärson.

Anders als etwa die ehemalige Hochspringerin Kajsa Bergqvist, die sich 2011 ebenfalls kurz nach ihrem Karriereende outete und tags darauf das Cover des größten Schwulenmagazins des Landes zierte. Anders auch als der Fußballer Anton Hysén, der 2011 mit seinem Outing im schwedischen Fußballmagazin Offside für Aufsehen sorgte, als er noch beim Viertligisten Utsiktens BK unter Vertrag stand. Inzwischen verdient er sein Geld aber vor allem als Medienpromi und Schwulenikone.

In Schwedens Medien mehren sich jetzt die Beiträge, die fordern, Pärson die Freiheit zu lassen, die sie nach jahrelangem Ringen nun für sich beansprucht hat. Die Freiheit, nichts verschweigen und sich dazu auch nicht erklären zu müssen.

Anja Pärson selbst hat jüngst ein Foto von sich mit Kinderwagen gepostet. "Ich liebe es", schreibt sie. Ganz einfach.

© SZ vom 20.07.2012/jobr/gba

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