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Osterfest:Im Corona-Jahr ist Ostern Furcht und Zittern

Coronavirus - Jena

Ein Mann, der mit Schutzmaske durch die Jenaer Innenstadt läuft - ein Bild, das zu Ostern 2020 gehört.

(Foto: dpa)

Fast alles, was zum Fest gehört, fällt in diesem Jahr aus. Doch aus dieser prekären Stille könnte sich eine besondere Kraft entwickeln.

Das Osterfest wird in diesem Jahr überschattet vom Karfreitag, und der Karfreitag hat schon vor Wochen begonnen, schleichend, und er will schier nicht enden. Der Karfreitag ist ein stiller Feiertag, der der Verzweiflung einen würdigen Raum gibt. Er ist nicht der Tag des friedlichen Entschlafens, sondern des schmerzhaften Sterbens.

Er erinnert an den Tag, an dem Jesus von Nazareth als junger Mann am Kreuz hingerichtet wurde. Dessen kurzer Weg auf den Tod zu beginnt am Vorabend des Karfreitag in Gethsemane, dem Garten am Ölberg in Jerusalem; und er endet, nachdem er sein Kreuz dorthin selbst hatte schleppen müssen, auf dem Hügel Golgatha. Todeskandidaten damals wurden nackt ausgezogen, an das Kreuz gebunden, manchmal auch noch genagelt, und starben nach stunden-, manchmal auch tagelanger Qual einen Erstickungstod.

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Heute, im Jahr 2020, beginnt der Karfreitag für zigtausend Menschen auf der ganzen Welt mit Atemnot, und sie beenden ihn, auf dem Bauch liegend, in einem Notbett im Krankenhaus.

Der Sabbat als Shutdown des Lebens

Im christlichen Gedenken folgt dem Tod am Freitag freilich schon am Sonntag seine frohe Überwindung. "Am dritten Tage auferstanden von den Toten" heißt es im Glaubensbekenntnis. Also: am Freitag gekreuzigt, gestorben und begraben; am Samstag, dem Sabbat, hinabgestiegen in das Reich des Todes; am Sonntag, dem ersten Tag der Woche, auferstanden von den Toten.

Diese drei Tage vom Tod zur Auferstehung sind freilich keine kalendarische Zeitangabe; sie sind eine theologische Zeitansage. Der Sabbat, der Tag der Ruhe, in der sich das Leben erneuern und die ganze Schöpfung regenerieren soll, wird zum Tag der Totenruhe und Grabesstille, zum hoffnungslosen Stillstand, zum Shutdown des Lebens. Die Auferstehung am Tag danach, dem ersten Tag der Woche, bei Sonnenaufgang, zitiert die Sieben-Tage-Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel; sie steht für den Anfang einer neuen Schöpfung.

Vom Sterben bis zur Auferstehung können es drei Tage sein, drei Monate oder auch drei Jahre. Im Corona-Jahr 2020 ist das besonders spürbar; die Welt befindet sich seit Wochen im Karfreitag; die Gesellschaft lebt in einer zerdehnten Zeit; und sie wartet auf das, was in der Bibel die Auferstehung heißt. In den Osterbildern aus allen Jahrhunderten triumphiert der Auferstandene. In den Osterliedern jubelt das Halleluja. Im Osterlachen wird der Tod ausgelacht. Nichts, gar nichts davon in diesem Jahr.

Das Jahr 2020 ist ein Jahr ohne Osterjubel, ohne Halleluja, ohne beglückende Osternacht. Es ist ein Jahr ohne Osterlicht und Osterfeuer, ohne Hochamt, ohne Weihrauch und Predigt.

Ostern 2020 ist das Hochfest, das kein Fest ist, weil fast alles ausfällt, was zu diesem Tag gehört, vor allem die Begegnung der Menschen miteinander. Ostern 2020, das sind die Tage der großen Irritation. Aber eben diese Irritation, die Furcht und die Angst sind etwas Ur-Österliches. Die Evangelien schwelgen gerade nicht in triumphalistischen und üppigen Bildern von der Auferstehung.

Nirgendwo im Neuen Testament wird die Auferstehung selbst geschildert. Alle Geschichten, die erzählt werden, handeln vom Vorher oder vom Nachher. Sie handeln also von Gefangennahme und Tod; und dann folgen die Erzählungen vom leeren Grab und davon, dass der Auferstandene verschiedenen Menschen begegnet, die ihn nicht erkennen, die zweifeln, die ihn für einen Fremden halten - und in dem Moment, in dem er erkannt wird, ist er schon wieder verschwunden.

Ostern hat, zumal dann, wenn man bei Markus, also in der ältesten Evangelienliteratur, nachliest, etwas vermeintlich Unösterliches: Nicht Freude ist die erste Reaktion, sondern Entsetzen, Furcht und Zittern. Frauen kommen zum Grab, um den toten Körper zu salben, und sie reden auf dem Weg noch davon, wer ihnen wohl den schweren Stein vom Eingang des Grabes wegwälzt. Als sie hinkommen, ist der Stein schon weg, das Grab ist leer, ein junger Mann sitzt da, Engel wird er nicht genannt, und sagt ihnen, dass der Gesuchte auferstanden sei. Jubel? Freude? Enthusiasmus? Gar nicht, im Gegenteil, die Frauen fliehen: "Denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand irgendetwas davon, denn sie fürchteten sich."

Damit, nicht mit Jubel, sondern mit Irritation, mit Fassungslosigkeit und Schweigen endet die Ostererzählung beim Evangelisten Markus. Sie endet mit großer Sprachlosigkeit. In ihr spiegelt sich die Sprachlosigkeit des Ostern 2020, in der niemand vollmundig von Auferstehung reden mag, selbst die Kirchen nicht.

Mehr ehrliche Hoffnung als sonst

Die österlich keimende Hoffnung ist sehr versteckt im Markus-Evangelium. Sie verbirgt sich in einer befremdlichen Szene bei Jesu Gefangennahme im Garten Gethsemane, als alle Getreuen ihn verlassen hatten: Da taucht wie aus dem Nichts ein junger Mann auf, der nur mit einem Tuch bekleidet ist, sozusagen mit dem letzten Hemd; der Mann folgt dem gefangenen Jesus, und als die Soldaten auch ihn packen, lässt er das Hemd fallen und läuft nackt davon. Der nackt Flüchtende gehört in die Metaphorik des Krieges, ist eine Ikone der Apokalyptik, steht für die Nacktheit der Welt, die auch im Jahr 2020 so spürbar ist: Helfern fehlen Schutzmasken, Kranken fehlen Medikamente, Experten fehlt Erfahrung, Geflüchteten fehlt Schutz. Der junge Mann kehrt wieder am frühen Ostermorgen. Er sitzt im leeren Grab, nun mit einem leuchtend weißen Gewand bekleidet - und bezeugt die Auferstehung. Das neue Kleid, das den Jüngling umhüllt, ist das Gewand zaghafter Hoffnung.

Einmal ist Ostern Freude und Jubel, ein andermal mehr Furcht und Zittern. Im Jahr 2020 ist es letzteres. Aber vielleicht steckt darin mehr Nachdenklichkeit, mehr ehrliche Hoffnung, mehr sensible Sehnsucht als sonst. Es könnte sein, dass die prekäre Oster-Stille des Jahres 2020 eine besondere Kraft entwickelt. Am ersten Ostern war es so.

© SZ vom 09.04.2020/jobr

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