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Orthopädie:Gute Geschäfte mit Plattfüßen

,,Kinderfüße entwickeln sich in diesem Alter erst, und das passiert mit oder ohne Einlage'', so Pfeiffer. In manchen Familien hätten die Menschen einfach flache Füße, so wie es auch abstehende Ohren gäbe. Der Nutzen von Einlagen ist bei Kindern laut Pfeiffer eigentlich bei keiner Indikation ratsam. Ohnehin sind Eltern und Kinder mit der Handhabe der Einlagen offenbar überfordert: Viele der von Pfeiffer untersuchten Kinder trugen linke und rechte Einlage vertauscht oder sogar mit der Unterseite nach oben.

In den seltenen Fällen von wirklich krankhafter Fußentwicklung seien dagegen andere Maßnahmen als Einlagen notwendig. Eine völlige Absage will der Forscher den Einlagen aber dennoch nicht erteilen: Angesichts der großen Schar von praktizierenden Orthopäden ,,setze man sich da in Brennnesseln'', und wissenschaftliche Studien zu dem Thema gäbe es kaum. Mit seiner Arbeit findet er in Fachkreisen kaum Aufmerksamkeit: ,,Ich habe sie in Berlin und Wiesbaden vorgestellt, aber es gab kaum ein Echo.''

Vorwurf der Scharlatanerie

Wie viele Einlagen in Deutschland jährlich verschrieben werden, darüber vermag niemand Auskunft zu geben. Spanische Ärzte der Universität Malaga haben vor acht Jahren etwa 1200 Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren untersucht. Von diesen trug jedes siebte Kind Einlagen - ohne einen erkennbaren Zusammenhang zur Fußform. Anhand dieser Zahl rechneten die Forscher aus, dass die spanische Provinz Malaga mit knapp 1,5 Millionen Einwohnern jedes Jahr umgerechnet etwa vier Millionen Euro für Einlagen bei Kindern ausgab - in der Regel unnötig, wie auch die spanischen Ärzte konstatierten.

In deutschen Arztpraxen floriert derweil ein neues Geschäftsmodell. Mancher Orthopäde klärt seine Patienten inzwischen unumwunden über die Zweifel am Nutzen der starren, konventionellen Einlagen auf. Als moderne, alternative Behandlung von schmerzenden Füßen empfiehlt der Arzt dann ,,sensomotorische'' oder synonym auch ,,propriorezeptive'' Einlagen, zu denen die Kassen allerdings keinen Cent zuzahlen. Stimmt der Patient vorab einer Zahlung von mindestens 300 Euro zu, wird er in einer Sondersprechstunde eingehend untersucht und erhält direkt vom Arzt ein Paar Einlagen, die durch individuell aufgepolsterte Bereiche angeblich die Muskulatur stimulieren sollen.

Als Scharlatanerie bezeichnet Hans Henning Wetz das Verfahren. Er leitet auch die deutsche Prüfstelle für orthopädische Hilfsmittel, wo die neumodischen Einlagen untersucht wurden. ,,Keine der beiden hier durchgeführten Studien konnten ein Einfluss dieser Einlagen auf Haltung und Statik der Probanden nachweisen'', fasst Wetz das Ergebnis zusammen. Die teure Zusatzleistung würde ganz bewusst vom Handwerk lanciert. Den subjektiv empfundenen Erfolg der Patienten erklärt sich Wetz durch die Macht der Suggestion: ,,Bei manchen Patienten reicht schon eine Erhöhung der Einlage an ein einer Stelle um einen halben Millimeter.''

Barfußlaufen stärkt die Fußmuskulatur

Auch Ludger Gerdesmeyer, der den Arbeitskreis Evidenzbasierte Medizin der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie leitet, hält den Erfolg der teuren Zusatzleistung vor allem für einen Placeboeffekt. ,,Einen Wirksamkeitsnachweis gibt es nicht - allerdings für die alten Einlagen auch nicht'', sagt er. Ohnehin beruhe der Erfolg vieler medizinischer Anwendungen zu 80 Prozent auf einem Placeboeffekt. Dieser würde umso stärker, je intensiver sich ein Patient betreut fühle und je mehr Eigenleistung er erbringen müsse. Ist die teure Entscheidung einmal getroffen, dann ignoriert der Patient so gut wie möglich auch ein Ausbleiben eines therapeutischen Effekts.

Wem dieser heilmächtige Glaube fehlt, für den wird die Entscheidung in der orthopädischen Praxis nicht leicht. Ein Trost ist immerhin, dass genauso wenig wie der Nutzen von Einlagen auch ein Schaden durch die Kork-Lederlappen nachgewiesen ist. So kann jeder bei schmerzenden Füßen den bunten Markt der orthopädischen Hilfsmittel austesten, soweit der Geldbeutel es zulässt.

Darüber hinaus gibt es einen ärztlichen Rat, über den sich alle Experten einig sind und der absolut nichts kostet: Barfußlaufen - egal auf welchem Untergrund - stärkt die Fußmuskulatur und damit das Fußgewölbe. Besonders Kinder sollten ihre Schuhe so oft wie möglich ausziehen. So weiß man aus Untersuchungen in Indien, dass Kinder, die meist feste Schuhe tragen, dreimal so häufig platte Füße haben wie Kinder, die überwiegend barfuß laufen.

© SZ vom 3.3.2007
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