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Oscars: Flops auf dem roten Teppich:Herrlich hässliche Kleider

Lätzchen und andere Scheußlichkeiten: Bei der Oscar-Verleihung waren die Roben vieler Stars so farblos wie die ganze Show. Manche Hollywood-Dame stach jedoch hervor. Mit Geschmacklosigkeit.

Der Mensch ist böse und missgünstig, er will sich an der Schönheit der Stars berauschen, noch viel lieber aber will er sie straucheln sehen. Darum boomen schon Wochen vor der eigentlichen Zeremonie die Listen der "Worst Oscar Dresses" im Netz. Und darum tratschen wir hier brühwarm zwei Episödchen weiter, die Philip Bloch, einer von Hollywoods Topstylisten, gerade ausgeplaudert hat.

In einem Jahr, so Bloch, habe er eine Schauspielerin in ein so enges Valentino-Kleid gesteckt, dass diese auf der Rückbank ihrer Limousine liegend zum Kodak Theatre transportiert werden musste. Ein andermal verordnete er einer hochschwangeren Diva (Catherine Zeta- Jones? Cate Blanchett?) eine Versace-Robe, in die sie am Tag der Oscars nicht mehr hineinpasste, weil sich das Kind über Nacht gedreht hatte. Worauf die Robe am Rücken entzwei geschnitten und die Dame hineingenäht wurde. Uns blieb spätestens an dieser Stelle die Luft weg.

Es war lila, luftig und von Rodarte

Aber da sind wir schon bei der zauberhaften Natalie Portman und der im Vorfeld meistdiskutierten Kleiderfrage: Unter welchem Modell würde sie ihren Sechsmonatsbauch verschwinden lassen?

Nun, es war lila, luftig und von Rodarte. Das ist insofern aufschlussreich, als Miss Portman vertraglich an das Haus Dior gebunden ist. Dessen Chefdesigner allerdings wurde gerade wegen antisemitischer Äußerungen suspendiert, und unter diesen Umständen ist es mit der Treue von Hollywoods Leading Ladies nicht weit her.

Die einzige, die sich Sonntagnacht in Dior über den Roten Teppich traute, war Nicole Kidman, und sie tat sich keinen Gefallen damit. Ein kubistischer Versuch in Weiß und Glitter - "das sieht nicht bequem aus, ist es aber", versicherte sie tapfer. Läster-Blogger Perez Hilton fühlte sich an "ein selbst gebasteltes Abschlussballkleid" erinnert.

Die ganz großen Klunker bleiben im Tresor

Von einer der langweiligsten Nächte in der Geschichte der Oscars war hinterher die Rede, und diese Farblosigkeit nahmen die Kleider auf dem 150 Meter langen Roten Teppich bereits vorweg. Viel Weiß, Silber und Nude, dazu bloße Schultern und splitternackte Hälse: Seit Jahren lässt Hollywood den ganz großen Klunker nun schon im Tresor und stellt auch bei der Wahl der Roben Bescheidenheit zur Schau - was sich relativiert, wenn man weiß, dass eine Oscar-Schauspielerin im Schnitt 8000 Euro und mehr für ihre optische Rundumerneuerung plus Stilberatung ausgegeben hat.

Die Stylisten sind die eigentlichen Spielverderber: Sie achten streng darauf, dass kein Kleid die Sehgewohnheiten der 40 Millionen Zuschauer überfordert. Kim Basinger und Geena Davis können ein Lied davon schluchzen: Sie haben einmal das Undenkbare getan und sich bei den Oscars selbst angezogen - das Gespött über "Cruella de Vil" (Basinger) und "die böse Hexe des Westens" (Davis) sind sie bis heute nicht losgeworden.

Ein anerkanntermaßen glückliches Händchen bei der Wahl ihres Stylisten hat Sandra Bullock. In diesem Jahr erschien sie in einem blutroten Corsagenkleid von Vera Wang, dazu als einziges Accessoire identisch blutrote Lippen. Scarlett Johansson, die Sirene vom Dienst, hatte sich in eine Kreation aus burgunderfarbener Spitze von Dolce & Gabbana gezwängt, in der sie zwar sexy aussah, aber nicht laufen konnte.

Alle Hoffnungen ruhten auf Helena Bonham-Carter

Apropos oversexed: Um die erst 14-jährige Hailee Steinfeld ("True Grit") war Hollywood zuvor etwas bang gewesen. Sie trug dann zwar ziemlich ungezogene Highheels, dazu aber ein blassrosa Tüllkleidchen von Marchesa - "age-appropriate!", Gott sei Dank altersgemäß, stöhnten die Tugendwächter erleichtert auf.

Jennifer Hudson wiederum feierte den Verlust von fünf Kleidergrößen mit dem zeigefreudigsten Dékolleté des Abends - die Schleppe der dazugehörigen Versace-Kreation ließ sie sich von drei Männern hinterhertragen.

Botox, Extensions und Bleaching

Abnehmen übrigens ist noch das Wenigste, was von den Oscar-Ladies erwartet wird. In den Wochen vor dem großen Abend werden Lippen vergrößert, Haare verlängert, Zähne gebleacht, Fettpölsterchen abgesaugt, Achselhöhlen mit Hilfe von Botox trockengelegt und Fußballen aufgespritzt, damit sie die Nacht auf 14-Zentimeter-Absätzen durchstehen können - von den täglichen Workouts zur Straffung von Armen, Schultern und Rücken ganz zu schweigen.

Da ist man doch froh, wenn man mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher sitzen darf.

Wo waren sie also, die hässlichen Kleider? Alle Hoffnungen ruhten wieder einmal auf Helena Bonham-Carter. Bei den Golden Globes hatte sie eine Art einstürzendes Origami von Vivienne Westwood, Sonnenbrille und zwei verschiedenfarbige Schuhe getragen. Unüberbietbar, wie sich herausstellte - ein Burgfräuleinkostüm aus schwarzem Samt und ein Strumpfband, von dem der Union Jack flatterte, mussten diesmal genügen.

Was sich im Brustbereich von Cate-Blanchetts Givenchy-Couturekleid befand, war Gegenstand von Spekulationen: Ein Lätzchen? Ein leerer Bilderrahmen? Eine nicht verkaufte Werbefläche?

In der Abteilung "Explodiertes Sahnebaiser" war diesmal Marisa Tomei vertreten, in einem heillosen Wust aus blauem Tüll.

Erwähnenswert auch das Oberteil von Oscar-Debütantin Jennifer Lawrence, das an einen roten Badeanzug erinnerte. Dass die Serie Baywatch mitsamt Rettungsschwimmerinnen vor zehn Jahren eingestellt wurde, hat sich offenbar noch nicht überall herumgesprochen.

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SZ vom 01.03.2011/jobr
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