Ostdeutsche Geschichten Als vietnamesisches Kind in der DDR

Trung Hoàng Lê, 1980 in Hanoi geboren, aufgewachsen bei Ostberlin, Psychologe in Hamburg

Als vietnamesisches Kind, das kurz vor der Wende aus Hanoi in die DDR gekommen ist, habe ich dieselben Erfahrungen gemacht wie die DDR-Kinder. Als die Mauer fiel, standen meine Eltern vor dem Nichts. Mein Vater ist studierter Bauingenieur, meine Mutter Textilingenieurin, sie waren in die Nähe von Ostberlin gezogen. Wir lebten in der Nähe der politischen Hochschule. Mit Studenten und vielen anderen Ausländern. Nach der Wende sollten wir dann nach Vietnam abgeschoben werden, und wir mussten darum kämpfen, bleiben zu dürfen. Meine Eltern haben sich als Küchenhilfen durchgeschlagen, um mich und meinen Bruder durchzubringen. Mit 14, in einem Alter, in dem man sich an den Erwachsenen auch mal reiben will, hatte ich Eltern, die mit dem Überleben beschäftigt waren, damit, eine soziale Stellung zu erhalten.

Wozu solche Brüche führen können, habe ich an den Jugendlichen um mich herum gemerkt, deren Familien arbeitslos wurden. Am Gymnasium musste ich einmal einem Mitschüler Unterlagen für ein Projekt nach Hause bringen. Als ich an der Gartentür stand und klingelte, kam seine Mutter heraus und brüllte, dass ich da nicht hineindarf. Da spürte ich zum ersten Mal die rechte Einstellung, die um sich griff - und den Ausländerhass, den ich nur aus den Medien kannte. Immer wieder wurde ich in Berlin von Rechten angegangen. Einer spuckte gegen das Fenster der Straßenbahn, in der ich saß. Oder ich ging eine Straße entlang, und einer dieser schwarzen Golfs, wie ihn die Rechten fuhren, hielt neben mir, ein Fenster ging runter und vier Glatzen guckten mich an. Der Rechtsextremismus hat mich auch beruflich beschäftigt. Ich habe als Psychologe in der Psychiatrie in Mühlhausen in Thüringen gearbeitet und hatte mit Jugendlichen zu tun, die Straftaten begangen hatten. Sie waren oft mit rechten Gangs unterwegs, da fühlten sie sich wohl. Ich merkte, dass vor allem die Einfachheit und das Zusammengehörigkeitsgefühl große Anziehungskraft auf sie ausübten. Man ist uniformiert, das gibt Sicherheit. Das Wort Kameradschaft fiel oft. Darin fanden sie etwas, das sie in ihren auseinanderbrechenden Familien nicht fanden. Seit etwa zehn Jahren mache ich weniger Erfahrungen mit Rechtsextremismus, das hat wahrscheinlich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zu tun.

Friedrich Göring, geboren 1989 in Weimar, lebt als Student in Erfurt

Als Kind wollte ich Bodyguard werden. Meine Mutter ist nach der friedlichen Revolution in die Politik gegangen, erst bei Bündnis 90, dann bei den Grünen. Als ich neun Jahre alt war, saß sie im Bundestag. Joschka Fischer und andere Politiker kamen uns mit ihren Sicherheitsleuten im Garten besuchen, das fand ich cool. Oft wurde beim Abendessen über Politik diskutiert, der Militäreinsatz in Kosovo oder die Hartz-IV-Reformen haben eine Rolle gespielt. Manchmal war das nicht einfach für uns Kinder. Politiker ist kein Job, den man einfach ablegen kann, Telefonate im Urlaub und Terminverschiebungen inklusive. Umso wichtiger war es zu verstehen, was Mama da eigentlich macht.

Mein Vater ist Pfarrer und sagte oft, dass er zu DDR-Zeiten im Dorf der Einzige war, der sich offen kritisch geäußert hat. Über Politik wurde damals nicht geredet, das hat sich natürlich fortgesetzt: Die Eltern meiner Klassenkameraden sprachen nicht viel über politische Themen, die Kinder erst recht nicht. Ich war jahrelang in meinem Freundeskreis fast der Einzige, der wusste, wie unser parlamentarisches System funktioniert. Dieses Desinteresse unserer Generation führt auch dazu, dass wir eine Debatte über den Unrechtsstaat DDR einfach so an uns vorbeiziehen lassen, anstatt zu sagen: Was diskutiert ihr da und warum?

Als Jugendlicher war ich bei der Grünen Jugend Thüringen. Das wurde mir irgendwann zu platt, nur zu skandieren: "Gebt das Hanf frei!" Parteimitglied bin ich weiterhin. Meine Freundin ist ebenfalls politisch engagiert, sie ist CDU-Mitglied und hat andere Ansichten als ich. Oft sind wir nicht einer Meinung, etwa wenn es um die Frauenquote oder das Betreuungsgeld geht. Seit Anfang des Jahres sind wir Eltern von Zwillingen, meine Freundin hat auch noch eine fünfjährige Tochter mit in unsere Familie gebracht. Mit 25 Jahren Verantwortung für eine große Familie zu haben, ist ungewöhnlich. Die anderen Eltern, die wir kennenlernen, sind zehn Jahre älter.

Ich glaube, der größte Unterschied zu unserer Elterngeneration ist, dass die Lebensläufe heute weniger vorbestimmt erscheinen. Ich studiere Kultur- und Medienmanagement, doch welchen Job ich einmal machen werde, weiß ich nicht. Sich mit Mitte 20 noch ziemlich "lost" zu fühlen, nicht zu wissen, wohin - ich glaube, das gab es früher nicht. In der DDR wurde ja quasi der Beruf für einen ausgesucht. Am Tag der Deutschen Einheit waren wir mit unserer Großen in einem ganz kleinen Ort im ehemaligen Sperrgebiet, wo früher der Grenzzaun verlaufen ist. Das kann man einer Fünfjährigen schon gut erklären, dass es doof ist, wenn man vom einen Hof nicht auf den anderen kann, weil zwischendurch ein gefährlicher Zaun verläuft. Unsere Kinder sollen politisch denkende Menschen werden.