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Ortstermin:Totale Power

Theresia, 10 Jahre, spielt seit zwei Jahren Schach.

(Foto: Robert Haas)

"Hier endlich spielen wir auf Augenhöhe": Bei einem Münchner Schachturnier treten Menschen mit Behinderung gegeneinander an.

Es ist ein Abzugsangriff, der ihm den Sieg einträgt. Seine schwarze und die weiße Dame stehen einander lauernd gegenüber, dazwischen als Bollwerk der schwarze Läufer; als dieser wegzieht, liefert er einerseits kaltblütig seine Dame aus, bedroht andererseits aber nun den weißen König. Die Majestät flieht, die schwarze Dame macht der weißen den Garaus, Jan-Philipp Heller hat die Partie gewonnen. Und es ist herrlich zu sehen, was jetzt passiert.

Zehn Minuten lang hat er mit finsterer Miene in seinem Stuhl gesessen, Kinn auf der Brust, Backen pumpend, die Brillengläser beschlagen vor Aufregung. Seine Hände mit den unschlüssig zuckenden Fingern sind lange über dem Brett geschwebt, bevor er den entscheidenden Zug gemacht und die verrinnende Zeit mit einem Hieb auf die Schachuhr angehalten hat - der ganze Mann eine kuriose Mischung aus Nervosität, Konzentration und völliger Hingabe. Jetzt wirft er die Arme in die Luft und jubelt seine Freude heraus, so inbrünstig, dass an den anderen Brettern die Köpfe hochrucken. Dann beugt er sich über sein Schreibgerät und fängt wild an zu tippen. Als er fertig ist, steht auf dem Display: "Guter Tag. 4 von 5!"

Jan-Philipp Heller, 35 Jahre alt, hat also vier von bisher fünf gespielten Schachpartien gewonnen. Obwohl er spastisch gelähmt ist. Und seine Emotionen nicht immer im Griff hat. Und im Rollstuhl sitzt. Und ein Schreibgerät mit Display benutzt, wenn er etwas sagen will. Es ist zweifellos ein guter Tag. Manche der Anwesenden sagen sogar: Es ist der beste Tag des Jahres.

Zum elften Mal bereits wird an diesem Tag in München das Turnier "Geistesblitz und Taktikwitz" ausgetragen, eine Kooperation der Stiftung Pfennigparade für körperbehinderte Menschen mit der Münchener Schachstiftung. Es ist eine bundesweit einzigartige Initiative: Körperlich eingeschränkte Menschen bekommen ein Jahr lang Schachunterricht von Profis und treten dann in einem Turnier gegeneinander an. Und weil im Angesicht des Schachbretts alle Menschen gleich sind, spielt jeder gegen jeden: Querschnittsgelähmte gegen Atmungsbehinderte, Männer gegen Frauen, Teenager gegen Erwachsene, Erwachsene gegen Kinder. 50 Menschen insgesamt.

Manche Spieler können ihre Figuren nicht selbst bewegen - und zocken trotzdem alle ab

Großmeister Stefan Kindermann, Mitbegründer der Münchener Schachakademie und der Schachstiftung sowie SZ-Schachkolumnist, hat in den elf Jahren seines Engagements hier schon große Szenen erlebt, wie es sie bei anderen Turnieren so nicht gibt. Szenen galoppierenden Lampenfiebers, gellenden Triumphes und tiefster Verzweiflung. Vor allem aber: "Schach auf wirklich hohem Niveau."

Die Teilnehmer sind stolz, wenn Kindermann lobt, schließlich stand er mal auf Platz 70 der Weltrangliste (wer etwas damit anfangen kann: Sein Elo-Wert betrug 2585). Kindermann sagt, wenn es darum gehe, sich jenseits des rein Körperlichen mit anderen zu messen, Erfolgserlebnisse zu haben, anerkannt zu werden, Schmerzen und Ängste wegzubeamen, das Hirn auf Trab zu halten und in jeder Hinsicht gleichberechtigt zu sein, dann gebe es kein besseres Spiel als dieses. "Totale Power zu haben", sagt Kindermann auch, "ist für unsere Teilnehmer nicht selbstverständlich."

