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Online-Gewalt:Wie Frauen Hass im Internet erleben

Jana

Frauen müssen gar nicht durch einen einsamen Park gehen, um sexualisierte Gewalt zu erfahren. Oft reicht es, wenn sie online gehen. Das Bild zeigt Studentin Jana, 20, die von ihren Erfahrungen auf Dating-Plattformen erzählt.

(Foto: privat)

Künstlerinnen, Influencerinnen aber auch ganz normale junge Frauen werden virtuell beleidigt oder mit sexuellen Gewaltfantasien bedroht. Drei von ihnen erzählen von ihren Erlebnissen.

Von Franziska Osterhammer

Nachts lieber nicht durch einen verlassenen Park zu gehen, weil einen ja jemand anmachen könnte - oder Schlimmeres: Diese Sorge gehört für viele Frauen zur Lebensrealität. Doch manchmal muss man gar nicht das Haus verlassen, um sexualisiertem Hass und Bedrohungen ausgesetzt zu sein - es reicht, ins Internet zu gehen, und sich in sozialen Netzwerken anzumelden. Für Belege muss man lediglich mit Frauen reden, fast egal, mit welcher. Über Vergewaltigungsdrohungen, "Bock zu ficken?" und "Stell dich nicht so an."

Marie Clara Groppler, 21, Comedian

Marie Clara Groppler
(Foto: Nico Stank)

"Vor ungefähr einem Jahr habe ich bei einem TV-Auftritt einen Gag gemacht, der sich gegen Rechte richtete. Das hat einen großen Shitstorm ausgelöst, zwar nicht in der breiten Öffentlichkeit, aber in rechten Kreisen. Ich bekam damals online und auch per Telefon Vergewaltigungs- und Morddrohungen, bis hin zu ,Wir finden raus, wo du wohnst, wo deine Mutter wohnt'. Ich konnte es mir fast nicht durchlesen, weil es sich überwiegend um schlimme Drohungen handelte. Sie haben dann auch bei den Veranstaltern meiner Auftritte angerufen und angekündigt, dass sie vorbeikommen und ich mein blaues Wunder erleben werde. Ich hatte richtig Angst, aber zum Glück ist nie jemand aufgekreuzt.

Auf Facebook sind, glaube ich, viele Hater unterwegs. Da lese ich aber die Nachrichten schon gar nicht mehr. Auf Instagram schon, da sind die meisten Nachrichten ganz nett, vielleicht jeden zweiten Tag ist eine Hassnachricht dabei. Nur reicht eine richtig blöde Nachricht, und schon vergisst man die ganzen guten Kommentare der Fans. Ich versuche, mir das nicht so zu Herzen zu nehmen, gerade wenn das Profile mit null Followern und null Abonnenten sind. Das ist dann vielleicht ein Zwölfjähriger, der es irgendwie lustig findet, oder ein trauriger Typ, der bei seiner Mutter im Keller wohnt. Trotzdem: Das rechtfertigt diese Art der Kommunikation und diesen Hass natürlich nicht. Die Leute sollten es einfach lassen - und sich vielleicht mal vorstellen, dass solche Nachrichten auch ihre kleine Schwester treffen könnten."

Madeleine Alizadeh , 30 Jahre, österreichische Autorin, Unternehmerin und Influencerin (@dariadaria)

Madeleine Alizadeh
(Foto: Maria Noisternig/privat)

"Ich bekomme eigentlich jeden Tag Hassnachrichten. Mir wurde schon gewünscht, dass ich verschleppt und vergewaltigt werde. Dann natürlich die Morddrohungen. Die habe ich zum Beispiel bekommen, als ich in einer Radiosendung erzählt habe, dass ich meinen Hund vegan ernähre. Richtig schlimm war es auch, als ich vor einem Jahr symbolisch für die Grünen kandidiert habe. Unter einem Krone-Artikel durfte ich in den Kommentaren dann Sachen lesen wie: ,Die hätte ich lieber mal im Bett und nicht in der Politik'. Ich glaube schon, dass es mit den Themen zusammenhängt, zu denen ich mich positioniere: Umweltschutz, Veganismus, Politik, Feminismus. Es liegt aber auch sicher daran, dass ich einen iranischen Vater habe und mich manche deswegen nicht als Österreicherin sehen. Das alles, dazu noch als Frau, die sich in der Öffentlichkeit bewegt, bietet eine große Angriffsfläche.

Manchmal kann ich mich besser von solchen Nachrichten abgrenzen, manchmal weniger gut. Zum Glück bin ich in der privilegierten Situation, mir eine Therapie leisten zu können, das ist meine Art, damit umzugehen. Und ich mache meine Erlebnisse auf Instagram auch öffentlich. Meiner Meinung nach ist der Gesellschaft nicht klar, wie schlimm der Hass ist, den Frauen im Internet erfahren. Man hört oft nur ein ,Stell dich nicht so an'. Dabei ist das sehr belastend. Ein Ereignis ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Da hat mir eine Person geschrieben, sie wüsste, in welchem Supermarkt ich einkaufen gehe, und werde mir dort das nächste Mal die Meinung sagen. Es wurde sogar die Adresse genannt, und sie hat gestimmt. Da hatte ich wirklich Angst."

Jana, 20, Studentin

Jana
(Foto: privat)

"Über eine Dating-App habe ich einen Mann kennengelernt, der dort keine Bilder drin hatte, aber eine sympathische Beschreibung. Als ich dann aber bei Whatsapp sein Profilbild gesehen habe, habe ich gemerkt, dass er optisch nicht mein Typ ist, woraufhin ich ihn sehr freundlich gekorbt habe. Er wurde daraufhin beleidigend: Ich sei ein ,scheiß Nazi' und solle mich in den Boden schämen, ich würde ihn ja nur wegen seiner französischen Wurzeln abschießen - von denen ich übrigens keine Ahnung hatte. Ich habe nicht mehr drauf geantwortet, aber es blieb nicht bei dieser Begegnung. Einige Wochen später änderte ich meine Tinder-Beschreibung in die Frage: ,Was ist das Erste, woran du denkst, wenn du mich siehst?' Er hat mich daraufhin noch mal angeschrieben: ,Das Erste, was ein Mann denkt, wenn er dich sieht, ist, dass er gerne in dein Gesicht kommen würde.' Leider sind solche Nachrichten nicht ungewöhnlich, gerade wenn man Männer abweist.

Ich habe schon Ausdrücke an den Kopf geworfen bekommen, die ich mein ganzes Leben davor noch nicht gehört habe. Und dann sind da noch die Sexanfragen. Du entsperrst morgens dein Handy, siehst ein ,Bock zu ficken?' oder ein Dickpic, also ein Penisfoto, das dir ungefragt geschickt wurde, und denkst dir: Ah, okay, dir auch einen guten Morgen. Ich stumpfe zwar immer mehr ab, weil es einfach so normal wird, aber ganz kalt lässt es mich nie."

© SZ/nas
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