Süddeutsche Zeitung

Organisierter Tickethandel für Bolschoi-Theater:Die Mafia übt sich in Spitzentanz

Wie kauft man eine Eintrittskarte für das Bolschoi-Theater? Viele Russen scheitern an dieser Aufgabe, weil Spekulanten gezielt Mitarbeiter in die Schlange stellen, um Tickets zu erstehen und anschließend zu überhöhten Preisen weiterzuverkaufen.

Wer Dornröschen sehen will, muss früh aufstehen. Der unrasierte Mann mit der verdreckten Jeans steht angeblich schon seit vier Uhr früh hier draußen vor dem Kartenschalter des Bolschoi-Theaters. Ist das nicht übertrieben? "Ich muss ja sehen, dass was vorwärts geht", murmelt er vage. Aber es geht nichts vorwärts. Es ist jetzt bereits zehn Uhr, noch zwei Stunden bis Verkaufsbeginn, und in der Moskauer Kälte trippeln sich nur 20 wartende Menschen die Füße warm. Aber der Eindruck täuscht. Man hat nur das System noch nicht durchschaut.

Dann ist ein bekanntes Gesicht zu sehen. Ein älterer Mann mit Baseballkappe, Alkoholfahne und schlechten Zähnen. Dann noch einer, der schon da war. Auch er war auf dem Foto in der Nowaja Gaseta, die am Vortag mit einer Reportage über organisierten Tickethandel erschien und dem Titel: "Wie kauft man eine Eintrittskarte für das Bolschoi-Theater?" Das fragen sich der derzeit viele Russen.

Fast sechs Jahre war die historische Bühne des 250 Jahre alten Bolschoi-Theaters geschlossen. Baufällig war das Gebäude gewesen, verstaubt die Technik, abgenutzt das Interieur. Seit zwei Wochen ist es wieder offen, und der Drang der Moskauer, endlich die neue Pracht zu erleben, ist groß. Schlange stehen sind viele aus Sowjetzeiten gewöhnt, aber nun mischt sich in die Geduld der Wartenden Unmut.

"Was läuft hier für ein Spiel?", fragt ein Rentner. Immer mehr Männer tauchen auf, die man sich nur mit viel Phantasie in Abendgarderobe vorstellen kann und die sich angeblich in der Früh schon einen Platz in der Schlange gesichert hatten, dann aber erstmal fortgingen und sich ihren Platz freihalten ließen. "Die kennen sich sicher alle untereinander", sagt eine Frau. Sie will nach 20 Jahren erstmals wieder ins Bolschoi, um endlich den renovierten Saal zu sehen. Doch als sie merkt, dass sie immer weiter nach hinten geschoben wird, gibt sie auf. "Ich muss leider zur Arbeit", sagt sie.

Seit Tagen schwirrt ein schwerer Vorwurf durch Moskau. Dass Spekulanten täglich gezielt ihre Mitarbeiter, einige von ihnen Obdachlose, mit dem Auftrag in die Schlange stellen, die Maximalzahl von zwei Tickets zu kaufen und diese dann abzutreten, damit sie weiterverkauft werden. Für bis zu 700 Euro. Der Frust der Moskauer ist groß, ohnehin geht nur ein Teil der Karten in den freien Verkauf. Bis zu 80 Prozent aller Parterre-Plätze seien für Minister, Abgeordnete und andere Personen reserviert, "über die sich das Bolschoi-Theater mehr freut als über den einfachen Bürger", schrieb die Zeitung Moskowskije Nowosti sarkastisch.

Die Zahl der Beschwerden beim Theater ist groß, und das Problem ist der Leitung des Bolschoi bewusst. "Wir wissen, dass viele Kriegsveteranen ihre deutlich vergünstigten Karten für den zehnfachen Preis verkaufen", sagt die Bolschoi- Sprecherin Katerina Nowikowa. "Aber wir können da nichts machen; im russischen Gesetz gibt es derzeit keinen Artikel gegen Spekulantentum - leider." Eine Möglichkeit ist der Leitung aber doch noch eingefallen. Demnächst sollen Karten nur noch gegen Vorlage des Passes verkauft werden.

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Quelle:
SZ vom 17.11.2011/vs/gba
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