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Orthopädie:Gute Geschäfte mit Plattfüßen

Seit Jahrzehnten verschreiben Orthopäden Schuheinlagen - obwohl diese in den meisten Fällen nutzlos sind.

,,Sie brauchen unbedingt Einlagen, sonst landen Sie eines Tages im Rollstuhl'', ermahnt der Orthopäde die junge Frau, die irritiert auf ihre Füße starrt. Was vergleichsweise unverdächtig aussieht, klingt als Diagnose beunruhigend: Knick-Spreiz-Senkfuß steht auf dem Rezept, mit dem der Arzt seine Patientin zum Sanitätshaus schickt.

Füße

Barfüßig laufende Spaziergänger: Orthopäden und Sanitätshäuser folgen bei der Verschreibung von Einlagen einer eingespielten - und einträglichen - Tradition, die allerdings einen Makel hat: Es fehlt der wissenschaftliche Beweis für den Nutzen der Einlagen.

(Foto: Foto: ddp)

Im Volksmund heißt das Plattfuß. Für die Untersuchung hat ein Blick genügt, und auch die Therapie ist klar: Nach eigenem Gutdünken fertigt der Orthopädietechniker Maßeinlagen, zwei Paar zahlt weitgehend die gesetzliche Krankenkasse. Die Einlagen soll die Patientin ständig tragen - andernfalls drohen angeblich schwere Knie- und Rückenbeschwerden.

Orthopäden und Sanitätshäuser folgen damit einer eingespielten und einträglichen Tradition, die allerdings einen Makel hat: Für Notwendigkeit und Nutzen der Behandlung fehlt jeglicher wissenschaftliche Beweis. Nach einer methodisch guten Untersuchung, die den Nutzen von Einlagen demonstriert, sucht man vergebens.

"Es gibt eine klare Regel: keine Beschwerden - keine Einlagen"

Während jedes neue Medikament seinen Wert erst in aufwändigen, kontrollierten Studien unter Beweis stellen muss, genügt bei orthopädischen Hilfsmitteln allein die jahrzehntelange Erfahrung der Ärzte, damit die Kassen die Kosten übernehmen. Dabei existiert im Lehrbuch zwar die Idealform eines gewölbten Fußes; doch die sichtbare Abweichung von dieser Norm bedeutet noch keineswegs, dass ein Mensch jemals Beschwerden entwickeln wird. Viele Menschen laufen problemlos ein Leben lang auf platten Sohlen.

,,Es gibt eine klare Regel: keine Beschwerden - keine Einlagen'', sagt Hans Henning Wetz, Leiter der Klinik für Technische Orthopädie und Rehabilitation in Münster. Auch bei Schmerzen im Fuß seien Einlagen keineswegs das Mittel erster Wahl. ,,Einlagen helfen, wenn man die Ursache der Schmerzen erkannt hat. Das kann man aber nur nach einer sehr gründlichen Diagnose.'' Die aber kostet Zeit und Mühe, die in der täglichen Praxis meist fehlen. ,,Die meisten Ärzte zücken schnell ein Rezept, und dann nützen die Einlagen oft nichts'', kritisiert Wetz.

So sei eine häufige Ursache von Fußbeschwerden gar nicht der weit verbreitete Senkfuß, sondern eine Verkürzung der Wadenmuskeln, die zum sogenannten funktionellen Spitzfuß führen. Ein Anzeichen dafür ist, wenn man auf dem Rücken liegend die Beine nicht bei angewinkelten Füßen senkrecht nach oben strecken kann. Und auch für die Behandlung von Senkfüßen seien oft andere Behandlungsmethoden wie Fußgymnastik, Fußreflexzonenmassage oder manuelle Therapie angezeigt.

,,Einlagen muss man ganz gezielt einsetzen - auf keinen Fall darf man einfach nur die Diagnose auf ein Rezept schreiben'', so Wetz. Vielmehr müsse der Arzt dem Orthopädietechniker genau spezifizieren, welche Art von Einlage angefertigt werden und was damit erreicht werden soll.

Plattfüßig geboren

Im Idealfall wölbt sich der menschliche Fuß in zwei Richtungen. Zum einen zieht sich ein Längsgewölbe von der Ferse zum Vorderfuß - wenn dieses verflacht ist, spricht man von einem Senkfuß. Knickt dabei zusätzlich der Knöchel nach innen ein, nennt man das einen Knickfuß. Ein kleineres Quergewölbe spannt einen Bogen zwischen den Ballen des Vorderfußes. Wenn dieser Bereich verflacht und die Zehen auseinanderstreben, lautet die Diagnose Spreizfuß.

Knick-, Spreiz-, Senkfüße treten häufig in Kombination auf, Einzelformen sind eher selten. Weil die Fußwölbung in erster Linie durch Muskelkraft aufrechterhalten wird, ist unter Fachleuten inzwischen umstritten, ob man den Füßen mit einer starren Unterlage überhaupt einen Gefallen tut. Denn diese stützen zwar ein zu schwach ausgeprägtes Gewölbe; da die Muskeln aber dadurch entlastet werden, schwächen sie womöglich langfristig die natürliche Fußmuskulatur.

Besonders heikel wird es, wenn Kinder schon im frühen Alter Einlagen bekommen - hier drängen besorgte Eltern oft auf eine schnelle Korrektur. Dabei kommt jedes Kind mit platten Fußsohlen auf die Welt. Babyfüße sind mit einer Speckschicht gepolstert und ein stützendes Fußgewölbe bildet sich erst durch das Laufen während der ersten sechs bis zehn Lebensjahre. In einer der wenigen Untersuchungen zu dem Thema hat Martin Pfeiffer an der Universitätsklinik für Orthopädie in Wien im vergangenen Jahr die Füße von mehr als 800 drei- bis sechsjährigen Kindern untersucht und mit einem dreidimensionalen Laserscanner vermessen (Pediatrics, Bd.118, S.634, 2006).

Während 54 Prozent der Dreijährigen einen Knick-Senkfuß hatten, waren es unter den Sechsjährigen nur noch 26 Prozent. Nur in einem einzigen Fall jedoch war die flache Fußform krankhafter Natur. Dessen ungeachtet trug jedes zehnte Kind Einlagen, was zum Zeitpunkt der Untersuchung laut Pfeiffer fast immer unnötig war.