Das ist, in Worte gefasst, ziemlich genau das, was man beim Betreten des Saals gespürt hat. Hintereinander weg: Mitleid. Betretenheit. Ein Erschrecken darüber, dass man, während man so seinem Leben nachgeht, völlig vergessen hat, dass es auch Menschen gibt, für die nichts aus diesem Alltag selbstverständlich wäre. Dann Bewunderung: Spielt man nicht selbst hier und da eine Partie Schach? Nun, gegen keinen hier könnte man gewinnen.

Einigen ist ihre Behinderung kaum anzumerken, viele aber sind so schwer eingeschränkt, dass sie die Figuren nicht selbst übers Brett bewegen können. Sie liegen in Spezialrollstühlen, manche mit Atemmasken, die Körper zu winzig und fragil für ihr Alter. Aber die Augen, während sie von einer Figur zu nächsten zucken, sind blitzwach. "Dame auf A3", sagt Theresia zu ihrer Helferin. Die Helferin nickt, lächelt, zieht. Auch Theresia gewinnt. Sie ist zehn Jahre alt, kann Arme und Beine nicht bewegen. Muskeldystrophie. Mit acht hat sie sich an der Münchner Ernst-Barlach-Schule für körperbehinderte Schüler für den Schachkurs eingeschrieben. Dies ist ihr zweites Turnier. Mag sie ein Interview geben? "Später. Ich muss mich konzentrieren."

Später sagt Theresia, ihre Stärke beim Schach sei eben dies, die Konzentration. Dass sie inzwischen zwei bis drei Züge vorausdenken könne. Dass sie daheim gegen den Papa spiele, "und manchmal gewinne ich". Sie hat ein zartes, klares Stimmchen. Was ihr am Schach gefällt? "Wenn ich eine Figur irgendwo hinstelle, und der andere denkt, ich muss die haben, dabei hab ich ihn nur abgelenkt und kann das ausnutzen." Totale Power, so fühlt sie sich an.

Alle spielen sieben Runden à 15 Minuten, nach jeder Runde gibt der Schiedsrichter die Platzierungen und die neuen Paarungen bekannt. Dann bittet er um "Turnierruhe!", und es kehrt diese murmelnde, durch einzelne Freuden- und Entsetzensrufe unterbrochene Geräuschkulisse ein, die jedem Wettkampf zu eigen ist, in dem es für diesen einen Moment um alles geht.

Zwischendurch lernt man Leute kennen. Werner Schwarz von der Pfennigparade, selbst im Rollstuhl. Er sagt: "Hier endlich spielen wir auf Augenhöhe." Oder Leonard Drechsler, 23, Epileptiker auf dem Weg zum FOS-Abi. Er sagt: "Schach macht mein Gehirn fit, dadurch bin ich auch in Mathe gut." Oder Kadir Özden, 18, verkrümmter Rücken, vier Finger an der linken Hand, der inzwischen in der Schach-Regionalliga antritt. Er hat diesen angeborenen Bewegungsdrang und hätte als Kind so gerne Fußball gespielt. Aber es ging nicht. Am Turnier der Pfennigparade hat er vor Jahren nur teilgenommen, weil es dafür schulfrei gab. "Und jetzt ist es ein historischer Ort für mich, der Beginn meiner Schachkarriere", sagt er. Sein Elo-Wert? "1760, aber im Kopf hab ich mehr."

Seine letzte Partie an diesem Tag spielt Kadir Özden gegen Jan-Philipp Heller ("4 von 5!"), er gewinnt klar und ist damit zum dritten Mal Turniersieger. Man will den Unterlegenen nun interviewen und deutet auf sein Schreibgerät. Er aber nimmt einem Block und Stift ab. Schreibt: "Leider Akku leer." Und: "8. Platz. Halb gut, halb schlecht." Eben will er die Sachen wieder herüberreichen, da fällt ihm noch was ein. Er schreibt: "Lange Partie immer schlecht. Aber ich konnte mithalten." Jan-Philipp Heller sieht ein bisschen betrübt aus, aber wirklich nur ganz kurz.